Navigation ausblenden

Von Nachbar zu Nachbar

Rede am Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammern Ulm und Bodensee-Oberschwaben, 29. Januar 2010

 

Wir sind Nachbarn. Nachbarn laden sich gelegentlich ein und besuchen sich. So pflegen und unterhalten sie ihre Freundschaft. Ich danke Ihnen sehr herzlich für die Einladung, welcher ich gerne gefolgt bin.

Ursprünglich bedeutet Nachbarn nahe Bauern.

  • Bauern - jeder bestellt sein eigenes Feld. Jeder gräbt, wo er steht. Auf seinem Hof regiert sein Wort.
  • Nahe Bauern - sind abhängig voneinander. Alles, was sie tun oder lassen, hat Auswirkungen auf den andern. Wenn sie Chemikalien auf ihren Feldern verwenden, sind auch Boden und Wasser des Nachbarn betroffen. Nachbarn müssen miteinander reden, wenn sie Konflikte vermeiden wollen. Keiner kann nur sein eigenes Wort walten lassen, beide schulden dem anderen für ihr Tun eine Antwort.

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt", der Schweizer Willhelm Tell hat es gesagt, der Deutsche Friedrich Schiller hat es ihm diktiert. Keines unserer Länder ist besonders fromm und keines ist dem anderen ein böser Nachbar. Und damit dies auch so bleibt, müssen auch wir miteinander reden, uns auf die gegenseitigen Fragen antworten.

Wenn der eine Nachbauer seinen Misthaufen ausgerechnet an den Gartenzaun zum Nachbargrundstück platziert, schuldet er also eine Antwort, warum dieser Standort wirklich der beste ist und nicht etwa eine Schikane. Wenn das eine Land seine Nuklearendlager in Grenznähe plant, schuldet es dem Nachbarland eine Antwort, warum das für beide Seiten sicherer ist als irgendeine andere Lösung.

Wenn der eine Bauer dem anderen die Zufahrt zu seinem Hof erschwert, benachteiligt er ihn. Das ist zwischen Staaten nicht anders und so ringen wir denn seit vielen, vielen Jahren um das Anflugregime auf den Flughafen Zürich und um eine Antwort, warum dieser anders behandelt wird als die Flughäfen in Deutschland.

Doch Nachbarn wissen auch: Selbst wenn sie einander überzeugende Antworten geben, können sie ihre Probleme oft gar nicht mehr alleine lösen. Sie sind abhängig von Dritten. Auch weit entfernte Bauern haben Einfluss auf sie. Heute ist das die ganze globalisierte Welt. Eine Hypothekarkrise in den USA erfasst auch unsere Rentenkassen.

Alle sind wir abhängig vom Klima. Die Klimaerwärmung führt aber zu Wassermangel und Dürren, zu Krieg und Migration. Wenn ein weit entfernter Bauer von seinem Hof vertrieben wird, dann kommt er zu uns und sucht Schutz.

Wir sind alle Nachbarn auf dieser Welt. Wir sind alle abhängig von einander, ganz real, ob wir es wollen oder nicht.

Das ist zunächst eine Feststellung. Aus ihr leitet sich eine Überzeugung ab:
Wir sind nicht nur abhängig von einander, sondern auch verantwortlich für einander.


- Wir haben also nicht nur das Recht auf die erste Dimension, auf Selbstbestimmung, auf das eigene Wort,
- und wir sehen nicht nur die Notwendigkeit zur zweiten Dimension, zu Rücksichtnahme, zur Antwort,
- sondern wir erkennen die dritte Dimension: Wir müssen die ganze Welt gestalten, das ist unsere gemeinsame Verantwortung.

Lassen Sie mich das ausdeutschen, wie wir in unserer gemeinsamen Sprache zu sagen pflegen.

Unter Nachbarn - Deutschland und die Schweiz

Bauern. Manchmal klingt das noch in Ausdrücken nach wie „Kuhschweizer" oder „Sauschwaben", alles freundliche Referenzen an die Landwirtschaft. Und arbeitet ein typischer Schweizer mal in Deutschland, heisst er sicher Ackermann.

Nahe Bauern: Die Deutschen heissen

- für die Schweizer Schwobe, also Schwaben.
- auf Französisch les allemands, also die Alemannen,
- für die Engländer the germans, die Germanen
- für die Italiener sind sie tedeschi, also die Teutonen,
- für die Finnen Saxasa, die Sachsen.

Jedes Land benutzt die Bezeichnung für den nächstgelegenen Stamm. Den nächsten Stamm kennen wir am besten, und so sprechen Sie in Baden-Württemberg uns Schweizer aus dem Herzen, wenn sie den Slogan pflegen: „Wir können alles. Ausser Hochdeutsch."

Alle Nachbarn haben zunächst Probleme zu regeln, die mit der Nähe zu tun haben. Als Infrastruktur- und Umweltminister könnte ich Ihnen dutzende solche Beispiele nennen: Grenzüberschreitende S-Bahnen und Trams (Lörrach), Bahnhof Jestetten, Zollfreistrasse Basel - Weil (jetzt im Bau), Handyantennen, Behandlung des Feuerbrandes bei Apfelbäumen, Fischereivorschriften etc.

Doch nicht jede Differenz ist gleich ein echtes Problem:

So bauten unsere beiden Länder vor wenigen Jahren in Laufenburg eine Brücke über den Rhein. Die Ingenieure stellten mit deutscher und schweizerischer Gründlichkeit ihre Berechnungen an, dann wurde auf beiden Seiten des Rheins gebaut. Als die beiden Hälften hätten vereinigt werden sollen, ergab sich ein Höhenunterschied von 27 cm. Ein Rätsel. Die Berechnungen stimmten, aber die Differenz blieb. Der Oberexperte aus Deutschland reiste verzweifelt in die Ferien zu seiner Fraktion in die Toskana am Mittelmeer, derjenige aus der Schweiz nach Sylt, an die Nordsee. Das brachte die Wahrheit an den Tag: Es lag an der Meereshöhe. Wir in der Schweiz berechnen sie ab dem Mittelmeer, Sie in Deutschland berechnen sie ab der Nordsee. Nicht einmal mehr auf den Meeresspiegel kann man sich verlassen. Nicht auszudenken, wenn der ständig steigt. Deswegen fanden wir eine Lösung: Die beiden Verkehrsministerien berechneten dann die Meereshöhe nach dem Tiefensee. Doch der ist jetzt auch schon wieder abgetaucht.
Übrigens: Die 27 cm wurden auf der einen Seite korrigiert, leider in die falsche Richtung, womit die Differenz auf 54 cm anwuchs. (Der Fehler lag beim Schweizer Ingenieurbüro.)

Es gibt aber auch gravierende Konflikte zwischen Nachbarn. Es kann sich rächen, sie nicht anzusprechen und sie auszublenden. So kann ich mich erinnern an Äusserungen von Aussenministern und -innen, das einzige Problem zwischen Deutschland und der Schweiz sei, dass es keine Probleme gebe. Solche Verdrängungen können gefährlich sein und ich will daher trotz feierlicher Neujahrstimmung unsere gegenseitigen Schwierigkeiten ansprechen.

a) An- und Abflüge Flughafen Zürich

In Zürich wurde all zu lange verdrängt, dass es im Süden Deutschlands zumindest subjektiv ein Lärmproblem gab. 2003 verlagerte Deutschland das Problem in die Schweiz, indem es die Anflüge per Verordnung regelte. Das war keine nachbarschaftliche Lösung, entsprechend gross ist der Unmut in der Schweiz. Zu lange haben Politiker in beiden unsern Ländern vor allem die Partikularinteressen der unmittelbar Betroffenen verteidigt. Wir müssen nun auf beiden Seiten der Grenze eine Abwägung aller Interessen vornehmen: der Lärmbetroffenen, des Flughafenbetriebs, des wirtschaftlichen Austausches und vor allem auch der guten nachbarschaftlichen Beziehungen - erst dann werden wir zu einer besseren Lösung kommen. Bei ihrem Staatsbesuch vor zwei Jahren sprach sich auch die deutsche Bundeskanzlerin für eine Versachlichung der Diskussion und eine objektiv faire Lösung aus. Sie entfachte so eine Hoffnung, die wir nun aber auch zu einem konkreten Ergebnis führen müssen. Sicher ist: Das wird uns nur gelingen, wenn sich beide Seiten bewegen. Deshalb wird die Schweiz demnächst einen konkreten Vorschlag machen, der sich auf eine neue Lärmanalyse stützt. Ich hoffe, dass Sie Ihren Einfluss geltend machen und zur Lösung dieses Problems beitragen. Dies ist unser gemeinsamer Lebens- und Wirtschaftsraum, und wir wollen nicht streitende Nachbarn werden, sondern auch diese Angelegenheit endlich regeln im Sinne der grenzüberschreitenden Vernunft.

b) Standortsuche Endlager radioaktive Abfälle in der Schweiz (freiwillige Einbindung der Nachbarn)

Alle Staaten müssen ihre radioaktiven Abfälle selber lagern. Das ist die Erkenntnis und Haltung aller verantwortlichen Länder. (Auch wenn mir von einem süddeutschen Landesminister schon zugeraunt wurde: Lagert doch diesen Müll in Salzgitter ... Und auch wenn neulich zu lesen war, es gebe den Wunsch, deutsche Abfälle in der Schweiz zu lagern.) Es muss die sicherste Lösung gefunden werden. Das ist bei uns die Gesteinsschicht Opalinuston, sie erstreckt sich vom Zürcher Weinland bis in den Jura. Um in diesem Band die sicherste Lösung zu finden, haben wir ein Verfahren entwickelt, das allen Betroffenen grosse Mitsprache und Mitbestimmung einräumt, also auch unseren deutschen Nachbarn. Von diesen Rechten machen Sie auch rege Gebrauch: Die meisten Einsprachen stammen bisher aus Deutschland. Die Schweiz wird ihren Nachbarn bis zum Ende des Verfahrens dieselben Rechte einräumen wie den betroffenen Schweizer Kantonen, Gemeinden und Bürgern. (Nur abstimmen dürfen Sie nicht.)

c) Nördlicher Zulauf NEAT sowie Elektrifizierung Lindau - München

Unsere beiden Länder spielen die zentrale Rolle für den Verkehrskorridor Genua - Rotterdam. Deswegen handelte ich mit meinem ersten deutschen Verkehrsministerkollegen Matthias Wissmann die Vereinbarung über die gegenseitige Abnahme des Schienenverkehrs aus. Deutschland hat sich verpflichtet, die Strecke Karlsruhe - Basel durchgehend vierspurig auszubauen. Die NEAT ist auf Kurs. Noch in diesem Jahr können wir den Durchstoss des Gotthard-Basistunnel feiern. Bis zur Eröffnung 2017 müssen auch die Zulaufstrecken im Süden und Norden fertig gestellt sein. Wir beobachten mit einer gewissen Sorge, dass die Bewilligung der Bauvorhaben durch lokalen Widerstand in Südbaden verzögert wird.

Generell arbeiten die Schweiz und Deutschland in Bahnfragen sehr gut zusammen. So hat die Schweiz für die durchgehende Elektrifizierung der Strecke (München - Memmingen -) Geltendorf - Lindau eine Vorfinanzierung (50 Mio Euro) zugesichert, um das Projekt zu beschleunigen. Offen ist die Frage, ob es Haltestellen geben soll zwischen Lindau und Memmingen. Wenn die Zielzeiten für die Strecke Zürich - München (Verkürzung um 1h auf 3 ¼ h) eingehalten werden, spricht aus Schweizer Sicht nichts dagegen. In der Schweiz haben wir in ähnlichen Fällen Kompromisse gefunden: Der Zug rast nicht, stoppt aber auch nicht, sondern fährt bloss mit durchschnittlicher Geschwindigkeit durch den Bahnhof.

d) Personenfreizügigkeit: Deutsche in der Schweiz

Gegenwärtig gibt es bei uns wieder einmal eine Diskussion über die vielen Deutschen, die in unser Land einwandern. Das ist nicht neu. Nationales Stirnrunzeln über Zugewanderte gab es immer wieder. Einigen wurde die Einbürgerung verweigert, Paul Klee etwa, auf den wir heute stolz sind. Ein anderer Zugewanderter ist Albert Einstein, für uns ganz klar ein Schweizer, für Sie ganz klar ein Deutscher. In Wirklichkeit war er beides, und das war für ihn Schwierigkeit und Inspiration zugleich.

- Die Schwierigkeit: Weltweit gilt heute noch die Meinung, Einstein sei ein schlechter Schüler gewesen. Ähnlich wie bei der Brücke in Rheinfelden ist das aber auf unterschiedliche Notensysteme zurück zu führen: In der Schweiz ist die Eins die schlechteste, die Sechs die beste Note. Einstein hatte bei uns vor allem 5er und 6er, war also ein guter Schüler, doch Deutschland schädigte seinen Ruf mit seinem unlogischen Notensystem.

- Diese Ungerechtigkeit hat ihm gezeigt: Alles ist relativ. So richtig begriffen hat Einstein seine eigene Relativitätstheorie aber erst, als er einmal mit der Bahn von Zürich nach München fuhr und ein Kind auf der Nachbarsbank auf Schwäbisch fragte: „Wann hält eigentlich der nächste Bahnhof?". Die Bahnstrecke hat seither für die Bayern historische Bedeutung, steht also unter Denkmalschutz und wird daher konsequent nicht elektrifiziert.

Nun geht es momentan nicht allen Deutschen in der Schweiz wie Einstein. Vor kurzem lancierte eine rechtskonservative Partei eine aggressive Kampagne und sprach von deutschem Filz, vor allem an Hochschulen. Es gab heftige Reaktionen gegen diese Kampagne, u.a. ganzseitige Gegeninserate sämtlicher Professoren. Zu hören war auch der Vorwurf, die Kampagne der SVP sei rassistisch. Zunächst: Rassismus ist doch etwas gewagt. Wir sind ja nicht verschiedene Rassen. Zwar gibt es Unterschiede, und diese können zu Spannungen oder Missverständnissen führen. Grösser als die Unterschiede sind aber unsere Gemeinsamkeiten, wir teilen ja sogar dieselbe Muttersprache. Aber dass wir gegenwärtig die Präsenz von Deutschen in der Schweiz besonders intensiv diskutieren, ist ja in sich schon integrativ. Wir sind uns eben nicht gleichgültig. Wir wissen, Gleichgültigkeit ist das Gegenteil von Freundschaft. Der fehlende Austausch des Wortes hat schon manche Freundschaft vernichtet, wie Aristoteles sagte.

Wir können und werden all diese Probleme lösen, immer im Wissen, dass die nächsten schon vor der Tür stehen. Wir sind schliesslich Nachbarn.

Wir sind alle Nachbarn - Gegenseitige Abhängigkeit in einer globalisierten Welt

Wir sind gleichzeitig auch Anrainer, haben also eine gemeinsame Grenze, eben den Rain. Aber auch Staaten, mit denen wir keine Grenze teilen, sind unsere Nachbarn:

So begann ich als damaliger Bundespräsident vor einem Staatsbesuch im slowenischen Fernsehen: „Slowenien und die Schweiz sind Nachbarn." Sofort wurde das Interview abgebrochen, die Kameralichter gingen aus und von allen Seiten wurde mir gütig zugeraunt: „Es gibt keine Grenze zwischen der Schweiz und Slowenien."

Nein, wir sind in Europa alle Nachbarn. Das ist ja der Grundgedanke der EU. Und auch die Schweiz weiss das sehr wohl.

Europa, die EU und die Schweiz

Die Schweiz will an der Architektur Europas teilhaben, auch solange sie noch nicht Mitglied der EU ist.

Davon zeugen die Schweizer Energiepolitik, die Klimapolitik oder unsere Verkehrspolitik:

- Mit der NEAT baut die Schweiz den längsten Bahntunnel der Welt, vor allem aber einen Verkehrsweg, von dem ganz Europa profitieren wird.

- Solch grosse Infrastrukturprojekte sind oft solidarische Projekte, die auch unseren Nachbarn zu Gute kommen. Sie sind aber auch teuer. Allein die NEAT wird über 20 Mia. Fr. kosten.

- Als Infrastrukturminister weiss ich, wie sehr alle Staaten auf ihre Einnahmen angewiesen sind, um solche Projekte zu realisieren. Nachbarn sollen sich deshalb nicht gegenseitig das Wasser abgraben, sondern Leitungen zueinander bauen und das Wasser gerecht untereinander aufteilen.

In einer globalisierten Welt sind wir alle von einander abhängig.

Unsere europäischen Nachbarn sind aber längst nicht mehr unsere einzigen Nachbarn.

- Heute sind auch die Bauern aus Indien und China nahe Bauern, ihre Produkte werden in unseren Restaurants verarbeitet und wir finden sie in jedem Supermarkt. Auch mit diesen Bauern müssen wir uns einigen und faire Handelsregeln finden; deshalb die WTO.
- Die Finanzkrise hat gezeigt, wie verflochten wir global miteinander sind. Deshalb brauchen wir eine internationale Finanzarchitektur.
-  Die Klimaerwärmung kann nur global angegangen werden. Auch die Pazifikinsel Tuvalu ist unsere Nachbarin. Vom Untergang bedrohte Inselstaaten oder arme Staaten Afrikas sind unmittelbar von unserem Verhalten betroffen. Deshalb der Versuch der UNO, eine globale Lösung zu finden.

Deswegen gibt es nicht nur den Monolog, das Wort, nicht nur das Zwiegespräch mit Antworten, sondern die globale Verantwortung für alle.

„Von Rio nach Weingarten" lese ich auf der Internetseite dieses wunderbaren Ortes, dessen Barockkirche einen Hauch von Unendlichkeit verströmt, und sehe: Hier wird globale Verantwortung wahrgenommen.

Wir sind alle füreinander verantwortlich - Die Menschheit als Gemeinschaft

Das alles ist logisch. Wir sind gezwungenermassen alle Nachbarn, weil wir gegenseitig von einander abhängig sind. Wir kümmern uns im eigenen Interesse um alle unsere Nachbarn, aus durchaus eigennützigen Motiven also.

Aber wir sind ja nicht nur nahe Bauern mit ihren Gemüsegärten, wir sind mehr als das. Das Schild hier im Hof der Basilika in Weingarten „Santiago de Compostela 2400km" deutet es an. Wir sind auch eine Wertegemeinschaft. Verantwortung nehmen wir auch aus tiefer ethischer Überzeugung wahr.

Mir geht seit meiner Kindheit ein älteres Gedicht aus der deutschen Literatur nicht aus dem Sinn, das Abendlied „Der Mond ist aufgegangen" von Matthias Claudius. Die letzte Strophe lautet:

„So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
Und lass uns ruhig schlafen
Und unsern kranken Nachbarn auch."

Das ist nicht bloss ein beschauliches Gutenachtlied für Kinder, das lässt sich auch als eminent politisches Bekenntnis lesen. Ob Matthias Claudius nun Pietist war oder Aufklärer, das Gedicht entstand in der Aufklärung, als sich die Demokratien gegen herrschaftliche Systeme durchzusetzen begannen. „Ihr Brüder", das ist die fraternité, welche zusammen mit égalité und solidarité die Demokratie nicht nur als eine Staatsform begreift, sondern als ein Ideal, wie wir Menschen Verantwortung füreinander übernehmen sollen.

Wir sind nicht nur alle Nachbarn, sondern die ganze Menschheit ist miteinander verschwistert; ihre Grundlage ist die Menschlichkeit, die gegenseitige Verantwortung.

Solidarität in einer überschaubaren Gemeinschaft

Diese gegenseitige Verschwisterung hat eine schöne Seite, die wir alle gut kennen: In einer überschaubaren Gemeinschaft, in einer Gemeinde, in einem Staat kennen wir dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, z.B. dann, wenn wir uns an den Erfolgen unserer Landsleute freuen dürfen.

Gemeinsames Wir-Gefühl als Berauschung

Wir kennen alle das „Wir-Gefühl", eigentlich selber gesiegt zu haben, wenn unsere Nationalmannschaft gewinnt. Wir identifizieren uns, sind stolz und würden am liebsten alle miteinander schunkeln.

Gemeinsame Schuld?

Es gibt aber auch die Kehrseite: Wenn wir uns bei einem Sieg mitbrüsten, müssten wir uns logischerweise bei einer Niederlage auch mitschämen. Wir müssen uns also auch die unrühmlichen Taten unserer Landsleute anrechnen lassen. Wenn Schweizer Jugendliche unschuldige Passanten verprügeln und schwer verletzten, so wie es letztes Jahr in München geschah, können wir Schweizer uns nicht einfach ausklinken.

Das gilt auch in der Politik: Wir sehen uns mitunter in der Mitverantwortung für Entscheide, an denen wir selber gar nicht beteiligt sind, ja, wir tragen eine Mitschuld für Entscheide, die wir ausdrücklich selber bekämpften.

Kürzlich wurde die so genannte Minarettinitiative durch die Schweizer Stimmbürger angenommen. Die meisten Parteien haben die Initiative bekämpft, ebenso die Wirtschaftsverbände. Auch die Regierung lehnte sie ab. Sie steht aber trotzdem in der Mitverantwortung und ich äussere mich deswegen gerne kurz zu dieser Volksabstimmung:

Zunächst: Es gibt in der Schweiz Minarette, nicht in bedrohlicher Zahl und sie haben nicht zu den geringsten Auseinandersetzungen geführt. Das Nein galt also gar nicht den Minaretten. Der Zürcher Literaturwissenschaftler Peter von Matt meinte, ebenso gut hätte man Kamele verbieten können. Von denen gäbe in der Schweiz ja auch nur eine Handvoll und irgendwie seien die ja auch muslimisch. Faktisch war es keine Abstimmung über Minarette, sondern über vieles andere: über Religionsfragen, über die Stellung der Frau im Islam, über die Einwanderung. Diese Abstimmung war eine religions-soziologisch-philosophische Wolke, bei der bestehende Ängste erfolgreich geschürt wurden.
Einen Beitrag zur Annahme leisteten wohl auch die Meinungsumfragen: Sie deuteten auf eine Ablehnung hin, weswegen sich wohl manche der Gegner der Initiative zuwenig engagierten. Gerade auch die Wirtschaft engagierte sich kaum; die Folgen treffen sie jetzt aber trotzdem.

Die Schweiz muss sich nun überall auf der Welt erklären, und ich erlaube mir dabei manchmal die Frage: Wäre es denn wirklich ausgeschlossen, dass eine solche Initiative auch in anderen westlichen Ländern angenommen worden wäre?

Eine ähnliche Frage hat nach der Abstimmung der Schweizer Historiker Georg Kreis auch an uns Schweizer gestellt: Was wäre das Resultat einer Volksabstimmung gewesen, wenn damals in den Dreissigerjahren eine Initiative „gegen die Unterwanderung der Schweiz durch das Judentum" zur Abstimmung gelangt wäre?

Solche Fragen führen uns unweigerlich zur Frage, ob es eine Mitschuld gibt, die generationen- und nationenübergreifend ist.

Wie hätte ich mich verhalten,
- wenn ich in den 30er Jahren gelebt hätte und 20 gewesen wäre?
- wenn ich in der DDR gelebt hätte?
- Sind wir mitverantwortlich für die Taten unserer Väter und Mütter?

Das Verhalten der Schweiz im 2. Weltkrieg wurde vor einigen Jahren von einer Historikerkommission (Bergier) aufgearbeitet. Man kann nicht gerade sagen, dass die öffentliche Diskussion über dieses differenzierte Werk sehr intensiv gewesen wäre.

Die Schwierigkeit weltweiter Solidarität

Auch dazu gibt es ein eindrückliches Gedicht von Matthias Claudius. Sein „Kriegslied" (geschrieben, als Joseph II. das Land Bayern annektieren wollte) endet im Refrain:
„S'ist Krieg, s'ist leider Krieg und ich begehre, nicht schuld daran zu sein."
Doch konnte dem damaligen Journalisten (Matthias Claudius war Redakteur eines Handelsblatts) im Ernst eine Schuld zugeschoben werden, wenn die Könige gegeneinander Krieg führten?

Unsere Verantwortung liegt darin, alles in unserer Macht stehende zu tun, damit Frieden herrscht. Das kann auch bedeuten, Einsätze in Afghanistan zu leisten. Ihr Land übernimmt diese Verantwortung. Auch die Schweiz setzt sich im Rahmen ihrer Neutralität für die internationale Friedensförderung ein, z.B. im Kosovo.

Wir können uns aus der Welt nicht ausklinken.

Das gilt für uns alle, es gilt auch für die Wirtschaft, welche ja als erste die Globalisierung vorantrieb und ihre Vorteile nutzte.

Die Wirtschaft kommt gar nicht umhin, sich auch mit kulturellen und religiösen Entwicklungen zu beschäftigen. Das ist in ihrem eigenen Interesse. Auch sie ist betroffen, wenn sie boykottiert wird, z.B. wegen Mohamed-Karikaturen, oder wenn sie benachteiligt wird, z.B. wegen angenommener Minarettinitiativen.

Konflikte zwischen Kulturen behindern die wirtschaftliche Entfaltung. Die Wirtschaft muss also alles Interesse daran haben, dass die Kulturen und Religionen friedlich miteinander umgehen. Wenn die Wirtschaft Parteien, die den Hass und die Ängste schüren, toleriert, wenn sie sie sogar finanziell unterstützt, untergräbt sie ihre eigene Grundlage.

Kultureller Friede ist die wichtigste Infrastruktur für den Handel. Allerdings, ich weiss, ist auch der Handel Voraussetzung für kulturelle Verständigung. Die eine Grundlage bedingt die andere. Deswegen erschöpft sich aber wirtschaftlicher Austausch nicht in blosser Gewinnoptimierung. Handel ist immer auch ein Gespräch zwischen Menschen, und wenn er global betrieben wird wie heute, ein Gespräch mit anderen Kulturen.

Wer miteinander Handel treibt, schuldet dem anderen Antworten und trägt Verantwortung für den anderen. Das gilt für Anrainer, das gilt in grossen Wirtschaftsräumen, das gilt heute global.

Zuhause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland

Wie aber kann überhaupt ein weltweites Bewusstsein geschärft werden und wie erst weltweite Solidarität? Wie schärfen wir denn das Bewusstsein für diese Verantwortung?

Die Welt galt immer als kompliziert, auch früher, als das Wort Globalisierung noch gar nicht existierte. Jeremias Gotthelf, der damals die Politik der grossen Mächte am Verhalten der Bauern, der Knechte, der Nachbarn verdeutlichte, prägte den bei uns oft zitierten Satz: „Zuhause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland."

Was damals für das Emmental und die Eidgenossenschaft galt, gilt heute für eine Region und die Welt. Globales solidarisches Verhalten ist nur möglich, wenn es zuerst im Kleinen gelebt wird.

So wie wir es im Bodenseeraum seit langem gemeinsam tun, beispielhaft etwa im Rahmen der Internationalen Bodensee Konferenz. Wir pflegen unseren gemeinsamen Lebens- und Wirtschaftsraum, weil wir wissen: Als Nachbarn, als nahe Bauern sind wir von einander abhängig und für einander verantwortlich.

Unsere Nachbarschaft am Bodensee ist das Modell:
Am Bodensee beginnt, was leuchten wird am Firmament.

Wir sind Nachbarn. Nachbarn laden sich gelegentlich ein und besuchen sich. Das ist die Grundlage ihrer Freundschaft. Ich danke Ihnen für Ihre Einladung - und für Ihre Freundschaft.