Navigation ausblenden

Die Kunst der richtigen Tempi

Referat am 30. Internationalen Management-Symposium, St. Gallen, 25. Mai 2000

Meine Damen und Herren

Diese demokratische Anrede spart angesichts der zahlreichen Würdenträger, die eigentlich auch zu begrüssen wären, Zeit, ist also eine Hommage an das Thema Ihrer Veranstaltung. Ich möchte sie, also die Zeit, zudem mit einigen Betrachtungen zur Geschwindigkeit würdigen.

1. Verschiedene Geschwindigkeiten

Schnelligkeit ist ein Traum.
Langsamkeit ist ein Traum.

Beide Geschwindigkeiten, die sehr schnelle und die sehr langsame, werden stets wieder von neuem und in anderen Formen probiert und propagiert.

Das gilt für Menschen:

Sausen durch den Wind, auf dem Snowboard oder dem Töff, ist eine Lebens-, und wohl auch Todessucht.

In Stille verharren, mit der Natur eins werden, ist manchem ein Lebensziel – und auch dies ist oft verbunden mit transzendentalen Sehnsüchten.

„Die Zeit vergeht bei verschiedenen Menschen verschieden schnell“ (William Shakespeare in „Wie es Euch gefällt“).

Der Lebensrythmus variiert je nach Alter, Temperament oder sozialer Umgebung. Ein Executivmitglied spricht meist langsamer als ein oppositioneller Jungtürke.

Unterschiedliche Geschwindigkeiten kennen auch ganze Gesellschaften.

„Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit!“ (Redensart von Sansibaren zu Schweizer Touristen).

Der Lebensrythmus einer Gesellschaft hängt ab von Industrialisierungsgrad, Klima oder Kulturkreis. Unterschiedliche Geschwindigkeiten gibt es allerdings nicht nur zwischen industrialisierten und nichtindustrialisierten Ländern oder zwischen östlichen und westlichen Kulturen. Selbst in der kleinen Schweiz gibt es sie, nämlich zwischen Stadt und Land oder zwischen Bern und Zürich. Da sind verschiedene Tempi festzustellen, in der Sprache, im Bedienungsablauf in einem Laden, im Stadtverkehr. In Bern bleiben die Tramtüren geöffnet, bis der letzte herangehumpelt ist, in Zürich bleiben sie geschlossen, auch wenn der Abgewiesene verzweifelt an die Türe des immer noch stehenden Trams poltert...

2.  Wir ändern die Geschwindigkeit, die Geschwindigkeit ändert uns

Wir prägen die Geschwindigkeit, aber sie prägt auch uns, unseren Charakter, unser Wesen.

Ein Produkt kann je nach Geschwindigkeit, mit welcher es hergestellt wurde, im Resultat ein anderes sein. Eine Beethoven-Symphonie, dirigiert von Toscanini ist etwas völlig anderes, als wenn sie von Celibidache dirigiert wird. Dieser schafft durch seine extrem gedehnten Tempi ein anderes Werk als dasjenige, das wir bei der viel schnelleren Orchesterführung von Toscanini hören. Die beiden Tempi führen zu zwei verschiedenen Symphonien.

Die Geschwindigkeit bestimmt also das Ergebnis eines Prozesses. Dieses liegt nicht nur früher oder später vor sondern ist je nach Geschwindigkeit ein anderes, ein „aliud“, wie die Juristerei sich ausdrückt.

Dazu eine Beobachtung aus der Politik:

Die Geschwindigkeit der medialen Kommunikation (durch den Wettbewerb und die technischen Möglichkeiten beschleunigt), beeinflusst das Verhalten der medialen Akteure und somit auch die Politik selber: Politiker nehmen zu Ereignissen sofort Stellung, ohne sich vor Kamera und Mikrophonen die notwendige Zeit zum Ueberlegen zu nehmen. Dies führt zu einer Ankündigungspolitik. Es erscheint derjenige Politiker als der kompetente und sofort handelnde, der nach einem Unfall sofort die Bestrafung der Schuldigen oder bestimmte Massnahmen ankündigt, auch wenn dann nie irgend jemand bestraft wird. Derjenige, der nichts ankündigt, aber nach einer gewissen Zeit tatsächlich handelt, ist kaum mehr von öffentlichem Interesse. Die Ankündigung wird so wichtiger als die Tat. Dass wir also in einer Zeit der Ankündigungspolitik leben, ist eine Folge der medialen Geschwindigkeit.

3.  Wie verhält sich der Staat zur Geschwindigkeit?

Der Bundesrat führte zu einem parlamentarischen Vorstoss, wonach das Snowboarden zu reglementieren sei, aus: „Die Tatsache, dass die Ursache solcher Unfälle die Suche nach einem ultimativen Kick ist, zeigt, dass Vorschriften keine Lösung dieses Problems darstellen können“. Ebenso lehnt der Bundesrat Initiativen ab, welche – seiner Auffassung nach – im Resultat dazu führen würden, das Mobilitätsbedürfnis als solches zu beschränken (Verkehrshalbierung, vier autofreie Sonntage).

Andererseits erlässt der Staat jedoch Tempolimiten oder er verbietet Ultraleichte Flugzeuge.

Welche Rolle also nimmt er ein? Darf jeder nach seiner eigenen Vitesse selig werden oder wird er bevormundet?

Das Mobilitätsbedürfnis als solches ist kaum zu unterdrücken. Verbote von Automobilen (im Kanton Graubünden damals vor allem für Auswärtige erlassen) oder damalige Vorstösse gegen die Eisenbahnen, deren Geschwindigkeit von 40 km/h krank machen könne, liessen sich nie durchsetzen. Der Drang nach Beschleunigung und der Druck auf den Staat, ihm die Wege dazu zu ebnen, ist stärker. Nun ist allerdings der Druck auf den Ausbau des Nationalstrassennetzes ungleich grösser als derjenige für Wanderwege oder für Tempo 30 Zonen. Der Grund liegt darin, dass die Geschwindigkeit einen ökonomischen Wert darstellt und die Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Das gilt für die Geschwindigkeit bei der Uebermittlung von Daten, für die Reisegeschwindigkeit, für den Transport von Gütern, für die Empfangbarkeit von Radio- und Fernsehprogrammen etc.

Für dieses real existierende Mobilitätsbedürfnis stellt der Staat die nötigen Infrastrukturen zur Verfügung, also Eisenbahnen, Autobahnen, Flughafen, Antennen für die Telekommunikation etc. Die gegenwärtige schweizerische Infrastrukturpolitik folgt den Prinzipien der Nachhaltigkeit. Die Nachhaltigkeit sucht den Ausgleich zwischen drei elementaren gesellschaftlichen Zielen,

  • der Sozialverträglichkeit,
  • der wirtschaftlichen Entwicklung und
  • dem Erhalt der natürlichen Ressourcen.

Zur Sozialverträglichkeit gehört auch die Sicherheit. Sie ist ein Motiv für Tempolimiten, ein anderes ist der Schadstoffausstoss, also die Umweltverträglichkeit.

Die Nachhaltigkeit ist ein gedankliches Konzept, das im Einzelfalle diskutiert werden muss, um zu Entscheidungen in der Infrastrukturpolitik zu gelangen, wovon dann auch die Geschwindigkeitsfrage betroffen ist. Aber schauen wir uns nicht bloss die Geschwindigkeiten bei der physischen Mobilität an sondern diejenigen von anderen gesellschaftlichen Prozessen, insbesondere von Wirtschaft und Politik. Dazu eine Vorbemerkung: Nicht alles kann beschleunigt werden:

4.  Grenzen der Beschleunigung

Eine Rosenknospe muss selber erblühen, sie kann nicht aufgebrochen werden, oder, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Das Gras wächst nicht, wenn Du daran ziehst.“

Um eine Mayonnaise herzustellen, muss das Oel ganz langsam hinzugeschüttet werden, andernfalls gerinnen die Zutaten. Eine Zwiebel weichzugaren, damit sie fest bleibt, jedoch süss wird, braucht Stunden bei einer Temperatur von ca. 80°, da nützt kein Dampfkochtopf etwas. Das sind zwei physikalische Prozesse, die nicht beschleunigt werden können.

Es gibt chemische Prozesse, die, werden sie zu schnell ausgeführt, zu Explosionen führen können.

In der Schule lasen wir aus dem Schatzkästlein von Johann Peter Hebel den Rat des Fussgängers: “Wenn Du langsam fahrst, kannst Du die Stadt vor Einbruch der Dunkelheit erreichen“. Der Fuhrmann fährt schnell, erleidet jedoch auf dem holprigen Weg einen Achsbruch und erreicht sein Ziel nicht mehr. 

Der Prozess der Erfahrung kann nicht beschleunigt werden. Die Erfahrung einer Beziehungskrise, die Erfahrung des Todes eines nahen Verwandten, kann nicht virtuell erlernt werden. Ich hatte einen Freund, der schwor, bei Krebserkrankung auf eine Chemotherapie zu verzichten. Als das Unvorstellbare eintraf, verzichtete er nicht. Er konnte sein späteres Verhalten deswegen nicht im voraus planen, weil die Realität einer tödlichen Krankheit eben nicht vorstellbar, sondern nur erfahrbar ist.

So gibt es auch kulturelle oder gesellschaftliche Prozesse, die nicht oder nicht beliebig zu beschleunigen sind.

Wie bildet sich die Geschwindigkeit eines gesellschaftlichen Veränderungsprozesses?

5.  Das Tempo in Wirtschaft und Politik

Bei der Vorbereitung dieses Vortrages hat sich mir ein Gedicht von C.F. Meyer aus der Erinnerung gemeldet:

Die zwei Segel:

„Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
zu ruhiger Flucht!
Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.
Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.“

Ein Liebesgedicht. Liebe ohne Rücksicht auf das Tempo des andern wird zum Egoismus und ist also nicht mehr Liebe. Liebe erfordert Rücksicht auf das Tempo des andern.

Was für zwei gilt, gilt auch für eine Gruppe. Ein Team ist so schnell wie das langsamste Mitglied.

Was für eine Gruppe gilt, gilt auch für eine Gesellschaft. Sie wird von verschiedenen Kräften bestimmt, Medien, Kirchen, Wirtschaft, Politik. Jede hat wieder ihre eigenen Tempi. Jede muss auf das Tempo der anderen Kräfte Rücksicht nehmen, im Interesse der gesamten Gesellschaft.

Ich greife Wirtschaft und Politik heraus: Die beiden haben notwendigerweise verschiedene Tempi und sie werfen sich dies zuweilen auch gegenseitig vor. Je nach Wirtschaftszweig und politischem System ergeben sich innerhalb der beiden Bereiche auch wieder verschiedene Geschwindigkeiten.

5.1  Wirtschaft

Was in der Physik, wie wir vorher bei der Mayonnaise sahen, gilt, gilt auch bei wirtschaftlichen Prozessen: Nicht alles ist beschleunigbar.

Während dem Zweiten Weltkrieg versuchte Grossbritanniens Munitionsindustrie ihre Produktion zu steigern: Die Arbeitszeiten in den Munitionsfabriken wurden zu diesem Zweck von 56 auf 70 Stunden pro Woche gesteigert. Die Produktivität stieg kurzfristig um 10 Prozent. Nach zwei Monaten war sie allerdings um 12 Prozent gesunken, lag also tiefer als vor der Ankurbelung. Arbeitspsychologen erkannten: Bei längerer Arbeitszeit wird die Leistung schlechter. Nach einem halben Jahr wurden die Arbeitszeiten in der englischen Munitionsindustrie wieder gesenkt, der Entscheid also rückgängig gemacht. Effizienz heisst nicht notgedrungen Temposteigerung.

Etwas anders ist es auf der Managerebene: Percy Barnewick soll in einem Interview gesagt haben, er treffe im Tag 100 Entscheide, wenn davon 70 richtig seien, sei die Quote gut.

5.2 Politik

Eine solche Einstellung  wäre in der Politik nie möglich. Die Politik ist an das Legalitätsprinzip gebunden, während in der Wirtschaft alles erlaubt ist, was nicht verboten ist. Zudem wird jeder einzelne Entscheid des Politikers kontrolliert, durch das Parlament, die Medien und das Volk, dessen Interessenlage heterogen und nicht homogen wie beim Aktionnariat ist.

5.2.1  Direkte Demokratie

Die direkte Demokratie, in welcher eine Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger hinter einem Projekt stehen muss, braucht längere Prozesse als eine zentral organisierte Demokratie wie etwa die in Frankreich. In unserem Lande kann ein Projekt nur mit einer Mehrheit des Volkes, teilweise auch der Kantone, verwirklicht werden. Die bilateralen Abkommen mit der EU, die nach dem Nein des Schweizervolks zum EWR und nach langen, zähen Verhandlungen zustande gekommen sind, die aus Gründen der innenpolitischen Akzeptanz nicht beliebig beschleunigt werden konnten, stehen als Beispiel für diese Prozesse. Genau gleich werden wir auch für den Beitritt in die EU Zeit benötigen.

5.2.2.  Politischer Diskurs als Grundlage der Demokratie

Es geht aber um mehr als bloss darum, eine Mehrheit für die Abstimmung zu finden. Die sogenannte  Dennerinitiative wollte die Behandlungsfristen für Volksinitiativen massiv verkürzen. Parlament und Bundesrat, und, wie sich in der Abstimmung zeigte, auch das Volk, waren der gegenteiligen Ansicht: Sie sind überzeugt, dass der demokratische Prozess der Konsensfindung zum Selbstverständnis unseres demokratischen Staates gehört und für den sozialen und politischen Zusammenhalt in diesem Lande von zentraler Bedeutung ist. Dieser Prozess, der Diskurs also zwischen Politik, Behörden, Medien, Parteien und Verbänden, in dessen Verlauf die Akteure Kompromisse schliessen und sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger eine Meinung bilden, ihre Meinung auch ändern und umdenken müssen, lässt sich nicht beliebig beschleunigen.

Es gibt des weitern eine Regel, die gilt für Wirtschaft und Politik gleichermassen, nämlich, dass mit dem Tempo Opfer der Veränderung vermieden werden können.

5.3 Tempodrosselung zur Vermeidung von Opfern

Heissem Oel kaltes Wasser zugiessen, führt zur Katastrophe in der Küche, aber nicht nur dort:

Was für chemische Prozesse gilt, nämlich, dass eine zu schnelle Ausführung zu einer Explosion führen kann, gilt auch für gesellschaftliche Abläufe. Zu rasche Umsetzungen können zu Streiks und Revolution führen, die das Ziel der Umstrukturierung verunmöglichen. Das betrifft Wirtschaft und Politik gleichermassen. Die Geschwindigkeit jedes gesellschaftlichen Prozesses muss auf seine Opfer, die Schwachen, die benachteiligten Regionen etc. Rücksicht nehmen. Beispiel Bahnreform: Grossbritannien ging richtigerweise an die Reform des Bahnsystems. Die Reformgeschwindigkeit war aber so hoch, dass bis heute viele Ziele, nämlich ein funktionierender öffentlicher Verkehr, nicht erreicht worden sind. In der Schweiz haben wir erst einmal eine erste Etappe der Bahnreform beschlossen. Infrastruktur und Betrieb sind erst rechnerisch getrennt, jedoch nicht in einzelne Gesellschaften aufgeteilt. Wir wissen noch nicht, ob wir das je tun werden. Wir wollen den Reformprozess als solchen beobachten. Die Reform kostet zudem Stellen. Der Stellenabbau wird ohne Entlassungen durchgeführt, zusammen mit den Gewerkschaften. Zum Entsetzen der Dogmatiker im Lande wurde dazu die 39-Stundenwoche bei den SBB beschlossen, jedoch zunächst auch eine Lohnreduktion. Im Gegensatz zu anderen Ländern gelingt uns so dieser Umbau deswegen aber ohne Streiks und mit Unterstützung des Personals.

Ein Umstrukturierungsprozess, sei dies die Liberalisierung des Strommarktes, der Telekommunikation oder der Post, bringt immer Vorteile, sonst würde sie ja nicht durchgeführt. Aber sie hat immer auch Verlierer. Eine Massnahme zur Vermeidung von Opfern ist die gedrosselte Geschwindigkeit einer Umstrukturierung.

6.  Welches aber ist die „richtige“ Geschwindigkeit?

Auf griechisch wird für den Begriff Zeit unterschieden zwischen Kronos und Kairos. Kairos ist der richtige Augenblick, eine Handlung vorzunehmen. Konfuzius soll gesagt haben: „Tue nie heute etwas, was Du auch morgen tun kannst“. Wir werden in diesen Gegenden eher gegenteilig erzogen: „Verschiebe nicht auf morgen, was Du heute kannst besorgen.“ Von nahe betrachtet sind aber die beiden Philosophien gar nicht inkompatibel. Es geht darum, wann die sozialen oder realen Bedingungen für einen Entscheid optimal sind. Das kann heute sein oder morgen sein, denn das Leben bestraft denjenigen, der zu spät kommt, gleichermassen, wie denjenigen, der zu früh kommt. In Vertragsverhandlungen kann ein Kompromiss zu früh angeboten werden, eine Idee, eine Philosophie kann zu früh vertreten werden (so wurde der Lyoner Kaufmann Valdes für die selben Ideen exkommuniziert, für die Franz von Assisi später heilig gesprochen wurde). Was für den richtigen Zeitpunkt, für den Kairos gilt, gilt auch für die Geschwindigkeit: Sie ist von Fall zu Fall richtig. Allgemein gültige Regeln gibt es nicht. Wir haben Geschwindigkeiten zu wählen, die die Weiterentwicklung der Gesellschaft zwar vorantreiben, dies jedoch nach den Prinzipien der Menschlichkeit tun. Wir müssen durchaus Tempo forcieren, selbst wenn das schmerzhafte Entscheide erfordert, wie beim Strukturwandel in der Landwirtschaft. Es wäre auch nicht richtig gewesen, es bei der Trägheit und Denkfaulheit der schweizerischen Männer gegenüber dem Frauenstimmrecht zu belassen. Eine stetige Diskussion und Ueberzeugungsarbeit zugunsten eines demokratischen Veränderungsprozesses war notwendig und wird für weitere Anliegen wie internationale Solidarität, den UNO-Beitritt etc. weiterhin notwendig sein. Aber es darf keine Geschwindigkeit für gesellschaftliche Veränderungen geben, die „bei jedem Absatz, bei jeder Krümmung ihre Leichen ausstösst,“ wie St. Just in seiner berühmten Rede in Dantons Tod von Georg Büchner fordert: Der menschliche Geist, so plädiert St. Just im Nationalkonvent zu den Deputierten, müsse die Guillotine und den Krieg zu Hilfe nehmen, um den gesellschaftlichen Fortschritt voranzutreiben, so wie die Natur in ihrer Entwicklung ja auch ihre Opfer fordere. So verführerisch diese Worte klingen, so eindeutig ist die Antwort: Nein, es gibt eine Geschwindigkeitsgrenze der Menschlichkeit, eine kategorische Tempolimite gewissermassen. Sie gilt für jede Strukturänderung, erfolge sie nun unter politischer Fahne, wie bei der französischen Revolution, oder unter wirtschaftlicher Flagge wie bei Strukturbereinigungen durch den IWF.

So wie es in der ethischen Diskussion kaum generell abstrakte Leitplanken gibt, die im Einzelentscheid einfach zu Hilfe genommen werden können und uns den Einzelentscheid abnehmen würden, so gibt es keine allgemein gültige Geschwindigkeitsregeln für gesellschaftliche Prozesse. Sie muss in jedem einzelnen Fall gefunden werden.

Die jeweilige angemessene Geschwindigkeit zu finden, die den Entwicklungsprozess vorantreibt, ihn und sein Resultat aber nicht gefährdet, ist die stetige Aufgabe Aller, die unsere Gesellschaft prägen, ob in Wirtschaft oder Politik. Es ist eine schwierige Aufgabe, eine Kunst,