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Von Zugvögeln, Wildschweinen und Angsthasen

18.4. - Eröffnung der A5-Teilstrecke Biel - Solothurn

Sehr geehrter Damen und Herren Regierungsräte
sehr geehrte Parlamentsmitglieder
sehr geehrte IngenieurInnen
sehr geehrte JurasüdfüsslerInnen
sehr geehrte künftige AutobahnbenützerInnen
verehrte dänische Zugvögel
liebe Feldhasen
gefürchtete Wildschweine:

Diese Autobahn wurde für Euch alle gebaut.

Man hat den Autobahnabschnitt, den wir heute einweihen, auch schon etwas spöttisch als die Autobahn der Zugvögel, der Hasen und der Wildschweine bezeichnet. Mit Wildschweinen hat man nicht etwa eine bestimmte Kategorie von Autofahrern gemeint, sondern wirklich Vierbeiner. Für sie wurde die Oekobrücke „Stöck“ gebaut, damit diese Sangliers ungestört zu ihren Freunden, den Béliers jenseits der Kantonsgrenze, gelangen können.

Und mit Zugvögel hatte man nicht etwa diejenigen Automobilisten gemeint, die an Ostern und Pfingsten statt den Gotthard künftig vielleicht diese Route wählen und die Petersinsel statt den Tessin zum Osterreiseziel erklären, sondern man hat tatsächlich die dänischen Watvögel gemeint, die einmal im Jahr hier zwischenlanden. Ihrer wurde mit einem besonderen Tunnel gedacht, der doch immerhin 150 Millionen Franken kostete.

Und mit Hasen hat man nicht diejenigen Angsthasen gemeint, die heute noch gegen die Expo wettern, weil sie befürchten, diese könne nicht gelingen, sondern man hat tatsächlich die vierbeinigen Feldhasen gemeint, die in der Grenchner Witi, der Hasenkammer der Schweiz, wohnen. Auch ihnen ist der teure Witi-Tunnel gewidmet.

Unter anderem darum, weil die Hasenfamilien in der Witi nicht auseinander gerissen werden sollen, ist diese Autobahn sieben Mal teurer als die N1, die vor 25 Jahren auf Solothurner Gebiet errichtet wurde. Nicht nur wegen ihnen natürlich, da gab es ja auch die Teuerung, aber immerhin: wir liessen uns unsere Vierbeiner und gefiederten Freunde etwas kosten.

Ich gebe zu, auch ich selber habe darüber immer wieder etwas gespöttelt und mich wie viele andere gefragt: Macht das eigentlich einen Sinn, so viel Geld für Hasen und Vögel auszugeben, wo wir Menschen uns doch schon wegen viel niedrigerer Geldbeträge selber wie krumme Vögel, wie Hasenfüsse, ja wie Wildschweine aufführen? Ist es verhältnismässig, für Tiere so viel Geld auszugeben? Wo wir doch gerade im Autobahnbau schon viel mehr Geld zu Lasten von Menschen gespart haben - wie das in Bissone, in Roveredo, aber auch in Schwamendingen oder beim Berner Ostring der Fall war, wo wir Autobahnen quer durch bestehende Agglomerationssiedlungen bauten, billiger bauten, und damit Menschen einem unerträglichen Lärm aussetzten.

Doch wenn wir fragen: „Sind uns die Hasen und die Zugvögel und die Wildschweine Millionen von Franken wert?“, stellen wir die Frage falsch.

Wir alle kennen „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt. Die Geschichte ist Friedrich Dürrenmatt hier in der Nähe, nämlich in Ins, in den Sinn gekommen. Die alte Dame setzte rachsüchtig eine Milliarde Franken als Belohnung in Aussicht, wenn ihr Jugendfreund, der sie einst verlassen hatte, getötet werde. Die Einwohner des Ortes begannen bereits mit dem Geld zu rechnen und gaben es zunächst in Gedanken und dann auf Pump aus, hätten es also wieder zurückgeben müssen, wenn der Mann am Leben geblieben wäre. Und so fragten sie sich: Kann ein einzelnes Menschenleben eine Milliarde Franken wert sein? Damit tappten sie in die Falle der alten Dame.

Richtig hätte die Frage gelautet: Dürfen wir eine Milliarde annehmen, um einen Mann zu töten? Der Sündenfall geschah damit, dass der entgangene Gewinn als Verlust betrachtet wurde, und dass dieses ökonomische Denken auf ein Menschenleben angewandt wurde. Der Mann war ja am Leben, als die Milliarde für seinen Tod angeboten wurde. Es bestand kein Anspruch auf diesen Gewinn, und darum ist sein weiteres Leben kein Verlust und kostet keine Milliarde. Die Hasen, die Wildschweine und die dänischen Zugvögel waren auch alle da, bevor wir unserer eigenen Mobilität zuliebe eine Autobahn bauen wollten.

Richtig stellt sich darum die Frage: Dürfen wir eine Autobahn so billig bauen, dass die Hasen und die Vögel keine Chance mehr haben? Die Antwort lautet: Nein, das verbietet uns die Bundesverfassung. Dort ist als Staatsziel die Nachhaltigkeit festgehalten. Deswegen dürfen wir nur eine Autobahn bauen, die auch auf die Interessen der Natur Rücksicht nimmt. Und eine solche Autobahn kostet etwas. Und zwar etwas mehr als eine Autobahn, die diese Rücksicht nicht nimmt, also nicht nachhaltig wäre.

Wohlverstanden: Ich meine nicht, wir sollten die Kosten nicht in jeder Hinsicht, auch bezüglich der Nachhaltigkeit, optimieren. Wir müssen mit unserem Geld haushälterisch umgehen, die Nachhaltigkeit ist nicht ein Freipass für sinnloses Geldausgeben; aber wir müssen aufpassen, dass uns die Kostenfrage nicht die Falle stellt, in welche die Einwohner von Güllen tappten.

Genau dem heutigen Autobahnverlauf folgend bestand hier eine Römerstrasse, und es ist auf dieser Römerstrasse gewesen, als ein damaliger römischer Fremdarbeiter damit bluffte, wie er in seinen Ferien in Griechenland gut getanzt habe. Ihm sagten damals die anderen Strassenarbeiter: „Hic rhodus, hic salta!“ Der Spruch, hier zwischen Petinesca und Solodurum entstanden, ist weltberühmt geworden. Auf deutsch heisst er: Beweise hier mit Taten und prahle nicht mit Worten von Fernem.

Durch Taten haben wir Nachhaltigkeit zu beweisen und nicht mit Worten allein. Heute, da wir dieses Autobahnstück eröffnen, geht in Den Haag die Biodiversitätskonferenz zu Ende. Ich habe an dieser Konferenz teilgenommen; dies war mir ein grosses Anliegen. Doch um zu zeigen, dass alles Leben - nicht nur das menschliche - zu respektieren und zu schützen ist, dürfen wir uns nicht nur fernab von der Schweiz in Den Haag einsetzen, sondern wir müssen auch hier in der Schweiz konsequent sein. Und die Kosten dürfen unser Bekenntnis zur Nachhaltigkeit nicht aus den Angeln heben.

Es gibt Werte in unserer Gesellschaft, die dürfen wir nicht in Frage stellen – auch nicht wegen der Kosten. Ein solcher Wert ist ein anderes Element der Nachhaltigkeit, nämlich der soziale Zusammenhalt in unserem Land. Wenn wir beispielsweise die Mehrsprachigkeit unseres Landes oder die Zweisprachigkeit eines Kantons oder einer Region ernst nehmen, dürfen wir nicht plötzlich von der Übersetzung von amtlichen Dokumenten oder des Katalogs eines Museums, einer Ausstellung usw. absehen, weil dies kostet. Denn entweder bekennen wir uns zur Mehrsprachigkeit - und die kostet dann auch etwas - oder wir bekennen uns nicht dazu.

Dasselbe gilt für die Anwohner eines Flughafens oder eben einer Autobahn: Sie tragen Nachteile der Mobilitätswünsche aller. Ihre Interessen müssen auch berücksichtigt werden. Wir versuchten, dies auch hier zu tun:

Diese Autobahn ist eine Autobahn für alle. Nicht nur für die Autofahrer, Hasen und Vögel, sondern auch für die Anwohner. Deswegen wurde sie mit Lärmschutz ausgestattet. Deswegen brauchte es auch den Pieterlentunnel unter dem Wohngebiet Zälgli, den Tunnel Lüssligen – ebenfalls unter Wohngebiet. Deswegen brauchte es die Lärmschutzgalerie Leuzigen und den Birchitunnel, um Biberist zu schützen.

Deswegen wollen wir die umliegenden Dörfer und Agglomerationen zusätzlich vom Durchgangsverkehr befreien, und wir werden das durch Massnahmen - sie kosten 100 Millionen Franken - beweisen. Die Hauptstrasse muss verschmälert werden, Velostreifen und Fussgängerüberquerungen sind nötig, ebenfalls Kreisel, Pförtneranlagen und Verkehrsberuhigungen in den Ortschaften selber.

Hier, beim Autobahn-Bauen, greifen wir in die Natur ein. Wir schaffen die Veränderung. Wir würden ohne Rücksicht auf die Natur entscheidenden Schaden an ihr anrichten, und deswegen sind wir auch gehalten, die entsprechende Verantwortung zu übernehmen, das heisst Geld auszugeben, damit wir diese Veränderung verantwortungsvoll und mit Rücksichtnahme auf die Natur vornehmen. Das haben wir bei dieser Autobahn getan.

Es ist eine Autobahn nicht nur für Vögel und Hasen, sondern auch für andere Tiere: Für VW Käfer und Lupos, für Fiat Pandas, für Firebirds und Mustangs, es ist auch eine Autobahn für Expo-Besucher und Anwohner. Eine Autobahn im grösstmöglichen Einklang mit unserer Umwelt.

Es ist eine Autobahn für alle geworden, und deswegen können wir sie mit gutem Gewissen und mit Freude einweihen.