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Zürich Filmfestival 2010

Bundesrat Moritz Leuenberger am Zürich Filmfestival


Es gilt das gesprochene Wort

Danke für die Einladung.

Natürlich habe ich etwas gezögert. Wer offiziell hierhin eingeladen wird, landet zuweilen im falschen Film.

Aber ich sagte mir, ich stehe demnächst ja sowieso unter Hausarrest.

Zudem erklärte sich die Festivalleitung bereit, die Eröffnung auf einen Tag nach der Bundesratswahl zu verlegen, so dass für meinen Ersatz in Bern gesorgt wäre.

Bei dieser gestrigen Wahl sind mir denn auch immer wieder Filme durch den Kopf gegangen. Zum Beispiel: „Die glorreichen Sieben". Der letzte Satz des Filmes stammt von Yul Brynner und heisst: We always lose.

(Brynner stammt ja ursprünglich aus dem Aargau und ist eigentlich ein Auslandschweizersecondo.)

Auch an Viscontis „Gattopardo" musste ich gestern denken, also an die Ablösung einer politischen Ordnung und Generation. Und als dann gestern die beiden Jungen zur Vereidigung schritten, kamen mir spontan Claudia Cardinale in den Sinn und natürlich der blutjunge Alain Delon, wie er damals drei Stufen auf einmal nahm und in die Kutsche des Aufbruchs sprang.

Alles wird neu.

Und so fühlte ich mich wie Burt Lancaster, der, Sie erinnern sich, als Graf von Salina einsam im trüben Morgennebel verschwand .

Dafür, dass ich mich bereits nicht mehr  im Nebel befinde, sondern hier im grellen Scheinwerferlicht, möchte ich mich bei Ihnen bedanken.

Nicht nur dafür danke ich, sondern auch dafür, dass dieses Festival durchgeführt wird.

Das Zürich FilmFestival wird von den übrigen Schweizer Festivals ja sehr misstrauisch und als Konkurrenz betrachtet. Ich teile dieses Misstrauen nicht. Ganz im Gegenteil bin ich überzeugt:

Es hat genug Platz in der Schweiz für dieses junge Zürcher Filmfestival.

  • Zum einen kann ich mir nicht vorstellen, dass das Festival von Locarno, die Solothurner Filmtage, die Visions du Réel, die Winterthurer Kurzfilmtage oder andere Schweizer Festivals Publikum verlieren, weil sich hier in Zürich ein neues Festival etabliert. (Die meistgehörte Sprache auf der Piazza von Locarno wird auch im nächsten August Zürichdeutsch sein.)
  • Zum anderen werden sich für gute Festivals auch in Zukunft genügend Sponsoren finden. Dank der jeweiligen Sponsoren ist ja auch jedes Filmfestival  too big to fail. Das ist ja der wahre Grund, weshalb der Bundesrat die UBS rettete. (Und wenn wir die CS retten würden, dann nur wegen dem Filmfestival Zürich.)
  • Zudem bin ich ganz grundsätzlich davon überzeugt, dass Vielfalt auch im kulturellen Bereich belebend ist und die Qualität hebt.
  • Es gilt auch für das Rahmenprogramm: Locarno gestaltete sich dieses Jahr CO2 neutral - und schon führt Zürich einen grünen Teppich ein. Über den roten zu kommen, hatte ich Hemmungen, aber als Umweltminister kann ich zu einem  grünen nicht Nein sagen.

Der Film ist wohl die populärste aller Kulturgattungen.

  • Durchschnittlich geht jede Schweizerin und jeder Schweizer zweimal jährlich ins Kino, Heimkino nicht mitgezählt.
  • Dem Kino haftet nichts Elitäres an wie anderen Kulturhäusern, sondern
  • im Kino kommen Menschen aller Gesellschaftsschichten zusammen,
  • um sich die unterschiedlichsten Filme anzuschauen. Hier lösen sich die Grenzen auf zwischen E und U.

Ich habe bis jetzt vor allem Tunnel, Brücken, Gas- und Stromleitungen und Autobahnen eingeweiht, alles Infrastrukturen, die unseren Staat zusammenhalten.

Der Film ist eine wichtige kulturelle Infrastruktur unserer Gesellschaft und ein Filmfestival ganz besonders: Locarno, Solothurn bilden jährlich eine eigentliche Gemeinde. Ich hoffe, das gelinge Zürich auch, obwohl das in einer grösseren Stadt etwas schwieriger ist.

Schon in meinem bisherigen Beruf bin ich Elementen des Film immer wieder begegnet:

  • Da gab es Filmrisse
  • Da gab es Unterbelichtungen
  • Da gab es  Schwarz-Weiss-Filme
  • Da gab es Horrorfilme.
  • Regelmässig gab es Synchronisationspannen.
  • Manchmal dachte ich:  Jetzt könnt Ihr mich filmen.

Und heute fühle ich: Ich bin im richtigen Film gelandet.

Danke.