Navigation ausblenden

Kleinkunstpreis an Karls Kühne Gassenschau

Kleinkunstpreis an Karls Kühne Gassenschau, Laudatio von Moritz Leuenberger - Thun, 14. April 2011

Karls Kühne Gassenschau, abgekürzt KKG!

Wer zu dieser Abkürzung, wie ich, der ich mich vorbereiten wollte, im Internet nach Näherem fragt, dem schlägt Google als erste Antwort ins Gesicht:

 

KernKraftwerk Gösgen.

Was ist der Unterschied? Er ist uns allen klar: Bei Karls Kühner Gassenschau will niemand den Ausstieg.
Zwar ist jede Aufführung eine Explosion, besser gesagt, meist mehrere Explosionen, aber wir möchten sie immer und immer wieder erleben, weil wir im Schein dieser Feuerwerke uns und unsere Sorgen sehen können.

In jeder Show habe ich mich wieder gefunden, nicht nur ich, alle Einwohner unseres Landes. Alle Stücke zielten direkt auf die grossen politischen Themen unseres Landes:

  • Als  „EU-Kommission“ gingen Karls Kühne für ein Jahr lang in das Zirkuszelt von Knie. Für sie war das etwas eng, verglichen mit den Naturbühnen, die sie sonst bespielen. Aber ein richtiger Zirkus gehört nun mal unter eine Kuppel. Darum hat das Bundeshaus ja auch eine.
  • Das Spektakel „Stau“ zeigte die Vision einer Schweiz, die nur noch ein einziger Stau ist. Es wurde die Frage erörtert, über die sich Verkehrspolitiker seit Jahrzehnten streiten: Hat es eigentlich zu viele Autos oder zu wenig Srassen? Diskussionen über Verkehrspolitik muss man manchmal auch mit KKG abkürzen: kollektiver Kindergarten.
    Deswegen habe ich damals kurzerhand das Patronat von „Stau“ übernommen in meiner Funktion als Stauminister.
  • In Akua sahen wir, was die Regierung der Malediven wegen der Klimaänderung nachher auch praktizierte: Sitzungen unter Wasser und der ganzen Welt vor Augen führte:
    KKG heisst auch: klatschnasser Klimagipfel.
  • Und in Silo 8 hätte ich etwas voraussehen können, was ich damals niemals für möglich gehalten hätte, nämlich, dass auch ich alt werde. Aber Karls Kühne Gassenschau hatte recht gehabt. Auch mir ist das jetzt geschehen. Deswegen wurde ja mit mir auch ein alt Bundesrat delegiert; die amtierenden wären viel zu jung und spritzig gewesen.
    KKG: Gegen das Alter ist kein Kraut gewachsen.
    Und  ich habe die empfohlene Methode von Silo 8 auch übernommen, nämlich viele Erinnerungen gelöscht und es geht schon besser. Auch ein anderer Ex-Kollege hat die Methode übernommen und das Abstimmungsbüchlein über die Steuerreform schon vergessen.
  • Auch der Steinbruch war ein politisches Thema: Ich erkannte damals meinen Arbeitsort sofort wieder.

Karls kühne Truppe kennt die Fragen, die unser Land und uns alle beschäftigen, die wir hier wohnen.
Ein schweizerischer Kulturpreis drängt sich geradezu auf, obwohl wir beim Ausdruck „Kleinkunstpries“ etwas stutzen.
Denn so klein zeigt sich Karls Kühne Gassenschau denn doch nicht. Das sind Giga- und Megaproduktionen.
Fünf Jahre Spielzeit! Länger als eine Legislatur.
580 000 Zuschauer allein für Silo 8.
Klar, dass viele aus der Politik eifersüchtig wurden.
Für sie hat das Fernsehen deswegen extra die Arena geschaffen.

KKG, das ist ein krisensicheres Kunstgewerbe.

Aber wenn nicht den Kleinkunstpreis, von welcher Kunstgattung hätte KKG denn einen Preis erhalten sollen? Einen Theaterpreis? Ein Opernpreis? Einen Preis für die besten Stunts? Ein Preis für Volkskunst? Oder ein Preis für die classe culturelle? Da kommen wir zur eigentlichen Stärke von Kars Kühner Gassenschau:

Sie entwindet sich jeder Katalogisierung und passt unter keine Schablone.
KKG, das heisst auch keine klare Kunstgattung.

  • Kars Kühne Gassenschau spielt seit 27 Jahren. Von solcher Konstanz können andere nur träumen. In der Politik sind zum Beispiel 15 Jahre das absolute Maximum, das es gerade noch knapp erträgt.
  • Vier Gründungsmitglieder sind immer noch dabei. Das ist Kollegialität, von der wir träumen.
  • Die Stücke werden gemeinsam erarbeitet. Das ist die wahre Konkordanz.

KKG, eine konstant kollegiale Gaukler (Diese Abkürzung passt zu keinem anderen Gremium in der Schweiz.)
Schweizerische Kultur, das sind nicht einfach die Opernhäuser in Genf und Zürich, nicht nur die Filmfestivals, die sich gegenseitig neidisch beäugen.
Kultur ist nicht, wenn man Subventionen erhält. Karls Kühne Gassenschau zeigt uns seit vielen Jahren, was schweizerische Kultur ist, nämlich Courage, die Fantasie zu wagen, an Träumen und Hoffnungen zu arbeiten und sie auch umzusetzen.
Karls Kühne zeigen uns, was die Schweiz auch ist:
Mutig, kreativ, kühn, eben. Aber wir dürfen uns nicht täuschen lassen:
Das ist Professionalität, das ist sehr harte Arbeit.

  • Da stürzen Schauspieler richtige Felswände hinunter, so dass sich ganz viele wegen des blossen Zuschauens bei der IV angemeldet haben.
  • Da schlittern fahruntüchtige Autowracks über den Asphalt und schlitzen diesen auf, dass es einem Verkehrsminister schwindlig wird.
    KKG: krass, kribbelig und geil!
  • Aber da schweben Menschen durch die lauen Lüfte, dass manch einer zu träumen beginnt und merkte:
    Glück und Boni sind vielleicht gar nicht das gleiche.

Deswegen wird KKG von allen besucht,

  • ob die begeisterten Zuschauer sonst eher im Konzerthaus oder am Jodlerfest anzutreffen sind,
  • ob sie aus der Stadt oder vom Land kommen,
  • ob sie alt oder jung sind.
  • Für Karls Kühne Gassenschau sitzen sie alle auf denselben Bänken und rücken Abend für Abend näher zusammen.
  • Denn diese Bänke sind nicht nummeriert, da gibt es keine Privilegien und keine Klassen.
  • So überwindet KKG Gräben, auch den Röstigraben.

KKG, eine kommunikative und konkordante Gemeinschaft.
Karls Kühne Gassenschau, das ist die Schweiz – oder das was sie sein sollte.
Der heutige Kleinkunstpreis verpflichtet allerdings KKG auch zu etwas:
Dieses KKG darf nie abgeschaltet werden.
Aus Karls Kühner Gassenschau gibt es nie einen Ausstieg.
Diese Brennstäbe sollen ewig glühen und unsere Herzen erfreuen.