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Die verlässlichen Schiffe des Rheins

29.4. - Jubiläum „100 Jahre moderne Rheinschifffahrt“ der Schweizerischen Vereinigung für Schifffahrt und Hafenwirtschaft in Muttenz

Vor vierundvierzig Jahren lag ich während vieler Monate unbeweglich im Basler Kinderspital. Fernsehen gab es damals noch nicht, wenigstens nicht im Kinderspital. Mein Fernseher war das Fenster auf den Rhein. Dort unterhielten mich während der langen Zeit Lastkähne, Schlepper, Schubboote etc, welche den Fluss hinauf oder hinunter glitten.

In den Bildausschnitt, den mir mein Fenster gewährte, schob sich zunächst ein Bug mit dem Namen des Schiffes, dann das fast endlos lange Deck, danach das Steuerhäuschen, der private Teil der Schiffsleute, ein Velo oder ein Moped, Wäsche, die im Wind flatterte, und schliesslich das Heck gefolgt von den kräftigen Wellen, welche die Schraube produzierte. Dann war für wenige Minuten das ganze Schiff zu sehen, bevor es, so langsam, wie es vorher in meinen natürlichen Bildschirm trat, auf dessen anderen Seite, hinter dem Fensterrahmen, wieder verschwand. Zuerst trat der Bug ab, eine Weile später das Hinterteil, die Wellen der Schraube zeugten noch nach Minuten von dem kräftigen Fernsehauftritt, bevor sie sich mit dem übrigen Strom beruhigten.

Doch schon bald schob sich ein neues Schiff in das Fenster, stromaufwärts oder stromabwärts, einmal voll geladen, mühsam kriechend, einmal unbelastet und etwas weniger langsam, einmal mit offenen Luken, so dass die Ladung erkennbar war - Kohle, Eisenstangen oder ein Gewirr von glänzigen Röhren, deuteten auf Erdöl im Rumpf des Riesen -, einmal geschoben, einmal gezogen, einmal geschleppt, einmal aus eigener Kraft, tagaus, tagein, auch nachts, dann sah ich nur die Lichter.

Die Schiffe wurden meine Freunde, sie unterhielten mich, sie beruhigten mich. Immer waren sie da, zuverlässig, sicher, stetig. Jedes von ihnen versicherte mir: „Das Leben wird weiter gehen. Auf uns kannst du dich verlassen."

Zuverlässig, stetig, nachhaltig: die Rheinschifffahrt

Inzwischen sind mehr als vierzig Jahre vergangen. Beruflich hat es mich nicht in eine Reederei verschlagen, aber die Politik ist ja auch eine Rederei, (aber eben nur mit einem „e"). Eine Zeitlang begleitete mich noch die Radiodurchsage zum „Pegelstand am Rhein". Doch eines Tages war auch die weg, verdrängt von den zunehmenden Staumeldungen von den Strassen. Diese Meldungen stauen sich ihrerseits.

Wie ganz anders ist es doch beim Rhein. Anders als auf der Strasse gibt es hier keinen Stau. Höchstens mal starkes Hochwasser oder Niedrigwasser: Dann können die Schiffe nicht ganz planmässig verkehren - etwas, das im Schnitt höchstens an fünf Tagen pro Jahr vorkommt.

Die Rheinschiffe kommen und gehen - wie damals vor dem Kinderspital: langsam, aber sicher und zuverlässig, nachhaltig.

Stetig

Still und leise erfüllen die Rheinschiffe eine wichtige Aufgabe für dieses Land auf nachhaltige Art und Weise. Sie transportieren fast einen Fünftel unserer Exporte und Importe - und das praktisch ohne Hilfe des Bundes: In die Nationalstrassen muss 350-mal mehr Geld investiert werden als in die Schifffahrt.

Ruhig und unbeirrt wie der Fluss selbst bleibt die Rheinschifffahrt auf Kurs.

Teurer Lärmschutz? Braucht es am Rhein nicht.

Raumverschleiss? Der Rhein gibt die Route vor, es müssen keine neuen Schneisen gehauen oder Anflugrouten bestimmt werden.

Umweltschäden? Kein anderer Verkehrsträger hat tiefere externe Kosten. Kommt dazu: Der Tonnenkilometer kostet auf dem Rhein achtmal weniger als auf der Strasse.

Die Rheinschifffahrt ist ein sicheres Verkehrsmittel, sicher im doppelten Sinn: Wir können uns auf sie verlassen und sie kennt die wenigsten Unfälle aller Verkehrsmittel. Auch bei ihr gibt es natürlich nicht die absolute Sicherheit. Denken wir nur an die Loreley, vor ihr ist kaum jemand sicher. Oder es kommt mir aus eben jener Zeit des Kinderspitals jenes Rheinschiff in den Sinn, das beim Anblick des hässlichen Pfalzbadhäusleins bockte, sich quer stellte und die mittlere Rheinbrücke während Wochen blockierte. Es gab damals nur ein Mittel: Die Badeanstalt abreissen, damit nicht andere Schiffe ebenfalls erschrecken.

Verlässlich

In der Diskussion um die Konkurrenz zwischen Schiene und Strasse wird immer wieder damit argumentiert, die Bahn sei zu wenig schnell. Es werden lächerlich kleine Durchschnittsgeschwindigkeiten von Zügen quer durch Europa, von Hamburg nach Moskau oder von Rotterdam nach Mailand genannt. Doch die Geschwindigkeit ist nicht das alleinige Kriterium für die Wahl eines Verkehrsmittels.

Gewiss gibt es Waren, die schnell transportiert werden müssen, Ersatzteile von Computern, Austern, Fische (wenigstens die toten, die lebenden könnten eigentlich selbst den Rhein hinauf schwimmen). Aber die Spediteure der allermeisten Waren brauchen vor allem eines: Verlässlichkeit. Die Ware muss zum versprochenen Zeitpunkt ankommen, darauf wollen sich die Kunden verlassen.

Die Strasse kann diese Pünktlichkeit nicht immer garantieren - in ganz Europa nicht: Der Brenner erstickt im Verkehr - Tag für Tag, nicht bloss punktuell am Morgen und am Abend oder vor Ostern und in den Sommerferien. Und im französischen Rhonetal fliesst der Fluss gelegentlich schneller als die Autokolonnen.

Auch die Bahn kann Pünktlichkeit noch zu wenig garantieren. Aber die Rheinschifffahrt kann es. Ein Güterschiff ist zwar langsamer als ein Camion, langsamer als der Zug oder gar das Flugzeug: Basel-Rotterdam zwei Tage, stromaufwärts vier Tage.

Dass aber die Ware pünktlich ankommt, darauf ist Verlass.

Nachhaltig

Nachhaltigkeit im Strassen- oder im Flugverkehr bedeutet stets akzentuierte Konflikte. Das soziale, das ökologische, das wirtschaftliche Ziel: alle drei stehen in gegenseitiger scharfer Auseinandersetzung. Wirtschaftliche Interessen gegen Lärmprobleme, Standortvorteile gegen Umweltschutz: Das ist der Stoff, aus dem die Albträume eines Verkehrs- und Umweltministers gewoben sind.

Bei der Rheinschifffahrt hingegen sind sich die drei Ziele der Nachhaltigkeit freundschaftlich verbunden: sozial verträglich, wirtschaftlich sinnvoll, ökologisch verantwortbar zieht das Rheinschiff seine Bahn. Oder eben: zuverlässig, sicher, stetig.

Das alles weckt natürlich die Eifersucht der anderen Verkehrsträger, und sie sind um Imitation bemüht. Die Camionneure nennen ihren Wagenpark „Fahrzeugflotte" und das Schleusensystem, das wir zur Querung des Gotthardtunnels schufen, nennen wir in Anlehnung an die Wasserwege „Tropfenzählersystem". Doch das hilft alles nichts: die Rheinschifffahrt ist und bleibt das nachhaltigere Verkehrsmittel.

Und dennoch glaubt die Rheinschifffahrt, sie erhalte nicht die politische Aufmerksamkeit, die sie verdiene. Der Redner an der letztjährigen GV des SVS beklagte sich darüber, dass auf der UVEK-Internet-Seite kein Link zur Rheinschifffahrt zu finden sei, und er sagte auch, der Verkehrsminister sei noch nie bei der SVS gewesen. Da hatte er Recht. Es ist eben wie bei Kindern: diejenigen, die am meisten schreien, erhalten am meisten Aufmerksamkeit. Was war ich doch schon wegen des Staus am Gotthard im Tessin oder in Uri, was verbringe ich doch für Zeiten mit den Anflugproblemen um den Zürcher Flughafen. Doch, lassen Sie sich nicht beirren: Nicht Chronos zählt, sondern Kairos, der richtige Zeitpunkt, die Verlässlichkeit. Pünktlich zu Ihrem 100. Geburtstag bin ich da und gratuliere Ihnen. Die Website des UVEK ist ab dem heutigen Tag auch mit der Rheinschifffahrt durch einen Link verbunden - und sie wird es bleiben, nachhaltig.

Vorbild für die Verkehrspolitik

Das Fenster auf die Rheinschifffahrt zeigt uns auch die Gangart der gesamten Verkehrspolitik. Was auf dem Rhein längst im Fluss ist, möchten wir auch beim Landverkehr umsetzen. Doch hier befinden wir uns auf steinigem Terrain, um Strasse und Schiene wird gestritten. Und für den Luftverkehr wird von allen Seiten imperativ nach einer Luftverkehrspolitik verlangt. Worin sie aber bestehen solle, bleibt in den Wolken.

In einer denkwürdigen Abstimmung haben die Schweizerinnen und Schweizer die Alpeninitiative gutgeheissen. Seither versuchen wir, diesen Auftrag umzusetzen. In weiteren Abstimmungen wurden wir dabei unterstützt. Ja zur LSVA, Ja zur NEAT, Ja zur FinöV-Vorlage und Nein zum Bau einer zweiten Autoröhre durch den Gotthard.

Diese Politik hat auch ihre Gegner. Sie wollen das Ruder herumreissen, einen Kurswechsel herbeiführen, sie rufen nach zweiten Röhren und dritten Spuren. Sie frohlocken, die Verlagerung sei noch nicht gelungen, ja, sie sei gescheitert.

  • Erstens trifft dies nicht zu: In der ersten Phase haben wir das Ziel erreicht: Die Zahl der alpenquerenden Lastwagen ist stabilisiert. Für die zweite Phase zeichnet sich eine Senkung ab. Wenn sie so hoch sein soll, wie wir möchten, muss Europa mitziehen. Drauf sind wir angewiesen, zum Beispiel auf die Maut in Deutschland. Ist sie einmal eingeführt, kommen wir dem Verlagerungsziel näher.
  • Eine Verlagerung, wie sie der Alpenschutzartikel verlangt, kann nicht von einem Tag auf den anderen umgesetzt werden. Die Basistunnel an Gotthard und Lötschberg sind Bestandteil der Verlagerung und sie dauern ihre Zeit, noch länger als eine Rheinschifffahrt von Rotterdam nach Basel.

Eine grössere politische Umsetzung funktioniert ähnlich wie ein Rheinschiff: Entwicklungen mögen zwar langsam in Gang kommen, einmal auf Kurs ist der Bremsweg aber lang, abrupte, unbedachte Richtungswechsel sind nicht möglich. Das sei denjenigen in Erinnerung gerufen, die einen Baustopp der Basistunnel verlangen. Ein Dampfer kann nicht in voller Fahrt gewendet werden.

So ist es auch bei der Schweizer Verkehrspolitik. Im grossen Ganzen hält die Schweiz bei der Verkehrspolitik die Richtung: Verlässlich, sicher, stetig bleiben wir auf Kurs, das Ziel heisst seit Jahren nachhaltige Mobilität.

Verlässlichkeit im politischen Prozess

Das soll aber nicht nur eine Eigenheit der Verkehrspolitik sein. Der Blick durch das Fenster auf den Rhein kann unser Verständnis für politische Prozesse überhaupt weiten:

Die direkte Demokratie und der Föderalismus bringen eine langsamere Gangart der Politik mit sich, als andere Systeme sie kennen. Volk und Stände begnügen sich nicht mit der Wahl des Parlamentes. Weil jede Gesetzesvorlage vor den Stimmbürgern bestehen muss, müssen Lösungen gefunden werden, welche nicht bloss auf die Mehrheit des Parlamentes abstellen. Es müssen viel weiter gehende regionale und soziale Anliegen berücksichtigt werden. Anliegen, die sonst in der Sachabstimmung durch eine Verweigerung zum Ausdruck kommen. Dieses Suchen nach regionaler, kultureller und sozialer Konkordanz braucht Geduld und sehr viel Zeit.

In einem System mit Regierungsmehrheit und Opposition gehen die Wechsel schneller vor sich - und zwar sowohl in der Gesetzgebung als auch beim Wechsel der politischen Farben in der Regierung. Solch häufige Kadenzen sind vielleicht spannend, „es läuft etwas", doch auch sie können im Resultat zu Immobilismus führen.

Beispiel Maut/LSVA: Als wir an der Einführung unserer LSVA waren, wollte Holland sich nicht mit unserem halben Weg begnügen, weil es die gleiche Steuer auch für Personenwagen einführen wollte. Das bedingte natürlich aufwändigere Vorbereitungen. Wir hingegen beschränkten uns darauf, die Lastwagen zu taxieren. Bald nachher kam es in Holland zu einem Regierungswechsel und das ganze Projekt wurde gekippt.

Die langsamere Gangart kann so eine nachhaltigere Politik bedeuten als die der schnellen Wechsel.

Die Geschwindigkeit eines Systems mit Mehrheit und Opposition hat auch Einfluss auf die Qualität der politischen Auseinandersetzung: Die Opposition findet alles schlecht, was die Mehrheit tut, auch wenn sie genau weiss, dass sie nicht anders handeln würde. Das führt zu einem demagogischen schwarz-weiss Hickhack, in welches die Medien einbezogen werden, die dann ja auch selbständig agieren, was alles zu einer Akzentuierung und Beschleunigung führt.

Von dieser Entwicklung ist unser Land keineswegs verschont. Die Auseinandersetzungen sind parteipolitisch und medial schriller geworden. Es wird an einer politischen Richtung, an politischen Exponenten kein einziger guter Faden mehr gelassen: „Landesverräter", „Versager", „Ratten", das sind heute schon bald Liebkosungen. Noch vor kurzem war es ein Schimpfwort, zu den „Netten" zu gehören. Die Schraube dreht sich. Und dies führt zu einer Beschleunigung der politischen Kadenzen. Dass gleich reihenweise kantonale Regierungen zu einem zweiten Wahlgang antreten müssen, ist auch eine Folge härterer und unsachlicherer politischen Auseinandersetzung.

Aber ganz ehrlich: So ein ganz klein wenig schneller darf es in unserer Politik schon zu und hergehen. Abwechslung und neue Gesichtspunkte sind auch nötig.

Aber eine Konkordanz zwischen Regierung, Parlament, Volk und Ständen ist in der direkten Demokratie unabdingbar. Wir dürfen uns von den Verlockungen oppositioneller und medialer Hexenmeister und -meisterinnen nicht verführen lassen. Sonst scheitert jede Veränderung. Wer wüsste das besser als die Rheinschiffer? Heinrich Heine hat es in Verse gefasst:

„Ich glaube, die Wellen verschlingen

am Ende Schiffer und Kahn;

und das hat mit ihrem Singen

die Loreley getan"

Widerstehen wir den Reizen einfacher Rezepte, wonach alles subito möglich sei. Die wahren Qualitäten eines politischen Systems liegen nicht in der Geschwindigkeit als solcher, sondern in der Verlässlichkeit, der Pünktlichkeit und in der Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit heisst auch Akzeptanz: Unsere LSVA wurde völlig problem- und widerstandslos eingeführt. Immerhin ging es um eine neue Steuer mit Erträgen von mittlerweile gut 700 Millionen Franken pro Jahr. Das Volk hat entschieden und das ist überall akzeptiert worden, übrigens auch von der EU.

Das Frauenstimmrecht, der Beitritt zur UNO: Das hat bei uns alles länger gedauert als anderswo, aber es ist jetzt nicht mehr in Frage gestellt und von allen akzeptiert, auch von den damaligen Gegnern. Wir haben auch heute ungeklärte Fragen. Die Position der Schweiz in Europa zum Beispiel ist noch ungelöst. Der Rhein, der in unserem Lande entspringt, fliesst nach Deutschland, Frankreich, Holland, nach Europa. Doch mit dem Blick durch das Fenster können wir uns auf die Dauer nicht begnügen. Wir sind ja nicht im Kinderspital. Wir wollen doch Fenster und Tür öffnen und aktiv hinaustreten. Ich weiss, das braucht seine Zeit. Dies habe ich schon damals während der langen Tage, Nächte und Monate gelernt.

So offenbart uns denn die Rheinschifffahrt ein Fenster, ein Fenster auf den tieferen Sinn jeder Politik. Politik ist ein sozialer Prozess, in welchem die Geschwindigkeit sekundär ist, ein Prozess, der Zeit braucht, um nachhaltig und verlässlich zu sein.

Die Rheinschiffe machen uns das vor. Ich habe sie selber gesehen: Immer waren sie da, zuverlässig, sicher, stetig. Jedes von ihnen versichert:

„Der Rhein fliesst weiter, auch in den nächsten 100 Jahren. Auf uns kannst du dich verlassen."