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Die Macht des Wortes

18.6. - Festakt zum 20jährigen Bestehen des Medienausbildungszentrums MAZ in Luzern

Das Wort ist Macht.

Wer dies nicht wahrhaben will, kennt seine Verantwortung nicht.

Macht wird oft fälschlicherweise mit absoluter Macht gleichgesetzt und daher heruntergespielt. Mancher Politiker kokettiert damit, keine Macht auszuüben oder, schlimmer, er glaubt es sogar. Er sieht nur seine Ohnmacht gegenüber anderen politischen, medialen oder wirtschaftlichen Kräften. Dennoch hat er Einfluss, keinen omnipotenten, aber eben doch Einfluss. Einfluss ist Macht. Wer Macht ausübt, ohne es zu wissen, kann seine Verantwortung nicht wahrnehmen.

Das ist beim Wort nicht anders. Auch das Wort bedeutet nicht Allmacht, denn das Bild vermag ebenfalls zu verändern und Taten oder Waffen verändern unmittelbarer als das Wort.

Dennoch bedeutet das Wort Macht. Es ist die Gestalt unserer Gedanken. Gedanken erzeugen dadurch, dass sie gesprochen oder geschrieben werden, Wirkung. Sie bewegen uns selbst zu Taten, regen andere Menschen zu Gedanken, zu einer Überzeugung an, die sie ihrerseits in Worte fassen oder in Taten umsetzen. Dadurch üben Worte Einfluss aus. Und das ist Macht.

Wer mit Worten arbeitet, in Politik, in den Medien, in der Kirche oder Wissenschaft, der muss das wissen, sonst ist er sich seiner Verantwortung nicht bewusst.

Schon nur einzelne Wörter üben Macht aus:

„Schein-Invalide“: Wörter können Geschosse sein.

„Ökoterroristen“: Wörter können zum Bumerang werden.

„Freude herrscht!“: Wörter können Flügel erhalten.

Wörter können verräterisch sein: In Bern prangt an der Baustelle für das neue Gebäude, in welchem die Journalistinnen und Journalisten der schweizerischen Medien die Geschehnisse im Bundeshaus verfolgen werden, in gigantischer Grösse das Wort „Bundesmedienhaus“. Das Wort verrät einiges über das Medienverständnis.

Ein und dasselbe Wort kann Gegensätzliches bewirken. Das Wort Europa löst einmal „Freude, schöner Götterfunken“, das andere Mal Pfiffe und Murren aus. Wörter können Hoffnung verleihen, wie „Sozialismus“, „Perestrojka“, „Glasnost“ oder „liberté, égalité, fraternité“. Dieselben Wörter können aber auch zur Guillotine oder in den Gulag führen.

Mächtiger als Wörter sind Worte, Worte als Ausdruck komplexer Gedankengänge oder Überzeugungen: „Am Anfang war das Wort.“ Das heisst: Das Wort ist die Quelle der Sinngebung unserer Welt. „Das Wort“ bedeutet unsere Fähigkeit, Zusammenhänge  zu verstehen, abstrakt zu denken und uns in Begriffen zu äussern.

Worte sind das Berufswerkzeug von Kultur, Politik und Medien. Manifeste, Streitschriften, Romane, Kolumnen haben die Welt, die kleine und die grosse, bewegt.

Die Zehn Gebote, Luthers Thesen, die Erklärung der Menschenrechte, das sind Worte, welche die Welt veränderten.

Nicht jede Veränderung ist von allen gewünscht. Deswegen können Worte ins Gefängnis führen, was Galileo Galilei, Vaclav Havel oder Nelson Mandela widerfuhr.

Damit Macht nicht zur Willkür verkommt, braucht es das Gegengewicht, eine Gegenmacht. Das war die Idee der Gewaltenteilung zu Verhinderung der Willkür des Staates.

So muss es auch mit der Macht des Wortes sein: Wer redet, muss die Gegenrede hören. Wer das Wort benutzt, muss das Anti-Wort, die Ant-wort gewähren.

Es gibt Medien, die scheuen die Gegendarstellung wie das Weihwasser. Wer eine Geschichte nicht zu Ende recherchiert und seine Thesen nicht verifiziert aus Angst, „die Story könnte sonst sterben“, der lässt keine Antwort zu.

Die Worte „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ lassen keine Antwort zu.

Wer aber keine Antwort zulässt, kennt die Ver-antwort- ung nicht.

Nicht immer ist da jemand, der tatsächlich antworten kann. Dieser Jemand ist daher in die Gedanken einzubeziehen. Seine möglichen Fragen sind zu beantworten, seine Antwort ist in die eigenen Gedanken einzubeziehen, bevor diese geäussert werden. Dies ist der Sinn der Verantwortung: Das Gewissen zu befragen und dem Gewissen eine Antwort geben zu können.

Dazu gehört die Erkenntnis, dass Worte Macht sind und dass sie in Verantwortung wahrgenommen werden müssen. Wer mit Worten arbeitet, muss ihre Macht verantworten.