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Kultur und Politik lassen sich nicht trennen

Gespräch mit dem Alt-Bundesrat über das Kulturjahr 2011 und seine Prinzipien. Aargauer Zeitung, 31. Dezember 2011

Von Marco Guetg (Interview) und Chris Iseli (Fotos)

Am Rande der Zürcher Altstadt hat sich Moritz Leuenberger ein Büro eingerichtet. Funktional, modern, wie man es von seinem Berner Büro kennt. Dort empfängt er uns zum Gespräch. Unsere Absicht: Mit dem langjährigen Verkehrs- und Umweltminister mit erklärter Affinität für die Kultur über sein Kulturjahr 2011 zu reden. Das Treffen findet einen Tag nach dem Tod des ehemaligen tschechischen Staatspräsidenten und Schriftstellers Vaclav Havel statt, ein Ereignis, das Moritz Leuenberger offensichtlich bewegt. Auf die Frage nach seiner kulturellen Sozialisation mag er denn nicht antworten, weil er nicht „analytisch in meiner Kindheit grübeln“ mag. Das Gespräch über Leuenbergers Kulturjahr 2011 wird zum Gespräch über die Wechselwirkung von Kultur und Politik – und beginnt mit Havel.

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Moritz Leuenberger: Mit Vaclav Havel habe ich mich immer wieder identifiziert, gerade in Bezug auf Kultur und Politik. Seine Politik war Kultur und seine Kultur war Politik. Das ist auch mein Credo: Kultur und Politik lassen sich nicht trennen. Wo immer ich bin, in einem Theater, in einem Film, welches Buch ich auch lese: Mir zeigen sich immer politische Verknüpfungen. Das spielt auch umgekehrt. Zu politischen Reden oder Voten inspirieren mich immer auch kulturelle Erfahrungen. Bei Havel war das natürlich noch viel ausgeprägter. Er war politischer Schriftsteller, bevor er Berufspolitiker wurde.

Sie waren Bundesrat, jetzt könnten Sie Schriftsteller werden…

 … das erwarten viele. Aber ich habe das Schreiben von Essays und politischen Reden als Bestandteil meiner Arbeit als Bundesrat verstanden. Einmal nur war ich kurz davor, etwa Fiktionales zu schreiben, habe es dann aber nach langen Diskussionen mit meinem politischen Umfeld sein lassen.

Aus Angst vor der Kritik?

Nicht vor inhaltlicher Kritik, die sucht man ja, wenn man schreibt, aber ich musste mir klar machen, dass die mediale Schweiz keinen Bundesrat zulassen würde, der einen Roman oder ein Drehbuch schreibt; er soll sich um die Tagespolitik kümmern, um den Stau am Gotthard. Das ist übrigens nicht nur in der Schweiz so. Havel selbst wurde solange bejubelt, bis er Staatspräsident war. Danach wünschten sich aber Journalisten wie Parlamentarier immer weniger einen Kulturschaffenden als Präsidenten, sondern einen klassischen Politiker.

Interessiert sich ein Politiker intensiv für Kultur, fällt schnell einmal das Wort „Schöngeist“. Das haben auch Sie erlebt.

Oft, ja. Schöngeist als Schimpfwort unterstellt einem Politiker, er kümmere sich nicht um die Tagespolitik und das konnte ich bei mir als Vorwurf nicht akzeptieren. Ich bin von zwei Dingen überzeugt. Erstens: Jeder tagespolitische Entscheid, die Velohelmpflicht zum Beispiel, stützt sich auf grundsätzliche ethische Abwägungen oder auf moralische Werte. Zweitens: Es ist die Kultur, welche unsere Moral und unser ethisches Verhalten prägt. Also bestimmt sie auch die Politik. Unsere Grundwerte basieren nicht auf irgendeiner Theorie oder Ideologie, sondern sie schöpfen aus dem Quellwasser kultureller und religiöser Traditionen.

Gibt es kulturelle Erlebnisse, die direkten Einfluss gehabt haben auf die politische Gestaltung?

Fast wöchentlich, Voten im Parlament, Texte von Botschaften wurden von kulturellen Begegnungen geprägt.

Nennen Sie uns bitte ein Beispiel.

Dürrenmatts „Die Panne“, erster Teil. Ein bestechender Text, der die Gefahren von Grosstechnologien literarisch umschreibt und zeigt, wie ein winziger Fehler zu einem GaU für die Menschheit führen kann. Dieser Text hat bei meinen Überlegungen zur Energiepolitik oder, wenn ich mich mit Staudämmen befassen musste, immer mitgeschwungen. Einmal habe ich versucht, ein Zitat des Textes in einer Botschaft zu platzieren. Der Bundesrat hat sie dann wieder rausgenommen.

Da müssen Sie uns nun aber etwas mehr verraten!

Nach dem Sturm Lothar, der vor allem die Innerschweiz stark heimgesucht hatte und wo dann der Bund Hilfe leistete, habe ich in der Botschaft eine Dürrenmatt-Stelle zitiert. Der Bundesrat hat diese Passage dann rausgekippt mit der Begründung, die Menschen wollten Geld und nicht Literatur. Oder wenn ich an die Verkehrspolitik denke, fällt mir das Gedicht von Kleist ein: „Ich komme, ich weiss nicht von wo? / Ich bin, ich weiss nicht, was? / Ich fahre, ich weiss nicht wohin? / Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“ Dieses Gedicht und seine Interpretation durch Peter von Matt hatte Einfluss auf meine Verkehrspolitik.

Kleist als kultureller Wegbereiter für die Schweizer Verkehrspolitik?

Was zeigt uns das Gedicht? Dass die Mobilität als solche zum Sinn des menschlichen Daseins gehört. Natürlich gibt es dazu Gegenpositionen, doch Tatsache ist, dass sich die Menschen bewegen wollen, tendenziell immer mehr. Als Verkehrsminister sich nun moralisch dagegen stemmen zu wollen, wäre völlig sinnlos. Ich musste vielmehr diese kulturelle Tatsache akzeptieren, mich aber dafür einsetzen, dass die Mobilität nachhaltig und ökologisch gestaltet wird. Solche Überlegungen wurden genährt von diesem Gedicht und seiner Auslegung durch Peter von Matt.

 

Sie sind Jurist. Haben Sie eigentlich nie an ein Philosophie- oder Literaturstudium gedacht?

Nein, mein Vater hat eher sanft auf Theologie hingewirkt, ich wollte aber nicht in seine Fussstapfen. Trotzdem habe ich Gefallen an der Sprache und in der Politik spielen Sprache und Kommunikation eine wichtige Rolle.

Und welchen Stellenwert hat das Scheiben jetzt, ein Jahr nach dem Rücktritt als Bundesrat?

Ich weiss noch nicht recht, was ich will. Ich bin ja eigentlich erst gerade zurückgetreten.

Es gibt in Ihrer kulturellen Vita ein Ruth-Berghaus-Erlebnis. Seither sind Sie Operngänger. Wie würden Sie es in Ihrer Biografie beschreiben?

Vorerst einmal: Ich bin kein grosser Opernkenner! In meiner Jugend hatte ich eher eine rebellische Abneigung gegen klassische Musik. Erst als über Vierzigjähriger hat mich dann Ruth Berghaus’ Inszenierung des Freischütz derart fasziniert, dass ich angefangen habe, mich intensiver mit dieser Kunstgattung zu befassen.

Gabe es im Opernjahr 2011 den einen oder anderen Berghausflash?

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Ich sah zwei aussergewöhnliche Opern. „Die Nase“ von Schostakowitsch, am Opernhaus Zürich von Peter Stein inszeniert. Eine hervorragende Arbeit, die gleich wieder politische Assoziationen hervorrief: Peter Stein wurde in den 1970er-Jahren als künstlerischer Direktor des Schauspielhauses aus Zürich verjagt. Nach der Premiere hat er mir gesagt: Die Vertreibung aus Zürich sei für seine weitere Entwicklung letztlich gut gewesen. Für uns, die wir hierblieben, war allerdings sein Weggang und der von Bruno Ganz sehr schmerzvoll. Die zweite Oper war Janaceks „Die Sache Makropulos“, von Christoph Marthaler an den Salzburger Festspielen inszeniert. Ich konnte kurzfristig an die Hautprobe gehen, war also völlig unvorbereitet und merkte sofort, dass der Text von Karel Capek stammen muss. Dieser 1938 verstorbene tschechische Autor ist ein politischer Schriftseller, aus dessen Werken ich immer wieder schöpfe und ihn auch oft zitiere. In einem Text bekennt er, warum er kein Kommunist sein kann, nämlich weil die Moral des Kommunismus nicht eine Moral der Hilfe unter den Menschen sei, sondern eine der blossen Organisation, des kalten Staates.

Am Opernhaus Zürich und am Zürcher Schauspielhaus sind Sie Abonnent. Nach welchen Kriterien fällen Sie Ihre Spontanentscheide?

Ich bin kein Fan, von nichts. Ich rase weder an alle Festivals noch hetze ich in Zürich von Aufführung zu Aufführung. Mein Kulturprogramm ist eher zufällig. Was ich hingegen sehr oft mache: Wenn ich einen Auftritt in einer anderen Stadt habe, schaue ich nach, was dort im Theater läuft oder welche Ausstellungen zu sehen sind. In Berlin habe ich soeben eine Patricia-Highsmith-Aufführung gesehen. Eher enttäuschend, aber das macht nichts. Auch das führt zu einer kulturellen Auseinandersetzung. Kunst darf auch scheitern. Vielleicht bin ja auch ich an der Aufführung gescheitert und nicht sie an mir.

Hat sich Ihr Leseverhalten verändert, seit Sie nicht mehr Bundesrat sind?

Leider nicht. Zwar habe ich viele Bücher gekauft, doch die liegen alle noch ungelesen herum. Ich habe zu viele Auftritte und Reden angenommen und wenn ich etwas las, dann um eine Rede vorzubereiten.

 Wie wählen Sie die Bücher aus? Aufgrund von Rezensionen, persönlichen Empfehlungen?

 Das geht recht zufällig. Zum Beispiel: Ich bereite eine Rede zum 100-Jahr-Jubiläum Pro Natura vor. Dazu lese ich Robert Harrisons „ Gärten“, wo die Geschichte der Beziehungen der Menschen zu den Gärten geschildert wird. In diesem Harrison-Buch stosse ich auf „Das Jahr des Gärtners“ von Karol Capek, also mache ich mich über Capek kundig und entdecke seine Theaterstücke, Romane, seine Gespräche mit Masaryk und was er vom Kommunismus hält. So führt Neugier wieder zu neuen Entdeckungen. Zum Kulturjahr 2011 gehört für mich auch der Tod des spanischen Schriftstellers Jorge Semprun. Auch er kam wie Havel über die Kultur in die Politik. In seinem Buch „Sanchez verabschiedet sich“ schildert er, wie er als Kulturminister plötzlich in die völlig neue Welt des politischen Protokolls tritt. Natürlich sind die Lebensläufe von Semprun oder Havel weit dramatischer als mein biederer Werdegang. Dennoch bin ich bei der Lektüre immer wieder meiner eigenen Geschichte begegnet.

Funktioniert Ihr Kinoverhalten auch auf dem Prinzip der losen Verknüpfung?

Ja, und auch hier gibt es Enttäuschungen. Die jüngste war der neue Polanski. Den vorherigen „Ghostwriter“ fand ich grossartig. Doch „Carnage“ kommt nicht an die Uraufführung am Schauspielhaus Zürich heran und auch nicht an die Inszenierung in Paris mit Isabelle Huppert. Ich verstehe auch nicht, weshalb im Film ein wichtiger Teil des Theatertextes gekippt wurde.

Eine Entdeckung hingegen war der iranische Film „The Separation“. Wie sich verschiedene Figuren je in ihre Gerechtigkeitsvorstellung verrennen und das Drama um eine Kinderzuteilung fesselt die Zuschauer derart, dass sie noch Abspann des Filmes einfach sitzen bleiben. Darüber hinaus sehen wir eine moderne iranische Gesellschaft. Wir neigen ja manchmal dazu, von der Regierung gleich auf alle Menschen im Land zu schliessen. Ich ertappte mich auch bei Antipathien gegen die USA wegen George W. Bush. Das ist natürlich falsch. Auch deswegen lohnt es sich, „The Separation“ zu sehen.

Auch „Joschka und Herr Fischer“ hat mich angesprochen. Wie er als frisch gewählter Umweltminister von der Verwaltung nicht akzeptiert wurde und wie er später als Aussenminister in Konflikt mit der eignen Basis geriet wegen des Einsatzes im Balkan: Beides erlebte ich auch, nicht von dieser weltpolitischen Bedeutung natürlich, aber im Grunde sind es die selben Spannungen, die ein Regierungsmitglied erlebt und bewältigen muss.

Kulturgänger sind oft stark auf die grossen Schweizer Städte fixiert. Das ist schade. Spannende Sachen finden ja oft an den Rändern statt.

Das ist meine feste Überzeugung: Die Schweiz hat nicht nur die zwei Brennpunkte Zürich und Genf. Genauso, wie wesentliche politische Innovationen aus jedem Teil unseres Landes kommen, findet auch das kulturelle Schaffen in jedem Teil unseres Landes statt. Es ist noch nicht lange her, da sah ich am Theater Luzern hervorragende Inszenierungen von „The Turn oft the Screw“ von Benjamin Britten oder der West Side Story.

Wo hätte ich im Kulturjahr 2011 ausserhalb der grossen Häuser etwas sehen müssen?

Ich bin kein Kulturspezialist. Ich bin Politiker, der Kultur aus seiner Warte empfindet. So hat mich eine Aufführung begeistert, die habe ich stets weiter empfohlen: Mike Müllers „Elternabend“ am Theater Neumarkt in Zürich. Eine gewaltige schauspielerische Leistung und ein grosses politisches Engagement. Müller spielt alle, die in der Schule ihre Nöte haben, von den Immigrantenkindern bis hin zu Behörden. Er tut es wahnsinnig witzig, professionell, engagiert und mit Liebe. Das ist ganz hohe Unterhaltung.

Sie haben die grossen Städte mit ihren grossen Häusern erwähnt. Dazu kommen noch Festivals wie in Luzern oder Verbier, die von Sponsoren ziemlich gehätschelt werden. Besteht bei solchen Grossanlässen nicht die Gefahr, dass erstickt, was dazwischen keimt?

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Wir kennen den Vorwurf an das Zürcher Opernhaus, das mit 78 Millionen Franken subventioniert wird und wir kennen die Antwort, es beschere der Stadt auch einen wirtschaftlichen Nutzen. Diese Argumentationen sind das eine. Mir ist etwas anderes wichtiger: Ich finde, dass der Staat die Kultur fördern und ihr die nötigen Freiräume geben muss, damit sie sich frei entwickeln kann. Dazu gehört vor allem Unabhängigkeit. Kultur ist die Grundlage einer solidarischen und funktionierenden Gesellschaft. Es gibt nämlich Werte, die ein Staat nicht organisieren und durchsetzen kann – zum Beispiel das Vertrauen der Menschen untereinander oder die Begeisterung für Freiwilligenarbeit. Solche Werte sind der Kitt einer Gesellschaft. Ohne Vertrauen der Menschen ineinander kann kein Staat funktionieren. Also ist es in seinem eigenen Interesse, die freie Entfaltung von Religion, Kultur und Tradition zu ermöglichen.

Heute ist der 31. Dezember. Wie feiern Sie Silvester?

Ich bleibe zuhause und öffne eine sehr gute Flasche Rotwein. Das ist auch Kultur.