Navigation ausblenden

Dank an Cicero

Moritz Leuenberger - Rede in Bonn bei der Verleihung des Cicero-Rednerpreises 2003 für die beste politische Rede des Jahres, 19. September 2003

Wie soll ich mich nur bedanken?

Für andere Preise kennen wir die Regeln: Für einen Pokal ballt ein Sportler triumphierend die Faust oder spreizt die Arme und zeigt zwei V-Zeichen. Für einen Oskar gehört sich stammelndes Kreischen und ein Weinkrampf (oder man hüpft, wie Roberto Benigni, über die Stuhllehnen an den Köpfen der Zuschauer vorbei auf die Bühne).

Und für den Friedensnobelpreis kauft man sich einen Frack und verbeugt sich vor dem König.

Und für Cicero? Er ist nicht Oskar, nicht Pokal und nicht Nobelpreis. Aber bei genauerem Zusehen erweist sich: Er vereint alle Eigenschaften seiner Konkurrenten und er ist daher viel mehr.

Zunächst: Cicero weckt - wie alle anderen - Gefühle und ich scheue mich nicht, Ihnen meine Freude an ihm zu gestehen. So ein Cicero steht wie ein Leuchtturm der Hoffnung in den brandenden Wellen der Tagespolitik, in welcher es von der einen Seite von heftigster Kritik nur so hagelt und von der anderen Seite auch. Wie gerne klammere ich mich da an Cicero und blicke ihm in seine bronzenen Augen.

Aber Cicero ist mehr als eine persönliche Trophäe. Er ist Anwalt der politischen Rede überhaupt.

Die politische Rede ist ein Gespräch

Die politische Rede hat heute gewiss nicht dieselbe Bedeutung wie damals, als Cicero mit ihr Massstäbe setzte. Wir wollen das nicht bedauern, wer wollte denn heute noch eine vierstündige Rede anhören?

Die entscheidenden politischen Kommunikationsmittel sind heute Radio und Fernsehen. Unsere Überzeugungsarbeit passt sich den dort üblichen Kürzestformen an. Um politische Botschaften wirksam zu vertreten, üben wir alle kurze, schnittige Sätze, auf dass sie nicht von andern geschnitten werden.

In der Kürze liegt die Würze, heisst es. Aber einzig von Würze wird niemand satt, wir brauchen zunächst die Grundnahrung. Die Grundnahrung der Demokratie ist das Gespräch.

Eine Rede ist ein Gespräch. Der Redner bereitet sich auf das Publikum vor, setzt sich mit allfälligen Einwänden gegen seinen Standpunkt auseinander, nimmt sie auf, wägt sie ab, zeigt und diskutiert sie in der Rede.

So wechselt, wer eine Rede vorbereitet, den Blickwinkel, um jene Wahrheit, welche in fast jedem Gegenargument steckt, in seine Formulierungen einzubeziehen. Da geschieht es dann gelegentlich, dass er sein Manuskript wegwerfen und ein neues schreiben muss.

Denn eine gute Rede ist kein Machtwort, keine Überredung, sondern ein Dialog. Sie nimmt die Gegenmeinung auf und ermöglicht, dass sich verschiedene Meinungen begegnen.

Eine Rede ist eine Begegnung nicht nur von Meinungen, sondern auch von Menschen. Der Redner geht zum Publikum, zu einer gegnerischen Partei, zu einem ländlichen Anlass, an ein Schwingfest etwa, an ein urbanes Ereignis, den Christopher Street Day zum Beispiel, oder er spricht zu einer bestimmten sozialen Gruppe, wie zu den Kranken. Die Zuhörer und Zuhörerinnen kommen zur Rede, wie sie auch zum Konzert oder in ein Theaterstück gehen. Allein schon dieses Zusammenkommen schafft Gemeinsamkeit und Gemeinschaft.

Die Zuhörer widmen der Rede ihre Zeit und sind bereit, sich mit ihr auseinander zu setzen. Umgekehrt richtet sich die Rede ausschliesslich an das anwesende Publikum. Nur es bekommt den ganzen Gedankengang vorgetragen. Über eine Rede kann zwar ein Medium berichten, doch kein Ausschnitt, keine Zusammenfassung wird der ganzen Rede gerecht, so wenig wie drei Sekunden aus einer Theateraufführung dem Werk gerecht werden.

Um einen komplizierten Sachverhalt darzulegen, um einen Gedanken zu entwickeln, ihn zu diskutieren, brauchen wir Zeit, nicht gerade vier Stunden wie im damaligen alten Rom oder im heutigen alten Kuba, aber doch die Zeit, die Menschen brauchen, wenn sie sich einander mitteilen, wenn sie sich begreifen wollen.

Die politische Rede ist eine Inszenierung

Wie ein Theater, wie ein Film ist auch die Rede eine Inszenierung auf begrenztem Raum in begrenzter Zeit, innert welcher ein Sachverhalt, ein Anliegen, eine Kritik zum Ausdruck gebracht wird. Dazu bedient sie sich der Dramatik, der Zuspitzung, der Symbolik und technischer Hilfsmittel. Ein Mikrophon erspart eine laute Stimme und gibt so auch Schmalbrüstigen eine Chance, eine Grossleinwand bringt den Redner weit entfernten Zuhörern näher. Und wer einen komplizierten Sachverhalt mit Worten eben doch nicht zu bewältigen vermag, erhellt das Publikum und sich selbst mit einem Hellraumprojektor, darum heisst er ja so.

Reden verbindet

Menschen, die miteinander reden können, verstehen sich trotz gegensätzlicher Interessen.

Eine Gemeinschaft ist nur dann eine friedliche Gemeinschaft, wenn ihre verschiedenen Interessengruppierungen miteinander reden können. Das gilt für eine Familie, eine Gemeinde, einen Staat, eine Staatengemeinschaft wie die EU, und es gilt für die Weltgemeinschaft.

Wenn wir heute den Dialog der Kulturen als die einzige Möglichkeit sehen, einen Clash zu vermeiden, so wissen wir: Dialog ist nicht ein Schlagabtausch in einem Boxring. Unabdingbare Grundlage einer Gemeinschaft, auch der Weltgemeinschaft, ist das Wort, das Gespräch, die Rede und die Gegenrede, die politische Rede.

Das ist die Hoffnung, auf der unser Glauben an ein friedliches Miteinander ruht.

Trotz aller anderen Kommunikationsformen ist daher die politische Rede als tragendes Element des menschlichen Zusammenlebens nicht wegzudenken.

Verdient sie nun, weil sie einen Wettstreit der Meinungen und der Argumente ermöglicht, einen Pokal?

Verdient sie, weil sie eine dramatische Inszenierung ist, einen Oskar?

Oder verdient sie als kultureller Beitrag zur Verständigung der Menschen einen Nobelpreis?

Keiner dieser Preise kann ihr genügen. Die politische Rede verdient viel mehr: einen Cicero.

Danke, dass Sie diesen Preis geschaffen haben und dass Sie so jährlich der politischen Rede gedenken!