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Kommunikation heisst Gemeinsamkeit

Moritz Leuenberger, Harbour Club, Zug, 23. November 2011

Als ich zu meiner Zeit als Bundesrat gelegentlich in Schulen auftrat, stellten mich die Lehrer als Vorsteher des UVEK vor und verbanden die Entzifferung dieser Abkürzung mit einem staatspolitischen Quiz. Sie fragten die Schüler, was UVEK wohl heisse. Die ersten drei Buchstaben für Umwelt, Verkehr und Energie waren jeweils rasch gefunden. Doch das K konnte regelmässig nicht entziffert werden.

  • „Kreiselverkehr? Kostenlawine? Kompostierungsanlagen?“
  • „Nein“
  • „Kunst? Kultur?“
  • „Beinahe! Sie sind ganz nahe dran. Heiss!“
  • „Katastrophen?“
  • „Richtig!“, habe ich jeweils geantwortet, „K steht zwar für Kommunikation, aber der Unterschied ist meist nicht so gross.“

In der Tat: Die Kommunikation hat schon manche Katastrophe herbeigeführt. Aber sie hat auch manche Katastrophe vermieden, die ohne Kommunikation mit Sicherheit eingetreten wäre.
Etymologisch hat Kommunikation allerdings nichts mit Katastrophe zu tun. Kommunizieren bedeutet laut meinen Deutschen Wörterbüchern seit dem 15. Jhdt. „das Sakrament des Abendmahls zu empfangen.“
Mit der Gründung des Harbour Clubs kam dann aber allmählich das Licht der Aufklärung in die bisher religiöse Mystik des Begriffes und es etablierte sich ein säkularisiertes Verständnis von Kommunikation: Kommunizieren bedeutet heute, so das Wörterbuch, „zwischenmenschlicher Verkehr.“

 

***

Kommunikation kommt von Gemeinsamkeit und dieser sprachliche Ursprung erlaubt uns, uns dem Wesen der Kommunikation zu nähern. Um meine Gedanken zu ordnen, nutze ich als Hilfsmittel ein Denkmodell, dass mir immer wieder dienlich ist:

Die drei Pole der Kommunikation

Der erste Pol: Ich

Am Anfang ist das Wort. Ich ergreife das Wort. Ich erkläre mich. Ich teile mich mit. Ich bringe mich ein.

Der zweite Pol: Du

Du und ich tauschen uns aus, erklären uns gegenseitig, versuchen uns zu verstehen, suchen die gemeinsame Sprache, den Dialog und bilden so eine kleine Gemeinschaft.

Der dritte Pol: Er, Sie, Es,

Nicht immer kann ich mich aber direkt verständigen. Wir müssen uns auch an uns unbekannte Dritte wenden, an Konsumenten, an Aktionäre und Arbeitnehmer (die beide oft eine so grosse Anzahl bilden, dass wir sie auch im eigenen Betrieb nicht alle kennen können), an die Öffentlichkeit. Wir wissen nicht, wie sie auf eine zweideutige Formulierung reagiert, denn wir haben kein Gegenüber, dessen Mimik uns sofort zu einer Korrektur eines Missverständnisses veranlasst und uns so ermöglicht, die Gemeinsamkeit herzustellen. Wir müssen uns also in ein uns unbekanntes Gegenüber hineindenken, uns vorstellen, wie dieses wohl reagieren könnte, wenn es unsere Worte vernimmt.

Dieses Dreieck bildet ein geeignetes Gerüst für Diskurse über Fragen der Gesellschaft und der Demokratie:

  • Ich mit meinen eigenen Interessen, die ich zunächst vertrete, die ich aber nicht uneingeschränkt verwirklichen kann, weshalb ich mich mit dem
  • Du auf einen Kompromiss einigen muss, worauf du und ich erkennen, dass wir auch von Dritten abhängig sind, die wir vielleicht gar nicht kennen, von Menschen, die ausserhalb unserer Sichtwinkel leben oder die sich nicht an die Abmachungen von du und ich halten wollen.
  • Er, sie, Dritte, andere, die wir zum Teil gar nicht kennen, müssen einbezogen werden. Es müssen allgemeinverbindliche, abstrakte Gesetze und Verordnungen geschaffen werden und diese müssen auch Rücksicht auf uns Unbekannte, zum Beispiel auf künftige Generationen nehmen.

Diese drei Pole bilden die Eckwerte jeder Gemeinschaft, auch der Kommunikation. Und wie bei jeder generell abstrakten Umschreibung der Grundsätze, die für diese Gemeinsamkeit gelten sollen, drohen wir in unverbindliche Selbstverständlichkeiten abzugleiten, wogegen erst die konkrete Anwendung im Einzelfall zeigen kann, ob der Faden auch wirklich hält, was das Strickmuster versprach. Auf eine Präambel der Bundesverfassung können wir uns von links bis rechts gut einigen. Ein Parteiprogramm ist bald einmal erstellt. Die massiven Schwierigkeiten entstehen bei der Umsetzung (also dann, wenn die Liebe zur Schweiz tatsächlich vollzogen werden oder der Kapitalismus tatsächlich überwunden werden soll). Das ist bei der Kommunikation nicht anders. Wir kennen sie alle, die hehren Grundsätze guter Kommunikation, allen voran die immer wieder beschworene Wahrheit.

  • Bei der „Wahrheit“ bleiben! Als ob das so einfach wäre. Und wenn ich die Wahrheit nicht kenne? Und: Gibt es immer nur eine Wahrheit? Und was tun wir, wenn die Wahrheit gar niemand wahrhaben will?
  • „Ehrliche“ Kommunikation! Das ist rasch gesagt, aber wie ehrlich kann ich im Interesse meines Unternehmens wirklich sein? Darf ich keine List in der Kommunikation verwenden, um einem gerechten Anliegen zum Durchbruch zu verhelfen? Nichts verschweigen? Muss ich wirklich alles und jedes offen legen und breit walzen?
  • „Offenheit, Transparenz!“ Und wenn ich damit Rechte von Dritten verletze? Hat mein Gegenüber oder die Öffentlichkeit tatsächlich Anrecht darauf, alles zu wissen?
  • Und: Soll ich meine Entscheid) der Kommunikation unterordnen? Sol ich mich von den Adressaten indirekt inhaltlich dirigieren lassen?

In diesem Sinne rufe ich mir rückblickend einige Beispiele in Erinnerung und benutze als formellen Rahmen die drei Pole.
Zunächst: Jeder dieser drei Pole hat dabei seine eigene Bedeutung und auch Berechtigung:

 

1. Ich teile mich mit

Sich erklären

Vor dem Dialog erfolgt der Monolog und das ist berechtigt. Meine eigenen Interessen oder diejenigen, die ich vertrete, haben den legitimen Anspruch, geäussert, vertreten, gehört und wahrgenommen zu werden.
Bevor das Wort erhoben wird, müssen wir allerdings den Inhalt des Monologs kennen.
Je früher, je klarer ich meine Position darlege, desto besser gestalte ich den späteren Dialog.
Wer den Aufschlag hat, gewinnt meist das Spiel.

Aus der Verteidigung ergibt sich meist eine schwächere Position: 

Wann schlage ich auf?

  • Bei Zollikermord liess ich mir den ersten Aufschlag nehmen und war dann in Bedrängnis. Sukzessive dazu gelernt. Gotthard zögerlich, Zug sofort.
  • Bei Einführung der Südanflüge war ich immer in der Reaktion und das führte zum eigentlichen kommunikativen SuperGAU in meiner Amtszeit. Bsp: angeblicher Opernbesuch und Verhandlungen Staatsvertrag.
    • Diese Gerüchte-Kampagne, gesteuert durch den Flughafen Zürich, war Teil einer Kaskade. Der 1. Fehler bei den Südanflügen war, die Gegner zu unterschätzen und zu lange unwidersprochen gewähren zu lassen. Ich meinerseits hatte ja einen guten Vertrag und wähnte mich in einer Position, die mir nachträglich recht geben würde (ist heute tatsächlich der Fall; während beinahe zehn Jahre aber nicht). Aber plötzlich hatten die Gegner das ganze Terrain besetzt. Mein Stab hat zu lange nicht realisiert, was da passiert. Man fand, das seien Zürcher Stürmi. Von Bern aus nahm man das schlicht nicht ernst. Das war ein kapitaler Kommunikationsfehler: Man darf die andern nicht verachten, sie haben immer ein bisschen Recht. Und dort muss man sie sehr schnell ernst nehmen.
    • Es ist in der Kommunikation wie beim Mühlespiel: Wenn du nicht aufpasst, hat der Gegner plötzlich die Steine so gesetzt, dass du nicht mehr dazwischen kommst. Dann ist es zu spät. Dann nützt der teuerste Berater nichts mehr.

Daraus gelernt: Es muss sofort zugeschlagen werden.

  • Cron
  • Béglé: Bei B Enttäuschung, dass Rücktritt und Nachfolge innert 12 Stunden erfolgte. Medien fühlten sich geprellt.
  • Aber Vergleich mit Nef / BR Schmid zeigt, was es für Folgen haben kann, sich den Aufschlag nehmen zu lassen.
  • Als kürzlich ein SBB Cargo-Züge in Deutschland entgleist ist, bemerkte die SBB, dass alle Räder aller SBB-Cargo-Wagen in Bellinzona mit falschem (zu wenig) Druck angepresst wurden. Das war nicht die Unfallursache, aber natürlich eine gewaltige kommunikative Tretmine. Sie hat sofort Kontakt zu Paul Schneeberger von der NZZ gesucht, und der Cheftechniker hat ihm alle Details geliefert und alles im Detail erklärt. Es gab einen langen Artikel mit einem einzigen Folgeartikel (sda). Es hat gut funktioniert.
  • Rücktrittsankündigung: Dann, wann es niemand erwartet. Ich musste 15 Jahre warten. (Die Journalisten rächen sich natürlich auch, doch sie rächen sich ja ohnehin ständig.)

Wohin ziele ich mit meinem ersten Aufschlag?

  • Will ich eine sonntägliche Zuspitzung und ergreife das Wort vor dem Wochenende oder will ich eine sachlichere Diskussion und wähle den Montag?

Wer den Aufschlag hat, prägt die ersten Worte oder Zahlen. Sie werden meist übernommen. Umso mehr, als heute nicht mehr recherchiert wird. Journalisten sind in ihrem Arbeitsdruck oft Spielball der Interessengruppen, also auch der Amtsstellen. Sie übernehmen unkritisch, was ihnen vorgegeben wird.

  • Implenia: Preisabsprachen im Kanton AG mehrmals kommuniziert, bevor Weko dies tat: Keine Pressereaktion. 
  • Bsp.: Blocher vor einem Monat: Es solle BR Lohn von 500'000 auf die Hälfte reduziert werden. Erwähnenswert ist nicht der Inhalt dieser mutigen Forderung, sondern dass die falsche Zahl von 500'000 von allen Medien unwidersprochen übernommen wurde. (In Tat und Wahrheit sind es 400'000.)
  • Durch Indiskretion wurden Pläne zur Differenzierung der GA Preise bekannt. Wurde als Verteuerung der SBB-billette in den Stosszeiten bezeichnet. Wir planten aber Verbilligung in den Nebenzeiten und hatten das Nachsehen.
  • Poststellen ab Ende 90erJahre: Die Post hätte sagen müssen: Wir können in Dorfläden zuverlässigere Öffnungszeiten bieten, wir wollen dort unseren Service integrieren und so gerade helfen, Dorfläden zu erhalten. Stattdessen hatten das erste Wort die Gewerkschaften (?), sie prägten den Begriff „Poststellen-Schliessung“ und „Abbau Service public“, das klingt noch heute, 15 Jahre später, nach.

Manchmnal muss der erste Aufschlag einfach auch gut pariert werden:

  • Postchef Michael Kunz sprach in einer SonntagsZeitung von einer allfälligen Briefkastengebühr. Ich widersprach umgehend öffentlich. Damit war die Idee vom Tisch.

 

2. Kommunikation durch Dialog

„Sich mitteilen“, auch im deutschen im Wort steckt die Gemeinsamkeit. Die Mitteilung erreicht ihren Zweck erst, wenn sie verstanden und ihr Inhalt „geteilt“ wird. Sie beschreiben den Inhalt des heutigen Symposiums mit „Dialog“.
Das heisst zunächst, sich in die Sprache und Gedankenwelt des Du hinein zudenken. Kommunikation ist auch Dolmetschen, Übersetzen.
Den Symbolgehalt einer Sprache begreifen: Kofi Anan Hände waschen.
Von fachtechnisch in verständlich. Ein Text des damaligen BUWAL zum Beispiel: „“Wenn das Klima vermehrte Lawinentätigkeit entfaltet, kann es im Schmelzfalle zu Hochwasserfolgen kommen.“
Das bedeutet fragen und nochmals fragen. Viele Beamte haben dann einfach lauter gesprochen, weil sie meinten, ich hätte es akustisch nicht verstanden. Oder die Ausseniministerin hat auf bohrende Fragen nach ihren wahren Absichten einfach deutsch gesprochen, weil sie mir unterschob, ich hätte es mangels Sprachkenntnisse nicht verstanden.
Der Bündnerfleischerfolg von BR Merz war im Grunde genommen nichts anderes als unterlassenes Nachfragen, denn er hätte diesen Text zuerst selber bereinigen, das heisst übersetzen statt einfach vorlesen sollen.
Da ist wie die Arbeit des Anwaltes, der einem akademischen Richter die Sprache aus einer anderen Welt erklären muss oder einem Regierungsmitglied, das fachtechnische Erkenntnisse seiner Ämter in einer Volksabstimmung verkaufen muss.
Kommunikation als Kunst des Übersetzens, insbesondere von Fachwissen. Sehr viele Menschen können den Sprung von der Expertenstufe und von der Fachsprache hin zur kurzen und klaren Botschaft nicht machen. Das ist aber wichtig, zumal man heute weniger als früher davon ausgehen kann, dass Journalisten Experten sind und somit die Einordnung des vermittelten Inhalts selber vorzunehmen in der Lage sind. In einer Demokratie besonders wichtig, weil die Stimmbürger letztlich entscheiden und verstehen müssen, worum es geht.

Habe oft erlebt dass bei sehr gründlicher Vorbereitung überhaupt keine Kommunikationsschwierigkeiten entstanden: Diese Vorbereitung besteht nicht nur in einem engeren Sinn darin, einen Medienauftritt oder telefonische Anfragen vorzubereiten, sondern darin, in der Sache selber stets „die Antennen ausgefahren zu halten“, „Issue-Monitoring“, wie Sie das nennen. Das Gegenteil ist die Abschottung, wie sie Heile Selassie oder auch Mubarak betrieb.

  • NLR Bericht: Sehr brisante Feststellung von Mängeln. Indem der Bericht gleichzeitig mit der detaillierten Ankündigung deren Behebung kommuniziert wurde, unterblieb jede Kritik an den vorherigen Zuständen. Das heisst auch: Schon im Auftrag muss di Kommunikation geachtet werden. Hier Abmachung, dass ich vor Fertigstellung Hauptvorwürfe exclusiv hatte. So war es möglich, alle Massnahmen innerhalb eines Tages seit Kenntnisnahme des offiziellen Berichtes vorzubereiten und der Öffentlichkeit zu zeigen. (Gegenbeispiel Kägi ZH. Er wollte Zustände eines Berichtes zuerst verbessern und erst dann an Ö; wird ihm als Vertuschung vorgeworfen) 
  • Keine Konzession an Tele Züri: Minutiöse Vorbereitung: Keine Angriffe. Dagegen völlig vernachlässigt die mögliche Reaktion von Radio Energy: übelste Kampagne von Ringier Medien.
  1.  
    1. Gemeinsamer Nebeneffekt sorgsamer Vorbereitung: Man fühlt selbstischer im Auftreten, was gegen die permanente Kriegsführung der Journalisten ein wichtiger psychologischer Trumpf ist: Bsp:
  • Intrige zur Abtrennung Energie vom UVEK. Erhielt Wind davon. Wäre zurückgetreten, wenn das beschlossen worden wäre. Bis ins Detail organisiert: Beschluss wurde nicht gefällt. Hatte wohl indirekt mit dieser kommunikativen Vorbereitung etwas zu tun: Indirekte psychologisch Wirkung, Selbstsicherheit im Auftreten.
  • Sich nicht in Position drängen lassen: Entschärfung durch Schildern der Dilemmata:
  1.  
    1. Pflicht Velohelm,
    2. Unternehmen, die nach einer Fusion noch nicht alles wissen: Zum Wandel und zur Unsicherheit stehen.

Kommunikation als Mittel zum Zweck

Zweck der Kommunikation besteht aber meist nicht darin, sich zu erklären, sondern dazu, ein Anliegen durchsetzen. Ich und du sind nicht a priori Freunde, ganz im Gegenteil: homo hominis lupus. Wer das Einverständnis oder die Unterstützung anderer Menschen erreichen will, bedient sich nicht nur der lauteren ratio, sondern auch der List. Die List ist eine Kunst des Umgangs der Menschen und so ist Kommunikation auch die Kunst der Listen und hat in dieser Funktion ihre Berechtigung.
(Wertneutralität des Begriffes List, indem wir nicht die List, sondern die mit ihr verbundene Absicht bewerten, die List also einmal verwerflich, das andere mal genial finden. Abgrenzung gegenüber Arglist, Lüge und Manipulation, die ethisch nicht begründbar sind. Bsp. Implenia: Feindlicher Versuch der Übernahme durch den Hedge Fund Laxey. Da wurde in der Kommunikation von Laxey gelogen getrickst. Der Schaden war immens.)

  • Verführung ist legitim, denn sie ist nicht Manipulation,
  • Wortwahl:
  1.  
    1. Von EMG zu StromversorgungsG (nicht nur Name, sondern auch Inhalt),
    2. Von Vision zero zu Via sicura
    3. Von Langsamverkehr zu Fussgänger- und Veloverkehr
    4. Vom Gesetz zu einer CO2 Abgabe zum Klimagesetz
    5. Von Kostenüberschreitungen bei der NEAT zu beschlossenen Mehrkosten
    6. Von Durchgangsbahnhof Zürich zur Durchmesserlinie
    7. Bahn 2000, von grosser Kraft und Dynamik: Vielfach imitiert (auch amtsintern: Energie 2000)
  • Alles und jedes aufs Internet schalten als Möglichkeit, bei einem sonntäglichen entdeckten Skandal auf längst Bekanntes zu verweisen
  • Erkennen, wann ich mit einem Vorhaben auf offene Ohren stosse. Das heisst „Window of opportunity“ nutzen. zB wäre ein Tropfenzählersystem am Gotthard ja schon lange sinnvoll gewesen. Aber erst nach dem Unfall bestand die Gelegenheit, dieses Verkehrsmanagement mehrheitsfähig zu machen und einzuführen. Die Unfälle im Tunnel gingen dann massiv zurück
  • Spin (Kopenhagen habe ich positiv dargestellt, damit die Bemühungen in der Schweiz nicht nachlassen und das Scheitern nicht als Ausrede gegen eine CO2 Abgabe genutzt wird),
  • Indiskretion, Intrige.

 3. Kommunizieren mit der Öffentlichkeit

Die Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass die Adressaten unbekannt sind. Ich kommuniziere mit mir unbekannten Menschen, die überdies nicht vor mir sitzen, auf deren stirnrunzelnden Fragezeichen ich nicht reagieren kann. Das ist schon in einem direkten Interview in TV oder Radio schwierig, erst recht aber via Journalisten, welche meine Mitteilung vor der Weitergabe verarbeiten (oder malträtieren).
Es ist auch bezeichnend, dass oft ein Kompromiss gefunden wir, der Beschluss einstimmig festgehalten wird, dass dann aber trotzdem die Formulierung der Medienmitteilung viel mehr zeit in Anspruch nimmt, weil sich erst dann die möglichen Missinterpretationen zeigen und auch die Fallen, die man beim Beschluss selber noch gar nicht bemerkt hat.

Die Vorbereitung dieser Kommunikation erfordert ein viel höheres Abstraktionsvermögen darüber, wie die Mitteilung aufgenommen werden könnte, mit welchen Missverständnissen, aber auch mit welchen Zuspitzungen oder Verdrehungen ich rechnen muss.

Schon im Zweierdialog hören wir stets wieder: „Ich bin missverstanden worden.“ „Du verstehst mich falsch.“ etc.
Wie viel schwieriger ist das also gegenüber einem fernen Publikum via Medien, die z.T. gar nicht richtig verstehen oder wieder geben wollen.
Deswegen auch Frage: Wer kommuniziert. Wir haben zum Teil Taktik gewählt: nicht sofort BR oder Amtsdirektor, um den Wellengang erst zu prüfen. Je nachdem konnte dann eine spätere Person wieder richtig stellen. (Bauernopfer zwar, aber wir taten es in gegenseitigem Einverständnis)

Deswegen Vorbereitung auf Kommunikation in der Regel mit Übungsanlagen, nasty questions etc. Dialoge. Was könnte missverstanden werden? Wie denkt ein Gegner? Gegenrolle einnehmen und durchspielen; systematisch organisieren. Gegenrolle heisst Kontrolle.
Diese Kontrolle kann dann auch Einfluss auf den materiellen Entscheid haben.
Wenn ein Entscheid sich als nicht vermittelbar, als nicht kommunizierbar erweist, wird er in Wiedererwägung gezogen oder angepasst.
Deswegen Bunderatssprecher an allen Bundesratssitzungen. Deswegen Vertreter des PID in den Ämtern. 

Die res publica, die Demokratie ist öffentlich und kennt keine Intimsphäre. Ein Privatunternehmen ist dagegen nicht grundsätzlich transparent; es muss sich gegenüber Konkurrenten behaupten und hat berechtigte Geschäftsgeheimnisse. Das führt zum Beispiel dazu, dass es auswählen kann, an welches Medium es sich wendet und welche Journalisten es sich aussucht. Diogenes, Luftfahrstiftung Swiss. Da ist der Staat an Gleichbehandlung der Medien gebunden. Allerdings börsenkotierte Unternehmen bei Informationen, die kursrelevant sind, auch nicht.
Allerdings ist ein Unternehmen je nach Grösse und gesellschaftlicher Bedeutung ebenfalls von gesellschaftlicher Bedeutung und die Ansprüche an Information sind entsprechend legitim.
Diese gesellschaftliche Relevanz erheischt auch empathische Kommunikation (nonverbale K). Präsenz am Unfallort (auch in Firma!), Teilnahme an privatem Leid (oder Freude).
Katastrophenjahr 2001: Kommunikation wurde gerade wegen dieser Empathie als gut qualifiziert.
Transparenz als moralische Tendenz (nicht unbedingt gut, sondern erfolgt unter wirtschaftlich motiviertem Druck der Medien). Politische Parteien, die mitregieren wollen, Wirtschaftsverbände, NGO und Medien selber.

Der Anspruch auf Transparenz und Information ist aber immer auf seine Berechtigung zu überprüfen und in Relation zu den eigenen Ansprüchen oder denjenigen von Dritten zu setzen.

  • Bsp. Kandidat, der noch in ungekündigter Stellung bei anderem Unternehmen ist
  • Eine Kündigung ist möglich, ohne dass die Öffentlichkeit das je erfahren muss.
  • Medien haben eigene Interesse: Medien sind und vertreten nicht automatisch die Öffentlichkeit. Sie wollen Macht auszuüben, ein Opfer haben:
  1.  
    1. Cron. Bei C wollte man ein Opfer und wollte sich das Geweih des abgeschossenen Rehes in die Redaktionsstube hängen.
    2. Erstens inhaltlich: Standhaftigkeit bei Medienmobbying gefordert.
    3. Zweitens totale Transparenz herstellen:

 

  • Gleichberechtigung aller Medien? Als Staat ja. Blog als Medium wird nicht nur nicht geschätzt, sondern wurde massiv angefeindet. Deswegen stetige Aggressionen gegen den Blog überhaupt. Als Privatunternehmen nicht.
  • Jedoch: Gleichbehandlung der Aktionäre. Börsenrelevanz.

 Prägt der Inhalt die Kommunikation oder umgekehrt?

Form follows function oder umgekehrt? 

  • Hat der CEO eines Bundesunternehmens mehr oder weniger als eine Million bezogen? Wie müssen die Aufschlüsselungen zwischen Boni und Lohn errechnet und erklärt werden, damit jene symbolische Schallgrenze nicht überschritten wird, die über leises Murren oder laute Empörung entscheidet? Steuert die Kommunikation den inhaltlichen Entscheid oder umgekehrt?

Wenn ich will, dass die Kommunikation zu Akzeptanz führt, muss ich auch den Inhalt entsprechend gestalten. Das ist für Bund oder Kanton besonders wichtig, weil eine Vorlage ja dann auch dereinst in Volksabstimmung zu überstehen hat. Deswegen ist es richtig, wenn die Kommunikationsleute schon bei Geburt eines Gesetzes dabei sind, um Akzeptanz und Verständlichkeit zu überprüfen. Das führt zu einer befruchtenden Wechselwirkung. Nicht immer zu Einigung: Überlingen: EFD wollte keine Entschuldigung aus Angst vor Schadenersatzforderungen, EDA wollte Entschuldigung, um mit Russland gut zu stehen.
Es wird immer wieder über die Aufrüstung der Kommunikationsstäbe geklagt. Diese dienen aber nicht einfach nur den Abwehrschlachten gegenüber bohrenden Journalisten, sondern sie dienen auch der stetigen Legitimation, Schärfung und Infragestellung der eigenen Arbeit in allen Abteilungen. Es führt auch dazu, dass die Mitarbeiter, die von der Kommunikation kommen, sich inhaltlich an den technischen Fachfragen beteiligen und dass die Fachleute sich mit der öffentlichen Erklärbarkeit ihrer Arbeit beschäftigen. Das ist gut so, denn letztlich muss jede Arbeit auch kommunizierbar sein und es muss jede Kommunikation auch mit innerer Überzeugung für den Inhalt erfolgen können. Bundesratssprecher ist an allen Sitzungen dabei. Eine strikte Trennung in Form und Inhalt ist blosse Theorie und erklärt den nie endenden Diskurs über die Frage: Function follows form or form follows function? Diese Trennung besteht auch bei privaten Unternehmen nicht, denn so wie Staat gegenüber den Stimmbürgern und Steuerzahlern Rechenschaft schuldet, so schuldet dies das Unternehmen den Aktionären, Mitarbeitern und, dort wo sie ein Recht auf Information haben, den NGO, wo sie tatsächlich legitimiert sind (Ethos oder Umweltorganisationen).

Den Finger im Wind der Meinungsumfragen

Eine unangenehme Kommunikation kann zur Unterlassung einer inhaltlich wichtigen und richtigen Massnahme führen.
Das beginnt schon im Kleinen:

  • Interne Kommunikation, zum Beispiel bei Mitarbeitergesprächen oder bei notwendigen Kündigungen (die aus Angst vor der nötigen Mitteilung unterlassen wird). Das gehört auch zur Ehrlichkeit in einer Gemeinschaft.

Das setzt sich in der Politik fort:
Die Erklärbarkeit eines Vorhabens hat immer mit dessen Legitimität als solcher zu tun. Das kann in der direkten Demokratie zu einer Vorwirkung einer eventuellen Volksabstimmung führen:

  • Ausstieg aus der Kernenergie. Erkenntnis, dass ein neues KKW in absehbarer Zeit keine Chance haben kann und Einsicht, dass jetzt die Alternativen vorbereitet werden müssen.

Diese Erkenntnis ist aber auch als Opportunismus angeprangert worden.
Gefahr der Meinungsumfragedemokratie. 

***

 

Als DER hehre Grundsatz der Kommunikation gilt die Wahrheit.
Heute hilft es oft nicht einmal mehr, die Wahrheit zu sagen. Aus dem ständig vorhandenen Misstrauen und aus der Verunsicherung ist jene Angst gewachsen, die zu einer Grundstimmung unserer Gesellschaft geworden ist. Es ist eine diffuse, objektlose Angst, die sich ihr Opfer sucht, um sich durch Bekämpfung dieses Opfers selber seelisch zu entlasten. Die positive Aufnahmebereitschaft unserer Gesellschaft für negative Nachrichten hängt mit dieser Angst zusammen (auf die Medien bezogen: „Good news are no news, bad news are the story“). Jede negative Meldung ist eine Bestätigung eines bisher nur vagen Verdachts, der Welt der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft, sei nicht zu trauen.
In der verminten Zone des Misstrauens reagieren dann viele Verantwortliche all zu ängstlich und nutzen nur noch abgeschliffene Phrasen, um ja alle Irrtümer oder falschen Interpretationen zu vermeiden. Das führt zu einer angstvollen, gleichförmigen und mutlosen Kommunikationssprache, die sich auf den Inhalt der Entscheide überträgt.

 

Kommunikation heisst Gemeinsamkeit. „Com“ bedeutet zusammen, gemeinsam. Der zweite Teil des Wortes stammt von „munia“, was Obliegenheit oder Amtspflicht bedeutet, was wir im Begriff „municipio“ wieder antreffen.
Der Wortsinn von Kommunikation hat also mehr als nur die formale Bedeutung des sich gegenseitig Austauschens. Es hat auch einen inhaltlichen Kern, nämlich eine Pflicht, eine Verantwortung.
Eine verantwortungsvolle Aufgabe der Gemeinschaft besteht darin, sich nicht derart auseinander treiben und lähmen zu lassen und diesen Tendenzen entgegen zu wirken.

Ich weiss es wegen dem K in der Abkürzung meines Departementes: Katastrophen und Kommunikation sind eng miteinander verwandt. Aber sie bedingen einander nicht notwendigerweise. Kommunikation kann durchaus zu einem Kulturzweig in der Demokratie und für die Demokratie erblühen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Kunst der Kommunikation professionell und verantwortungsbewusst gepflegt wird.
Es freut mich, dass Ihr Club dies versucht.