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Weil uns unser Hugo Loetscher immer umarmen wird

Moritz Leuenberger, Zürich, Grossmünster, 28. August 2009

Warum wohl sind wir so viele? Gemeinsam versammelt als Katholiken, Protestanten, Gläubige und Andersgläubige, hier in Zwinglis Grossmünster, gekommen aus Aussersihl und vom Zürichberg, hergereist aus Eschholzmatt, Brasilien und Indien, aus Kultur und Politik,  aus Wirtshäusern und Universitäten? Warum nur bewegt Hugo Loetscher uns alle?

Wo überall musste ich doch für die Vorbereitung dieser Ansprache seine Bücher zusammensuchen: im Büchergestell mit Schweizer Autoren, bei den Büchern mit persönlicher Widmung, in jenem mit den Kochbüchern. Bei der Rubrik Schweizer Politik wurde ich ebenso fündig wie bei den Kinderbüchern. Doch die meisten fand ich schliesslich im Gestell neben Highsmith und Brecht, weil ihre gemeinsamen himbeerroten Rücken farblich ins Wohnzimmer passen. Hugo Loetscher hätte mir dieses Zuordnungskriterium verziehen, denn „Oberflächen interessieren mich genau so wie das darunter. Beides gehört untrennbar zusammen."

Im dunkelroten Gedichtband „Es war einmal die Welt" habe ich ein Gedicht gefunden, das sich gleichermassen an Kinder, Grossväter und Verkehrsminister richtet:

MIT DER SPIELBAHN

„Komm, wir nehmen die Eisenbahn,
und wenn der Zug am Stuhlbein hält
steigen wir in Schlumpfstock aus,
(dann mag die Lokomotive verschnaufen,
zwar keuchen wir und gar nicht sie,
doch bringt sie die Murmeln
hindurch unterm Tisch,
hinüber zum Stellwerk Kastentür,
und falls der Bär am Dampfhahn dreht,
pfeifen wir
und rattern auf Schienen an uns vorbei)
schauen wir hinaus
durchs zitternde Fenster,
was auf dem Teppich an Blumen blüht.
Und schieben die Wagen die Alpen hinauf
und lassen sie los die Täler hinunter,
verladen die Zündholzschachtel
hinter dem Fluss der Fransen
auf dem Abstellgeleis von Santa Fe.
Wir befehlen den Weichen,
uns gehorcht das Signal,
wir fahren von einem Ende der Welt
auf weiten Kurven
in die andere Ecke des Zimmers."

Hugo Lötscher

Die Welt und das Kinderzimmer.
Hugo Loetscher sauste hin und her zwischen der Storchengasse und Kambodscha, zwischen dem Gran Café und den Kaffeehäusern Lissabons, zwischen der Sprecherstrasse und den Literaturen, die auf anderen Kontinenten entstanden.

Begonnen hat es mit der Überschreitung der Sihl.
Das Entscheidende ist aber, dass Hugo Loetscher auch wieder über die Brücke zurück schritt. Nicht alle schaffen das. Entweder bleiben sie bei ihrer Herkunft, fühlen sich ihr als Klasse starr verbunden, empfinden Bitterkeit und klammern sich an Vorurteile gegenüber den anderen - oder sie betrachten sich als Aufsteiger, wechseln die Seite, schämen sich ihrer Vergangenheit, verleugnen sie und fühlen sich nur noch den neuen Kreisen zugehörig.

Nicht so Hugo Loetscher. Er überschritt die Brücke über die Sihl nicht, um sie hinter sich zu lassen, sondern um gleich über die nächsten Graben zu setzen. Der Sihl folgten weitere Flüsse, Meere und Ozeane. In seinem letzten Buch setzt er schon auf den ersten Seiten von der Sihl zum Rio Madeira und dem Nil über. Dieses Übersetzen ist seine Kraft, seine Kreativität, seine Kunst. Er hat in den USA über die schweizerische Demokratie gelesen und er hat uns hier andere Kontinente und Länder, Südamerika oder Indien, näher gebracht. Nicht in Form von Belehrungen, sondern immer mit der Sprache verknüpfender Kunst, die uns anregte und uns zu weiteren eigenen Gedankengängen verleitete, hat er seine Überzeugung kundgetan, dass die Schweiz in der Welt ist und die Welt in der Schweiz.

  • Deshalb sind wir heute so viele, weil er zu uns übersetzte und für uns übersetzte.

Schon als Kind sauste er gedanklich über den Globus. Wünschte er sich zu Hause etwas, das unerreichbar war, und wenn es hiess: „Das gibt's, wenn Neujahr im Sommer ist",  insistierte er: „Nun ist aber Neujahr im Sommer. Nämlich auf der südlichen Halbkugel." Demnach müssten dort lauter Wunder geschehen, dachte sich Hugo Loetscher, und leitete daraus ab:

Für die Erfüllung unserer Wünsche brauchen wir die andere Hälfte der Welt.

Wir brauchen die anderen, sie bereichern uns. Das ist nicht oberflächliche Toleranz, nicht blosses Zulassen anderer Meinungen, das Andersdenkende kulant duldet. Wir brauchen den anderen, um uns zu vervollständigen, wir brauchen die anderen, um ganz zu werden.

Zur Minarett-Initiative, die einen Teil der Welt nicht in der Schweiz will, entsann er sich gar nicht so sehr vergangener Zeiten im protestantischen Zürich: Da wurden katholische Kirchen zwar toleriert, ein katholischer Kirchturm hingegen nicht und katholisches Glockengeläut schon gar nicht. Fand in einer katholischen Kirche eine Vermählung statt, liess die benachbarte protestantische Kirche in ökumenischer Nächstenliebe ihre protestantischen Glocken läuten.
Gestützt auf diese historische Erfahrung schlug Hugo Loetscher auch gleich seine Lösung für die Minarett-Diskussion vor: Minarette zulassen, aber der Muezzin darf nicht zum Gebet aufrufen - das besorgt dann, ganz ökumenisch, die Pfarrerin vom Grossmünster.

Hugo Lotescher wusste: Der Clash der Kulturen findet nicht nur am Nil statt, sondern auch an der Sihl, zum Beispiel, wenn es um das Rotationsprinzip des Waschküchenschlüssels geht, in den Waschküchen der Genossenschaftssiedlungen, Eigentumswohnungen, der Ratshäuser und des Bundeshauses.

  • Deshalb sind wir heute so viele, weil wir alle unsere Erfahrungen mit dem Waschküchenschlüssel haben.

Im Kinderzimmer, im Bundeshaus, in der Schweiz, in der Welt - es spielt sich überall dasselbe ab: „Das wahre Leben findet sowohl hier wie dort statt - oder nirgends". Es überrascht deshalb nicht, dass Hugo Loetscher sich nie darüber beklagte, die Schweiz sei ihm zu eng, dass er keine Rundumschläge gegen Kulturlosigkeit unseres Landes pflegte. Damit begnügte er sich nicht.
Seine Kritik der Schweiz war Zuneigung, zu spüren etwa, wenn in einer Geschichte ein Indio einen Schweizer fragt, von wem denn die Schweiz entdeckt worden sei, oder wenn eine andere Figur sagt „Hätten wir Schweizer die Alpen selber geschaffen, sie wären nicht so hoch ausgefallen". Für Hugo Loetscher sprach gar einiges dafür, dass der Liebe Gott Schweizer sein könnte - „weit weg von allem und nur zuschauen, das ist doch ebenso göttlich wie schweizerisch".

Hugo Loetscher schaute nicht nur von weitem zu; er nahm sehr klar Stellung, auch zum Tagesgeschehen.

Seiner Kritik fehlte jede Bitterkeit - weil er  wusste, dass wir alle unvollständig und unvollkommen sind. Den menschlichen Schwächen begegnete er darum mit Nachsicht und so machte er schon früh all jenen Mut, deren Lebensläufe und Lebensweisen nicht den gängigen Erwartungen entsprachen. Dazu genügte vor einigen Jahrzehnten schon eine Scheidung.

Wo die Bitterkeit fehlt, bleibt Platz für heiteren Esprit, für Witz und Ironie, bei Hugo Loetscher nie zynisch, kaum je sarkastisch, sein Humor machte auch vor ihm selbst nicht Halt.

  • Deshalb sind wir so viele, weil er unsere Schwächen nicht verlachte, sondern sich mit ihnen humorvoll solidarisierte.

Hugo Loetscher verkörperte diese Überzeugung: Wir sind alle gegenseitig für einander verantwortlich, für die Erfolge genauso wie für das Versagen. Er sagte es so:

„Wenn es also darum gehen wird, den Menschen in all seinen Möglichkeiten zu kennen, wird der andere nicht jemand, den ich toleriere, sondern jemand, den ich unerlässlich und unverzichtbar im Zeichen eines umfassenden Menschseins brauche. Ich bin erst dank seiner und aller anderen ein kompletter Mensch."

Das gilt auch für Gemeinschaften:

Europa wird europäischer, wenn die Schweiz dazugehört, fand Hugo Loetscher. Die Schweiz wird bereichert, wenn sie Europa aktiv mitgestaltet. Er schrieb in seiner Bewerbung an die Weltwoche (die damalige WW): „Verschiedene Male gründete ich Europa". Kein Zweifel, da ist, wie so oft, die Kultur der Politik voraus.

Weshalb, fragte er, sperrt sich ein Land, das seinen Föderalismus gegen innen so stolz pflegt und verteidigt, derart gegen einen Föderalismus nach aussen.

Er dachte an einen europäischen, und weiter, an einen globalen Föderalismus. „Wir brauchen die anderen, um herauszufinden, was menschenmöglich ist." Er betrachtete die Globalisierung nicht als Bedrohung, sondern als Aufforderung, die Welt gemeinsam zu gestalten.

Und wieder in seinem letzten Buch die Hoffnung:

„Entsteht nun zum ersten Mal Weltgeschichte, da nicht mehr irgendwo etwas passiert, ohne dass es anderswo Folgen hat? Jeder Ort ein Überall, da auf einer Kugel jede Stelle ein Zentrum sein kann."

Es ist diese Hoffnung darauf, dass gegenseitige Abhängigkeit zu gegenseitiger Verantwortung führt, die Hoffnung, die sich für aufgeklärte Gemeinsamkeit einsetzt, diese Hoffnung, unser Land kulturell und politisch einzubringen, der Welt solidarisch zu begegnen und nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein.

Dazu sollen wir nicht in verbitterten ideologischen Grabenkämpfen ringen müssen, sondern im gemeinsamen Wettstreit von Philosophie, Kultur, Politik, einem Wettstreit, der nicht verbissen ausgetragen wird, in dem Witz und Schalk ihren Platz haben.

  • Deshalb sind wir so viele, weil uns Hugo Loetscher zeigte und bewies: Es lohnt, sich für diese Hoffnung einzusetzen.

Er tat es, mit seiner ganzen Kommunikations- und Sprachkunst. Und dennoch, immer wieder die Frage, selbst in den Nachrufen: War er nun Dichter oder Journalist? War er Literaturvermittler oder Literat? Reiseschriftsteller oder Feuilletonist? War er nun liberal oder sozial?

Wie froh sind wir um Hugo Loetscher. Er beweist uns, dass wir Menschen nicht kategorisieren und nicht katalogisieren sollen wie Bücher nach ihrer Farbe und dass wir sie auch nicht in ein Regal stellen können, weil wir uns bewegen, wie Hugo Loetscher, der immer hier in Zürich anzutreffen war und immer gerade von Indien kam oder nach Argentinien reiste, und so globales Bewusstsein und lokale Verwurzelung verkörperte.

Er fuhr stets von einem Ende der Welt
auf weiten Kurven
in die andere Ecke des Zimmers,

nämlich nach Zürich,

- wo er in der Storchengasse den strafenden und abgasfreien Blicken der VelofahrerInnen ausgesetzt war - und diese dennoch gern hatte.
- Wo er über das Kulturphänomen des Boutiqueismus sinnierte - aber die Menschen, die dort verkehren, eben doch gern hatte.
- Wo er in der Kronenhalle jeweils ziemlich bald einen Flecken auf seine Krawatte produzierte, damit er sie endlich abziehen durfte; wofür wir ihn gern hatten.
- Wo er sich in die Warteschlange für die Bratwurst am Bellevue einreihte und wo er, wenn er uns erblickte, wieder aus der Schlange trat, uns die letzten Neuigkeiten erzählte, sich ereiferte und uns dankte für die Diskussion, ganz besonders dann, wenn wir anderer Meinung gewesen waren.

„Ich möchte die Welt umarmen, bloss sind die Arme ein bisschen zu kurz." Deswegen schwärmte er immer wieder aus, in alle Richtungen, und deswegen kam er immer wieder zurück zu uns. Für uns reichten seine Arme.

  • Deswegen sind wir heute so viele: Weil uns unser Hugo Loetscher immer umarmen wird.