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Auf dass die Geister erhellt werden mögen

Moritz Leuenberger - 550 Jahre Universität Basel, 17. April 2010

 

550 Jahre.

Eigentlich ist es ja ganz und gar unmöglich, sich wirklich in die Welt hineinzudenken, in der die Gründer der Uni Basel vor über einem halben Jahrtausend lebten. Dank der wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften und Erkenntnisse ist unser Leben gegenüber demjenigen unserer Vorfahren doch ein ganz anderes geworden. Damals gab es keine Navigationssysteme, die uns per Handy bekannt geben, ob wir uns gerade im Kanton Basel-Landschaft oder Basel-Stadt befinden. Heute gibt es nur noch ganz selten die Meinung, die Erde sei eine Scheibe. Nur sehr wenige sehen heute in einer Vulkanaschenwolke eine göttliche Rache dafür, dass der Flugverkehr zu billig ist und immer noch keine CO2-Abgabe bezahlt. (Obwohl das Gegenteil ja auch nicht bewiesen ist.) Doch die Menschen als solche, ihr Denken und Fühlen, ihr Mut und ihre Ängste, haben sich kaum verändert.

Als ich, im Hinblick auf heute, Schriften zur Reformation oder Edgar Bonjours Monographie zur Gründung der Uni Basel wälzte und mir die damaligen Vorbehalte gegen eine Universitätsgründung vorstellte, meldete sich mir unwillkürlich jene Parabel zurück, die ich schon damals, als ich hier in Basel zur Schule ging, zu enträtseln versuchte, das Höhlengleichnis von Platon:

Menschen sind in einer Höhle gefesselt und sie können nur die Schatten von einigen wenigen Geschehnissen in ihrem Rücken sehen. Diese verschwommenen Schatten, welche das Licht des Feuers an die Wand wirft, bedeuten ihnen die Welt und die Wahrheit. Sie wollen deshalb die Höhle gar nie verlassen und, wenn sie doch dazu gezwungen werden, haben sie grösste Mühe, sich an das Licht draussen zu gewöhnen. Sie erkennen dann aber nach und nach Konturen, einzelne Gegenstände, ja sogar die Sonne selber. Zurück in der Höhle müssen sie sich wieder an die Dunkelheit gewöhnen. Wenn sie dann den zurückgebliebenen Höhlenbewohnern ihre Eindrücke der wahren Welt erzählen, halten diese sie für Geblendete mit „verdorbenen Augen". Damit ihnen, den Zurückgebliebenen, nicht dasselbe Schicksal der Erleuchtung zukomme, ziehen sie es vor, jeden umzubringen, der sie befreien und ans Tageslicht bringen will.

 
 

uni-baselPlaton: Höhlengleichnis © Wikimedia

Die Bürger von Basel entschieden sich vor über einem halben Jahrtausend freiwillig für den wagemutigen Weg ans Licht. In einer Epoche, als finstere Dämonen und schwarze Magie das Denken der Menschen prägten, wurde so ein Boden geschaffen, auf dem rationale Erkenntnisse Wurzeln schlagen konnten.

Wir wissen es heute: Die Gründung der Universität Basel barg den Keim der Reformation, der Aufklärung, der Demokratie.

Die Promotoren der Universität selber konnten die Folgen ihres Wirkens natürlich nicht voraussehen, weder im Einzelnen noch in den grossen gesellschaftspolitischen und religiösen Dimensionen. Dennoch ahnten sie, dass ihr Suchen die Menschen weiterbringen werde. Sie wollten zu neuen Ufern gelangen, neue Verknüpfungen der Wissenschaften entdecken, andere Wahrheiten kennen lernen und sie scheuten dabei nicht, dass sie zunächst geblendet würden.

Dies bedeutete für sie zunächst politischen Einsatz, also Überzeugungsarbeit, Lobbying und Marketing:

  • Zunächst musste der Papst gewonnen werden. Die Gründer ersuchten ihn um die Bewilligung für ein Generalstudium aller Fakultäten nach dem Muster von Bologna (noch heute sprechen wir ja deshalb von der Bolognareform).
  • Der Papst warb gerade in Mantua für einen Kreuzzug „contra perfidos  turcos", ergriff also gewissermassen eine Initiative gegen Minarette. Als Gegenleistung erwartete er von den Baslern, dass sie sich ebenfalls mit einem Kontingent an diesem Kreuzzug beteiligen. Sie taten es, und so erlangten diese ihre lang ersehnte Bewilligung für eine Uni Basel mit der berühmten Begründung: „auf dass die Geister erhellt werden mögen".

Noch heute gedenken die Basler deshalb Eneo Silvio Piccolomini, dem späteren Pius II., mit dem Trommler- und Pfeiffermarsch „Piccolomini",  und sie haben dafür eigens den Morgestraich zur Tradition erhoben. (Ihre damalige Konzession an dessen Antiminarettskreuzzug machten sie im Jahre 2009 wieder gut mit einem Nein zur Minarettinitiative.)

  • Es gab damals aber auch eine Heimfront gegen eine Universität. Das waren konsequente Neinsager, die mit Fleiss nur die möglichen Nachteile jeder Öffnung nannten und dazu vorhandene Ängste vor dem Fremden und Neuen schürten. Dagegen hatten die Promotoren zu kämpfen. Sie hatten den Mut, nicht mit dem Strom zu schwimmen und sich nicht von den Umfragen auf dem Markt anstecken zu lassen. Sie standen zu ihrer inneren Überzeugung, argumentierten gegen die Vorurteile und Zweifel mit politischer Taktik. Sie unterstrichen also beispielsweise mögliche ökonomische Vorteile zugunsten der Öffnung: Dass Studenten Umsatz brächten, dass es gälte, Freiburg im Breisgau zu überflügeln, dass es auch um das Prestige ginge.
  • Doch bei allem taktischen Vorgehen und Argumentieren: Im Grunde leisteten sie, getrieben von neugieriger Aufbruchstimmung, das Bekenntnis zur Öffnung, das Bekenntnis, aus dem Dunkeln zu treten, die Höhle zu verlassen, das Bekenntnis zur Universitas der Lehrenden und Lernenden, zur Verknüpfung aller Wissenschaften.

Licht blendet, Licht verblendet

Der damalige Mut zu einer Universität und die Folgen ihrer Gründung brachten Freiheiten und Erkenntnisse, von denen wir heute profitieren. Denken wir nicht nur an die technologischen Entwicklungen oder die medizinischen Fortschritte, denken wir vor allem an die Stellung der Frau oder die Durchlässigkeit gesellschaftlicher Schichten, denken wir an die Meinungsäusserungsfreiheit (Opernzensur, Theaterzensur, Buchzensur, das können wir uns hier und heute ja kaum mehr vorstellen).

Und doch ist es nicht so, dass das neue Licht der Vernunft die Menschen ohne Wenn und Aber in eine bessere Welt geführt hätte. Licht kann blenden und Licht kann verblenden. Kriege, Rassenverfolgung und Folter gab es in allen Jahrhunderten, nicht nur im finsteren Mittelalter. Die Menschen selber haben sich trotz allem Bemühen um Vernunft kaum geändert. Auch heute noch werden die Augen vor wissenschaftlichen Erkenntnissen hartnäckig verschlossen. Studien werden mit ein paar saloppen Sprüchen ins Lächerliche gezogen, ohne dass sie je gelesen wurden. Denken wir nur an das Wort „Klimalüge".

Es ist aber auch nicht so, dass an der Universität jeden Tag ausschliesslich noch reinere Wahrheiten entdeckt und noch unumstösslichere Erkenntnisse entwickelt würden. Wir sind alle Menschen und unsere Arbeit, wo immer wir sie verrichten, ist auch von Gefühlen gesteuert. Es gibt auch in der Wissenschaft Modeströmungen und unbewusste Unterwürfigkeit unter Prämissen des Glaubens.

Und es gibt simple Irrtümer.

  • Die Gewissheit unserer Eltern, dass wir Kinder viel Spinat essen müssen, weil es darin besonders viel Eisen hat, beruhte auf einem Irrtum der Wissenschaft. Ein Forscher hat bei einer Messung ein Komma falsch gesetzt und wir wissen heute, dass Spinat nicht mehr Eisen enthält als Fenchel oder Zucchetti.
  • Die frühere Annahme, Frauen seien noch weniger intelligent als Männer, weil sie nachweislich ein kleineres Hirn haben (100 Gramm leichter), musste aufgegeben werden. Wenn dem so wäre, würde die Welt ja von Gorillas oder Pottwalen regiert.

Belassen wir es bei solch harmlosen Beispielen, wohl wissend, dass es viel grausamere und schändlichere gibt, wie die wissenschaftliche Rechtfertigung niederer und höherer Rassen, der Sklaverei oder der Folter.

So wie die Politik immer auch vom Horizont ihrer Vertreter, von ihrer Herkunft und ihrem Glauben geprägt ist, bewegt sich auch die Wissenschaft innerhalb eines vorgegebenen Horizonts. Über dessen Grenzen sind sich Wissenschafter gelegentlich so wenig bewusst wie die Höhlenbewohner Platons.

Je differenzierter und spezialisierter die Wissenschaft, desto grösser die Gefahr des engen Höhlenblicks. Wichtig ist daher, dass wir um diese Gefahr wissen. Dann können wir dem Verlust universellen Denkens auch aktiv entgegen steuern.

  • In den Naturwissenschaften können komplexe Probleme nicht isoliert gelöst werden und so arbeiten in Basel in der Nanowissenschaft, die bekanntlich Weltruf geniesst, Chemiker, Biologen, Physiker, Informatiker und Ethiker eng zusammen.
  • Nachhaltigkeit kann nur interdisziplinär angegangen werden und entsprechend ist an der Universität Basel auch der Master-Studiengang ausgestaltet.

Heute sind wir jedoch weit entfernt vom ursprünglich angestrebten studium generale, der Vernetzung aller Wissenschaften. Zu ihnen gehören nämlich nicht nur die Naturwissenschaften und die Wirtschaftslehren. Neben der Ökonomie gibt es auch noch andere Geisteswissenschaften, wie die Soziologie und die Psychologie (und die erschöpft sich nicht in der Behauptung, das Bankgeheimnis sei in der Schweizerischen Volksseele verwurzelt).

Dazu gehört auch die Theologie, welche eine Grundlage für den Dialog zwischen den Religionen und Kulturen bildet und uns zu aufgeklärter Auseinandersetzung befähigt und nicht nur zu dumpfen Reflexen und Aggressionen verleitet.

Dazu gehören auch all jene Disziplinen der Geisteswissenschaften, die sich mit ethischem Verhalten und mit moralischen Normen befassen. Moral ist heute zu einem Spottwort degradiert worden, obwohl sie ja an sich einen völlig wertfreien Begriff bildet und einfach gesellschaftliche Normen ausserhalb des gesetzten Rechtes beschreibt.

Die Ökonomisierung aller Werte

Universelles Denken, die Vernetzung von Erkenntnissen, kann man selbstverständlich nicht nur von der Wissenschaft verlangen. Das ist in der Politik ebenso gefragt. Auch hier gilt immer häufiger nur gerade die ökonomische Wertskala, der feste Glaube an die belebende Konkurrenz, das Gesetz des Marktes.

Die grosse Hoffnung in die Globalisierung, dass sie die Chancengleichheit für alle Erdbewohner in sich berge, ist zur nüchternen Feststellung verkümmert, dass unser Planet von ausschliesslich ökonomischem Denken kolonialisiert ist. Wir sind zu Raubrittern gegenüber der Erde geworden. Das zeigt sich nicht nur in der Plünderung von natürlichen Ressourcen  oder daran, dass jeden Tag eine Tier- oder Pflanzenart verschwindet, sondern in praktisch allen Lebensbereichen.

Freiheiten, welche die Aufklärung errang, drohen einzig für wirtschaftliche Zwecke und kaum für ihren inneren und eigentlichen Gehalt genutzt zu werden, nämlich für den freien Willen, das heisst für die Freiwilligkeit als Beitrag an die Gemeinschaft und die Solidarität.

  • Medienfreiheit: Sie darf nicht verkürzt werden auf blosse Wirtschaftsfreiheit, die in der Steigerung der Auflage besteht und sonst keinerlei inneren Gehalt oder Auftrag mehr kennt. Sonst verkommt eine der Säulen unserer Demokratie zu blosser grossbuchstabiger Empörung und sonntäglicher Häme. Sonst zerfallen liberale Leuchttürme, die sich einst Aufklärung und Erhellung verschrieben, zum Staub des Boulevards. Die Anzeichen für solche Entwicklungen sind nicht zu übersehen.
  • Lehr- und Forschungsfreiheit: Wir müssen Sorge tragen, dass universitäres Schaffen nicht nur an Kriterien wie Effizienz, internationaler Konkurrenzfähigkeit und Wirtschaftlichkeit gemessen wird. Angewandte Forschung muss auch für öffentliche Belange wie Raumplanung, Umwelt oder Verkehr möglich sein. Solche für das Gemeinwesen wichtige Forschungsprojekte von Universitäten und öffentlicher Verwaltung scheitern immer häufiger an der Finanzierung. Auch was sich nicht kommerziell verwerten lässt, muss in der angewandten Forschung Platz haben.

Die Bedeutung einer Universität liegt in ihrer Autonomie, nicht nur gegenüber der Politik, sondern auch gegenüber der Wirtschaft. Universitäten sind in erster Linie der Wissenschaft verpflichtet, der Bildung, erst in zweiter Linie der Kommerzialisierung ihrer Erkenntnisse. Nur so wahren sie ihre intellektuelle und ethische Identität. Die Universität ist ja eben nicht eine Höhle, in der bloss die Schattenzeichen der Börse verfolgt werden, sondern sie ist ein Garten, in dem ein Dialog zwischen Lernenden und Lehrenden gepflegt wird, ein Garten, in dem so neue Erkenntnisse gewonnen, gesät und zur Blüte gebracht werden.

  • Die Freiheit des Marktes: Kapitalismus wird heute oft als kurzfristige Gewinnoptimierung karikiert. Kapitalismus ist aber durchaus dem Geiste der damaligen Universitätsgründung entsprungen und er ist eine Konsequenz der Reformation. Er birgt eine fundamentale Moral, wie sie auch Rockefeller Junior vertrat: Jeder Gewinn ist auch eine Verpflichtung. Nur wer in der Höhle geblieben ist und zur Weitsicht unfähig, kann im Ernst meinen, er hätte einen Anspruch darauf, Steuergelder aus demokratischen Staaten in seiner Höhle zu hamstern. Und Platon beschrieb die Auseinandersetzug um solche Fragen trefflich: Sie, die in den Höhlen blieben, bezichtigen jene von draussen, die mit dem Raffgut ans Tageslicht drängen, „verdorbener Augen". „Am liebsten würden sie sie umbringen", fügte Platon hinzu. Hoffen wir, dass wenigstens diese Haltung heute überwunden sei.

Die Höhle öffnen

Statt dass wir uns hinauswagten und Solidarität übten!

Eigeninteresse ist nicht der Motor einer nachhaltigen Entwicklung. Statt wirtschaftlicher Eroberung der Erde braucht es die Universitas, die universelle Offenheit des Geistes gegenüber Neuem.

Dazu braucht es auch Phantasie, damit wir neue Zusammenhänge zu entdecken vermögen. Dazu braucht es Vorstellungskraft und den Mut, an das Licht zu treten, auch wenn dieses uns zunächst in den Augen schmerzt.

  • Wir feiern heute den Geburtstag der Universität Basel in Liestal. Auch das ist eine - längst fällige - Öffnung. Vor 50 Jahren wäre sie so noch nicht möglich gewesen. Und wenn ich mich an meine Schulzeit zurück erinnere, wo im Basler Marionettentheater der Teufel immer Zürichdeutsch sprach, muss ich sagen: Es ist eine wundervolle Öffnung, dass Sie einen Zürcher als Festredner akzeptieren.
  • Dass dies auch heute noch keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt die unwürdige und abstruse Diskussion um Deutsche bei uns. Ist sie mehr als das dumpfe Gemurmel von Wesen, die nur die Schatten ihrer eigenen Vorurteile zu erkennen vermögen? Eine ähnliche Diskussion gab es damals vor 550 Jahren auch, doch obsiegten die Kräfte, welche die Zuwanderung zum Wohle der Wissenschaft verstanden.
  • Der Bildungsbereich ist exemplarisch für eine solche Haltung. Was mit der Gründung der Uni Basel ihren Anfang nahm, mündete 550 Jahre später in einer europaweiten Öffnung von Bildung und Wissen. Neugier und Erkenntnis kennen keine Grenzen und gerade deshalb stimulieren sie und wecken Kreativität.
  • Die Bolognareform wird als bürokratisch angeprangert. Nicht nur zu Unrecht. Die Verschulung und die Vernachlässigung der Künste verdienen berechtigte Kritik. Jede Reform ist permanent zu reformieren. Aber sehen wir doch auch, was die Öffnung bedeutet. Ein Studium kann in ganz Europa, in mehreren Ländern mit verschiedenen Sprachen und Kulturen absolviert werden. Das öffnet Fenster auf neue Strassen des Lebens, das erweitert Blickwinkel, das ermöglicht, die Welt in neuem Licht zu sehen.
  • Und was unser politisches Engagement betrifft: Immer noch leisten in der Schweiz viele Widerstand dagegen, die Architektur des europäischen Wohnhauses mitzugestalten. Ist das vernünftig? Wir unterziehen uns europäischen Skizzen, doch die Architektur des Kontinents bauen wir nicht mit.
  • Die Frage, was eine Öffnung oder eine Mitgliedschaft in der EU bringt, ist gewiss legitim. Sie wurde ja vor 550 Jahren auch gestellt. Die damalige Antwort gilt noch heute: Die Öffnung des Geistes und die wirtschaftliche Entwicklung schliessen sich nicht aus, sondern sie bedingen sich, nur gemeinsam sind sie nachhaltig.
  • Aber ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass wir in eine globalisierte Welt mit ihren gigantischen Problemen, die auch unsere Probleme sind, etwas einbringen können. Wir wollen uns in einem ausgreifenden Geist der Bejahung dem Schauplatz der Geschichte öffnen und sie so gestalten.

Den Beweis, dass eine solche Öffnung allen etwas bringt, hat die Gründung der Uni Basel vor 550 Jahren erbracht.

Es lohnt sich, die Höhle zu verlassen und in das Licht zu treten.