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Ein Gott, ein Schalk und die heilige Quote oder Was hat die Politik in einer TV-Show zu suchen?

>Moritz Leuenberger - Rede anlässlich der Verleihung des Cicero-Rednerpreises an Thomas Gottschalk, Bonn, 10. Juli 2007

Moritz Leuenberger (Cicero-Preisträger 2003) mit dem Cicero-Preisträger des Jahres 2007, Thomas Gottschalk.

>Herzlichen Dank, dass ich richtig vorgestellt wurde, nämlich als Ciceropreisträger. Ich übe zwar daneben auch noch einen weiteren Beruf aus, denjenigen eines Schweizerischen Bundesrates. Was das allerdings ist, weiss ausserhalb unserer Landesgrenzen kein Mensch und auch in der Schweiz sind nicht alle auf dem laufenden. Versuche ich auf internationalem Parkett, diesen Beruf zu erklären, hat sich mein Gegenüber meist schon einen anderen Gesprächspartner gesucht und so beschreibe ich mich, wenn ich mich vorstelle, Respekt erheischend als Ciceroträger. Das ist rund um die Erde der Inbegriff der Lorbeeren aller Lorbeeren. Auch bei mir in der Schweiz ist Cicero Rettungsanker, wenn ich an die Grenzen des politischen Vermögens stosse: CO2 Ausstoss, Feinstaub, Handysmog, Atomkraftwerke, Fluglärm, verspätete Züge. Doch nicht einmal meine politischen Gegner kosten diese Anzeichen politischer Unvollkommenheit aus, denn mein Cicero überstrahlt sie alle.

>Er steht bei mir zuhause im Büchergestell neben zwei Bänden von Ciceros Reden. Diese  musste ich deshalb gar nie lesen, weil ich ihn nun ja höchstpersönlich kenne. Er begleitet mich bei meiner Arbeit und gibt mir den nötigen Rückhalt, er ist zu einem verlässlichen Freund geworden, der mir Mut, Kraft und Selbstvertrauen gibt.

>Und dann der Schock: Ein anderer erhält ihn. Gang zum Psychiater und zum Anwalt. Sie trösten mich, mein Cicero wird nicht zu Wanderbüste, ich darf ihn behalten, der Neue erhält bloss eine Kopie.

>Dennoch die bange Frage: Wer ist dieser Newcomer?

>Wohl ein besserer Redner, aber wo besser? Auf Sand oder auf Rasen? Verdrängt er mich oder zieht er nur gleich? Wie weit falle ich zurück in der Rangliste? Bleibe ich wenigstens in den top ten?

>Und dann der zweite Schlag: Es ist gar kein Redner. Es ist ein Talkmaster, ein Showmaster, ein Meister in jeder Hinsicht also. Was bedeutet das für den Wert meines Ciceros?
>Untersuchen wir das doch etwas näher:

Die Götter

>Erste Feststellung: Der Neue ist ein Gott.

>Als Politiker glaube ich an das Primat der Politik. Ich berufe mich auf die res publica, auf die noble Aufgabe, die Gesellschaft und die Erde zu gestalten.

>Leider hat diese Aufgabe, soweit sie von Politikern wahrgenommen wird, nicht mehr den besten Ruf. Politikern wird zuweilen submaximale Glaubwürdigkeit attestiert, noch weniger haben nur Journalisten. Statt an uns orientieren sich die Menschen an Idolen, mit denen sie sich gerne identifizieren. Die wahren Götter unserer Zeit sind grosse Männer mit wuscheligem Haar, wallenden Kleidern und wogendem Gang. Von Beruf sind sie Schauspieler oder Showmaster. Sie sagen uns, wie wir unser Leben und unsere Gesellschaft  gestalten sollen. Die amerikanische Talkmasterin Oprah Winfrey sei nicht nur die reichste Frau der USA, es wird ihr auch der grösste gesellschaftliche Einfluss auf die Nation zugeschrieben. Das ist historisch gesehen immerhin bemerkenswert: Früher hatten Schauspieler nicht den besten Ruf und galten als haltlose Vagabunden. Heute sind sie Meinungsmacher und zwar gestützt auf die Rollen, die sie spielen.

>Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch Politiker Unterhaltungselemente suchen und nutzen, um ihre politische Botschaft zu vermitteln. Demokratische Politik ist auf Öffentlichkeit angewiesen und der Weg in die Öffentlichkeit führt über die Medien. Wer den Weg der Politik gehen und die Türen und Fenster zu den Menschen öffnen will, muss sich den Gesetzen der Medien anpassen und den Pakt mit Mephisto eingehen.

>Die Medien unterliegen einem dauernden Kampf um Aufmerksamkeit. Insbesondere das Fernsehen zeigt vorab das, was ins Auge sticht, was die Aufmerksamkeit fesselt. Auf diese sich stets drehende Überbietungsspirale muss sich auch die Politik einlassen, denn wir leben in einer Zeit des Informationsüberflusses. Die politischen Akteure müssen zuerst die Aufmerksamkeit des Publikums für ihre Themen gewinnen, bevor die eigentliche Überzeugung mitgeteilt werden kann. Wer gehört werden will, muss zuerst gesehen werden.

>Also ringt der Politiker um Slots, in welchen er seine Überzeugung vermitteln kann. Also drängt er zu den Göttern. Am grossartigsten ist natürlich ein Auftritt im Himmel bei Gottschalk selber. Das gelingt nicht jedem. Ich kann mich erinnern, wie ich damals als Bundespräsident in Basel Herrn Gottschalk vorgestellt wurde. Er sagte jovial: „Na! Wie geht's denn der Politik?" Gleichzeitig ein gütiger Klaps auf meine Schulter und schon war ich von einer Autogrammjägerin wegbugsiert, bevor ich auch nur zu einem Gedanken darüber ansetzen konnte, wie es denn nun eigentlich „der Politik" gehe.

>Nicht jeder dringt also zu Gottschalk vor und so strampelt er sich selber ab, um in den Himmel zu gelangen. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Ohne öffentliches Joggen bringt man es heute nicht mal mehr zum Gemeindeparlamentarier. Wir kennen Parteipräsidenten, die sich zusammen mit ihren Ehefrauen oder neu erworbenen Freundinnen auf dem Sofa räkeln, Verteidigungsminister, die mit Gräfinnen im Swimmingpool plantschen. Und alle spielen sie mit ihren Kindern, wenigstens solange die Kameras da sind. So und nur so treten sie ein in den Olymp, so dringen sie vor zu den Göttern, welche die öffentlichen Meinungen formen.

>Wenn sie endlich die Aufmerksamkeit erreicht haben, wenn sie nun gesehen und also auch gehört werden könnten, dann könnten sie dem Primat der Politik zum Durchbruch verhelfen und ihre politische Botschaft zu den Menschen bringen. Wie tun sie das?

>Sie haben den mephistotelischen Pakt schon geschlossen, sie orientieren sich an den Göttern und nehmen sich ein Vorbild an deren Schalk. Wie diese stellen sie ihre Anliegen dar, indem sie erfreuen, unterhalten und scherzen.

>Dies ist  im Fall der Politik eine zweischneidige Sache. Unterhaltung kann zwar im weiteren Sinne politisch sein, doch tendiert sie häufig gerade auf jene im Effekt unpolitischen Einzelaktionen, wie sie Sharon Stone am WEF in Davos praktizierte, indem sie mitten in einer Diskussion aufstand und begann, basisinstinktiv Geld für Moskitonetze zu sammeln. Dank ihrer blonden Argumentationskraft kamen sofort Millionen zusammen, doch wurden die damit gekauften Netze dann aber nicht gegen die Mücken, sondern von den vielen Beschenkten zum Fischen benutzt, mit der Folge, dass die Berufsfischer ihren Verdienst verloren.

>Der Vorwurf geht nicht nur an Sharon Stone. Wird die politische Substanz durch den medialen Schein überblendet und nur noch die inszenierte Oberfläche beleuchtet, deformiert die Politik zum unterhaltsamen Gesellschaftsspiel. Es wandelt sich die Ästhetisierung zur Anästhetisierung. Fernsehen wird dann zum „Nullmedium", wenn es keinen Inhalt mehr vermittelt und Hans Magnus Enzensberger erhält doch noch recht mit der Feststellung: „Man schaltet das Gerät ein, um abzuschalten."

>Diese Tendenzen werden gegeisselt als „Amerikanisierung", „Infotainment", „Politainment" oder „Talkshowisierung". Die politische Frage lautet aber: Ist das inhaltliche Anliegen im Medienprodukt noch erkennbar ist, nämlich die Frage, wie wir unser Zusammenleben in Freiheit und Solidarität ordnen. Das heisst: Es muss sich der Politiker selber um das Primat der Politik kümmern. Wie steht doch in der heiligen Schrift?

>„Du sollst nicht öffentlich Politisierung predigen und heimlich von Gottschalkisierung träumen."

Der Schalk

>Inszenierte Politik ist nicht neu. Sowie schon das griechische Theater auf der Bühne ein Anliegen, eine Überzeugung, einen Konflikt oder eine Kritik zum Ausdruck bringen wollte und dazu der Dramatik, der Zuspitzung, des Spiels bediente, so nutzt die Politik schon seit eh und je dieselben Mittel. Auch Cicero tat es in seinen klassischen Reden: Innert begrenzter Zeit und Raum wird ein Anliegen dargestellt, oft unter Zuhilfenahme von symbolischen Elementen.

>Heute hat sich die Unterhaltung weiterentwickelt und es boomen Comedy- und Containersendungen, talkshows, in denen Untreue, Trennungen und uneheliche Kinder dem Partner vor laufender Kamera verkündet werden, Quizspiele, in denen Glitter, Glanz und Glamourgirls weit anspruchsvoller sind als die Quizfragen.

>Doch der mäkelnde Politiker soll bedenken: Auch die Politik bedient sich der Unterhaltung und sie hat keinen Anlass, sie als solche zu verachten, auch wenn die Anfeindungen nicht zu überhören sind. Denn es gibt sie, die griesgrämigen Gralshüter des guten Geschmacks, die jede Opernaufführung an der Inszenierung messen, die sie als Kinder sahen, die davon ausgehen, es sei moralisch verwerflich, im Leben Freude zu haben, die im Spass nur das Gegenteil von Kritikbewusstsein sehen und ihn deshalb der ästhetischen und moralischen Minderwertigkeit verdächtigen. Selbst Al Gore schlägt diese Richtung ein, wenn er Fernsehen an und für sich schlecht findet und ihm vorwirft, Menschen in hypnotisierte Hühner zu verwandeln (wobei er allerdings nur die Menschen in der Bushadministration meint).

>Als in der schweizerischen Bundesverfassung explizit festgehalten werden sollte, Radio und Fernsehen hätten auch zur Unterhaltung beizutragen, löste das heftigen Protest im Parlament aus. Wer den Bürgern panem et circenses biete, wolle nur ablenken von den eigentlichen Problemen. Politik solle sich mit dem Brot, aber nicht mit den Spielen befassen. Bei den Römern habe der Zirkus nur der Machterhaltung der Kaiser gedient und das sei einer Demokratie nicht würdig.

>Mittlerweile ist auch in unserem Lande Unterhaltung als Beitrag zum nationalen Zusammenhalt unbestritten. Sie ist in unserer Bundesverfassung verankert, wenige Artikel nach der Präambel, die mit „Im Namen Gottes" eingeleitet wird. Gott und Schalk sind also selbst in unserer Verfassung nicht weit voneinander. Dass Unterhaltung und Demokratie miteinander zu tun haben, zeigt auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die den Anspruch aller Menschen festhält, nach Glück zu streben und zwar nach ihrer eigenen Vorstellung von Glück, welches auch darin besteht, zu lachen und sich zu vergnügen.

>Mit Recht. Als Infrastrukturminister weiss ich: Strassen, Geleise, Flugpisten und Stromleitungen müssen unterhalten werden, sonst verrosten und verlottern sie. Auch die Menschen müssen unterhalten werden, sonst können sie ihre Aufgaben in der Gesellschaft nicht wahrnehmen, sonst verrostet ihre Phantasie und verlottert ihr Geist. Unterhaltung dient der Vermittlung von Traditionen, der Auseinandersetzung mit aktuellen ethischen Problemen und beschreibt den Zustand einer Gesellschaft.
>So ist etwa die Wette, einen Lichtschalter mit einem Schiff zu betätigen, zweifellos der energiepolitische Beitrag, das Licht nicht gedankenlos mit einer Handbewegung einzuschalten, sondern Energie zu sparen. Als Energieminister unterstütze ich das aufs wärmste.

>So wie Geschichten und Sagen erklären, wer wir sind, woher wir kommen, was böse und was gut ist, ja, uns zeigen, was in den Tiefen unserer Seele verborgen ist, so beschäftigen sich Soaps, Sitcoms und Comedys mit unserer Moral, die für die Politik eine unabdingbare Grundlage bildet. Wie die Märchen, die mir mein Vater einst jeden Abend erzählte, wirft die mediale Unterhaltung Fragen auf, die unser Zusammenleben berühren, Liebe und Hass, Treue und Verrat, Feigheit und Mut.

>So erfuhr Tells Apfelschuss, der für die Identität der schweizerischen Eidgenossenschaft nicht weg zu denken ist, durch die Wette, wonach ein Motocross nach einem 20 Meter-Sprung genau auf fünf Äpfeln landet, eine dynamische Potenzierung unseres helvetischen Selbstwertgefühles. Als Landesvater  begrüsse ich auch das.

>Wie die Märchen können auch „Music Star" oder „die Millionenshow" oder „Wetten dass?" nicht nur Glücksgefühle auslösen, sondern auch zu Widerstand ermuntern. Die Zuschauer und Zuschauerinnen sind nicht Marionetten, sie haben eine eigene Meinung und verarbeiten die Sendungen kreativ und manchmal unberechenbar.

>Wer weiss schon, wie viel Tausend Übertritte in die katholische Kirche es gab, nachdem gewettet wurde, dass zwei Messdiener den Geruch von 40 Weihrauchsorten unterscheiden konnten? Und wer weiss, wie viele Austritte es deswegen gab? Allein diese Frage wäre eine weitere Wette wert.

>Gute Unterhaltung kann die Meinungsbildung unter Umständen sogar nachhaltiger anregen als ausschliesslich sachbezogene Informationen. Sie hilft den Menschen sich zu orientieren und einen Sinn im Dasein zu finden.

>Diese Anerkennung der Unterhaltung heisst nicht, dass jede Unterhaltung bedeutend wäre. So wie Informationssendungen und Kultursendungen bewertet werden, muss sich auch die Unterhaltung einer Qualitätsdiskussion stellen. Auch die leichten Musen wollen an einer Misswahl teilnehmen. Und von dort wissen wir: Vordergründige Attraktivität genügt nicht, es braucht auch eine innere Ausstrahlung.

>Manche Unterhaltungsprofis und Fernsehverantwortliche machen es sich zu einfach, wenn sie nur schon den Versuch einer Kritik damit abtun, der Kritiker sei eben elitär und er verachte die Unterhaltung. Nicht jede Kritik an Unterhaltungssendungen ist eine Kritik an der Unterhaltung als solcher.

>Was aber ist gute Unterhaltung?

>Wie misst sich die Qualität einer Fernsehshow? Bei Strassen, Tunneln und Bahnen können wir die Qualitätskriterien ja relativ einfach definieren:

  • >Ein guter Tunnel besteht darin, dass er auf der anderen Seite des Berges wieder hinauskommt.
  • >Ein guter Zug kommt nicht all zu spät am Ziel an,
  • >Ein guter Bahnhof besteht darin, dass der Zug in ihm anhält. (Wenn politisch umstritten ist, ob ein Zug als Schnellzug durchfahren soll oder als Pendlerzug anhalten muss, pflegen wir in der Schweiz den Kompromiss: der Zug fährt langsam durch den Bahnhof.)
  • >Und in der Wette, dass zwei Lokomotiven eine ungekochte Spaghetti über einen Kilometer transportieren können, steckt ein Aufruf zur erweiterten Nutzung des öffentlichen Schienenverkehrs, was ich als Eisenbahnminister nur begrüssen kann.

>Gibt es objektive Kriterien für eine TV-Show?

Die heilige Quote

>Wage ich als Medienminister einmal eine scheue Frage über die Qualität einer Fernsehsendung, schleudern mir die Verantwortlichen regelmässig triumphierend eine Antwort ins Gesicht: „Die Sendung hat eine hohe Einschaltquote" und erachten damit jegliche Diskussion als erledigt. Ist die Quote hoch, ist die Sendung gut. Sie haben ja nicht nur Unrecht. Warum gehen alle Showgrössen zu Gottschalk? Auch wegen der Einschaltquote, die ihnen breite Reklame für ihre eigenen Filme und Konzerte erlaubt.

>Ist also die Quote heilig?

>Die Demokratie kennt das Prinzip der Quote durchaus auch, erst recht die direkte Demokratie, in welcher über jedes einzelne Gesetz abgestimmt werden kann. Ist etwas umstritten, sagen wir bald einmal: „Wir stimmen ab." Dann unterziehen wir uns dem Entscheid der Mehrheit und sind von jeder weiteren Diskussion über gut und schlecht befreit. Pontius Pilatus fragte „das Volk", was mit diesem Jesus aus Nazareth zu geschehen habe und nach den Rufen: „Ans Kreuz, ans Kreuz!" wusch er sich die Hände in Unschuld.

>Auch in der Demokratie gilt: Mehrheitsentscheide allein schaffen noch keine politische Qualität. Das wirkliche demokratische Ideal wäre ja der Konsens. Das bedeutet, einen Entscheid so lange abzuwägen und ausdiskutieren, bis wir zu einer Lösung gelangen, die alle akzeptieren können. Ein Mehrheitsentscheid ist daher stets eine Notlösung, eine unumgängliche zwar, aber eine für viele Stimmbürger unbefriedigende. Damit der Mehrheitsentscheid nicht zur Willkür, nicht zu einer Diktatur der Mehrheit verkommt, muss er qualitativen Ansprüchen genügen und sich gegenüber den unterlegenen Minderheiten rechtfertigen lassen.

>Die Quote bedeutet für sich allein genommen also noch nichts, in der Demokratie nicht und auch bei einer Fernsehshow nicht.

>Welche Kriterien für gute Unterhaltung gibt es sonst noch? Es ist wie in allen Bereichen, mit denen jeder zu tun hat und deshalb meint, er sei ein Profi, beim Essen und Trinken, bei bildender Kunst und Musik: Jede Diskussion über Geschmacksfragen kann zu heftigsten, gefühlsbetonten Angriffen und zu empfindlichsten, beleidigten Reaktionen führen.
>Und doch gibt es auch in diesen subjektiven und von Gefühlen geprägten Bereichen Noten, die verteilt werden.

  • >Für Restaurants verteilt der Guide Michelin rote Sterne,
  • >bei den Weinen gibt Veronelli Becher und Johnson Noten bis 100.
  • >Bei der Musik sind es Emmys,
  • >bei den Filmen Leoparden, Oscars und die goldene Rose.

>Und die Krönung für einen Kommunikator ist der Cicero.

>Nach welchen Kriterien erfolgen diese Benotungen gegenüber einer TV-Show?
>Ich nenne drei, die ich als wichtig ansehe: Neugier, Vielfalt und Liebe.

1. Neugier

>Wer seine eigene Neugier mit anderen teilt, wirkt aufklärerisch.  Eine Fernsehshow kann und muss aufklärerisch wirken und zur Bildung beitragen. Es gibt leuchtende Beispiele:

>Die Wette, dass mit den Teigbuchstaben aus einer Nudelsuppe im Mund ein Wort aus fünf Buchstaben erkannt werden kann, ist zweifellos ein aktiver Beitrag gegen die schleichende Analphabetisierung, die ja ihrerseits auch ein wenig die Folge des Fernsehens ist.

>Nicht zu wissen, dass Mädchen unterschiedliche und unterscheidbare Geräusche machen, wenn sie in den Spagat springen oder wenn sie Zähne putzen, eine schmähliche Bildungslücke. Eine Wette hat sie geschlossen.

2. Vielfalt

>Wir erwarten vom Rundfunk Vielfalt. Sie meint nicht einfach proportionale Abbildung der real existierenden bunten Welt, sondern sie fordert auch das Neue, die Kreativität und Experimente. Ein Programm, das ständig nur „ankommen" und nie anecken will, fördert die Entwicklung einer Gesellschaft nicht.

>Die Wette, mit der Zunge einen Ventilator zu stoppen, lässt einen ja zunächst erschauern. Doch dann zeigt sie uns: Wie manche Zunge ist doch sinnvoller eingesetzt, wenn sie einen Ventilator stoppt, als wenn sie spricht.

>Eine Gesellschaft entwickelt sich, indem sie sich an Widerspruch, an neuen Standpunkten reibt.

>Als Umweltminister, der für die Erhaltung der Artenvielfalt verantwortlich ist, weiss ich: Die biologische Diversität ist Voraussetzung dafür, dass sich lebende Systeme weiterentwickeln können. Ebenso nährt sich die Demokratie von der Begegnung mit Ungewohntem und mit fremden Denkstilen. Vielfalt heisst, die unzähligen vorhandenen, aber noch nicht bekannten Erfahrungen und Erkenntnisse möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen und so den Wettbewerb der Ideen zu nähren.

>Und so ist es denn eine Bereicherung für einen Verkehrsminister, wenn ihm aufgezeigt wird, dass Helikopter als Flaschenöffner und Gabelstapler als Münzsortierer eingesetzt werden können und dass das Datum für die kommende Abgasuntersuchung an der AU-Plakette bei der Vorbeifahrt mit 100 km/h erkannt werden kann.

3.  Die Liebe zu den Menschen

>Der Grundsatz der Menschenwürde als Qualitätsmerkmal fordert, dass Menschen nicht instrumentalisiert oder blossem Voyeurismus preisgegeben werden.

>Das ist nicht immer einfach. Wohl sind wir ja einmütig gegen Insel- oder Container-Sendungen wie „Big brother". Aber was ist zum Beispiel mit „Super Nanny"? Die intime Teilhabe an der alltäglichen Ohnmacht von Eltern im Umgang mit ihren Kindern erfüllt uns zwar mit Unbehagen. Umgekehrt profitieren viele Familien von der Erkenntnis, dass Erziehungsprobleme lösbar sind.

>Der Qualitätsanspruch muss daher auf der Linie von Kants kategorischem Imperativ liegen: „Behandle einen Menschen stets so, wie du auch behandelt werden möchtest."

>„Wetten dass?" macht sich nie lustig über die Gäste oder die Wetter, sondern nimmt sie immer ernst. Der Moderator hat die Menschen gern.

>Das ist auch der wahre Grund, weshalb „Wetten dass?" immer noch so erfolgreich ist.

>Es liegt nicht nur daran, dass in dieser Sendung alle, egal wie alt oder jung, wie gebrechlich oder fit sie sind, die Möglichkeit haben, ihr ganz besonderes Können in einem bestimmten Bereich zu zeigen. Nein, es liegt auch daran, dass in „Wetten dass?" allen -  den Wettkandidaten, den Stars, dem Publikum im Saal und vor den Bildschirmen - so begegnet wird, wie wir alle möchten, dass man uns begegnet, verführerisch zwar , aber nie manipulativ. „Wetten dass?" begegnet uns mit Respekt, Witz, Fairness und Interesse, welches gegenüber weiblichen Gäste zuweilen noch intensiver ist als gegenüber männlichen - ein Beitrag zur Förderung der immer noch diskriminierten Frauen.

>Ja, ich gebe zu, ich war im ersten Augenblick irritiert, dass kein klassischer Redner den Cicero erhält. Doch zur Gerechtigkeit gehört ein zweiter Augenaufschlag. Der zeigt: Der Neue erfüllt alle Bedingungen guter Kommunikation: Er ist ein Gott, er ist ein Schalk und er kennt das Geheimnis der heiligen Quote.

>Ich bin Cicero dankbar, dass er uns näher brachte.