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Laudatio auf Jakob Kellenberger

European Diplomacy Award für Jakob Kellenberger

Verliehen durch das Forum Außenpolitik und Wirtschaft unter dem Präsidium von Frank-Walter Steinmeier

 

Berlin, 15. Dezember 2012

Laudatio von Moritz Leuenberger

 


Meine Damen und Herren

Wer sich, wie wir es heute tun, an einem Samstagabend dazu versammelt, um gute Diplomatie zu würdigen, hat eine Vorstellung davon, wie die Menschen miteinander leben könnten, darüber, wie ein Staat gelenkt werden, wie die Gemeinschaft der Staaten miteinander umgehen müsste. Wir stellen uns vernünftige Menschen und aufgeklärte Citoyens vor, die den Staat und die Staatengemeinschaft gestalten. Regierende und Diplomaten sollen Männer und Frauen sein, die ihre Verantwortung aus dem Wissen über Geschichte, Kultur und Literatur schöpfen. Sie müssten, wie Aristoteles es vertrat, gute Philosophen sein, und wir wünschten uns, dass dies in der realen Tagespolemik nicht als Absurdität verlacht würde.

Obwohl wir wissen, dass Kriege vermieden werden können, wissen wir auch, dass heute mehr Kriegsherde schwelen und lodern als vor 50 Jahren. Wir wissen, dass der Kampf ums Wasser zu Migration und Krieg führt. Wir wissen, dass gefoltert wird, dass die Menschenrechte verletzt werden und dass sich Regierungen damit sogar brüsten. Terror wird ausgeübt von Rebellen und von Staaten. Und wir wissen auch: Dies alles findet nicht nur dort statt, wo die Medien und die Kameras sind und so ist uns nur ein kleiner Teil des Elendes bekannt.

Unser Traum einer aufgeklärten Welt ist eine Utopie und dennoch geben wir die Hoffnung auf eine friedliche Welt nicht auf.

Warum?

Weil wir wissen: Es gibt nicht nur Rückschläge. Wenn wir an der Hoffnung der Utopie arbeiten, erreichen wir auch Fortschritte. Es gibt Staaten, die erreichten nach zähen und langen Verhandlungen dauerhaften Frieden miteinander. Es gibt Staatengemeinschaften wie die EU, welche Frieden auf einem Kontinent organisierte, der ein Jahrtausend unter Kriegen litt. Es gibt völkerrechtliche Subjekte wie das Rote Kreuz, das sich um Opfer kümmert, das Not lindert und bei den Verantwortlichen interveniert. Und es gibt Menschen, die in diesen Organisationen arbeiten und so unsere Hoffnungen stützen.

Deswegen würdigen wir die gute Diplomatie. Deswegen würdigen wir Menschen wie Jakob Kellenberger.

 

Jakob Kellenberger ist eine Laudatio ein Graus, doch hat er eingewilligt, den Preis entgegenzunehmen und so muss er auch einige Worte über sich ergehen lassen. Kein Erbarmen mit ihm. Frank-Walter Steinmeier hat zudem vorgesorgt. Um es dem Preisträger etwas erträglicher zu machen und die Lobhudelei nicht all zu schwülstig anschwellen zu lassen, wählte er als Laudator einen nüchternen Landsmann.

Als solcher verknüpfe ich einige Zusammenhänge seiner Herkunft und seiner früheren Arbeit in der Schweiz mit seinem späteren Wirken für das IKRK.

 

Jakob Kellenberger stammt aus dem Appenzell, einer Gegend, auf die ich in Deutschland immer mit der Frage angesprochen werde, warum dort die Frauen kein Stimmrecht hätten. Stolz kann ich nun aber seit einiger Zeit antworten: Das stimmt nicht. Das Frauenstimmrecht ist auch dort eingeführt. Dazu bedurfte es allerdings einiger Hartnäckigkeit. Aber dank zäher Geduld sind wir so weit: Dieses Menschenrecht gilt in der ganzen Schweiz.

Appenzell ist auch bekannt für die Landsgemeinde, für das Symbol unserer direkten Demokratie. Der Kanton Appenzell wurde 1597 in zwei Halbkantone aufgeteilt. Katholiken und Protestanten wurden umgesiedelt, um bewaffnete Konflikte zu vermeiden. Das war eine schmerzhafte Massnahme, mit der aber weit schlimmere Folgen, nämlich Kriege vermieden wurden, wie sie in anderen Schweizer Kantonen dann tatsächlich ausbrachen. Ich habe es als Zürcher Gast an der Landsgemeinde erlebt, wie dieser Trennung feierlich gedacht wurde, so dass jedem Appenzeller und jeder Appenzellerin bewusst ist: Friede kann politisch organisiert werden.

Das politische Bewusstsein aller Bürger und Bürgerinnen in den beiden Halbkantonen ist äusserst wach und so spielen diese kleinen Kantone eine auffallend grosse Rolle in der Schweizerischen Politik. Dank ihres politischen Geschickes stellen sie, verglichen mit den grossen Kantonen, überdurchschnittlich viele Mitglieder des Bundesrates, hohe Beamte oder Spitzendiplomaten. Der heutige Preisträger ist ein solches Exemplar von Beharrlichkeit, politischem Bewusstsein, mit einem literarischen und philosophischen Fundus versehen.

 

Er hat eine Berufslehre, dann Abendmatur absolviert, spanische Literatur studiert, doktoriert über Calderon - einige behaupten, es habe sich um Cervantes gehandelt, doch ist auch gar nicht so wichtig, Hauptsache ist, es war zu einer Zeit, als Dissertationen noch selber geschrieben wurden. Jakob Kellenberger ist der Literatur, der Philosophie während all seinen politischen und diplomatischen Einsätze treu geblieben, er hielt und hält Vorlesung, über Karl Schmid über spanische Literatur, er schrieb und schreibt Bücher, über Menschenrechte, über Europa.

 

Jakob Kellenberger hat die bilateralen Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU geleitet. Diese Verhandlungen waren nicht einfach. Sie erforderten Geduld, Hartnäckigkeit und Respekt vor dem Verhandlungspartner Drei Jahre überlappten sich die Verhandlungsarbeit zwischen ihm und mir und ich durfte dann nach erfolgreichem Abschluss mein bundesrätliches Haupt mit dem Lorbeerkranz krönen, den der Appenzeller zuvor während Jahren in diplomatischer Kleinarbeit flocht. Diese Verhandlungen haben uns beiden bewiesen: Die Schweiz und die EU können sich finden, wenn sie den Verhandlungspartner weder diabolisieren noch idealisieren.

Eine Gemeinsamkeit teilte ich schon damals mit JK und teile sie noch heute. Die EU ist ein Friedensprojekt, von dem auch die Schweiz und die Schweizerische Wirtschaft profitieren, weshalb die Schweiz nicht abseits stehen dürfte. Das sehen bei uns nicht alle, nicht die Mehrheit der Stimmbürger und nicht die Mehrheit der Regierung.

 

So musste Jakob Kellenberger als Diplomat seine Überzeugung unter den Scheffel stellen und die Haltung der Regierung vertreten. Er tat dies mit der Loyalität des zivilen Dieners (was psychisch nicht immer leicht auszuhalten ist, auch nicht für eine Minderheit innerhalb der Regierung. Immerhin wissen wir: Manchmal dreht sich der politische Wind dann doch, wie beim Frauenstimmrecht, manchmal sehr rasch, wie beim Bankgeheimnis.)

 

Diesen Erkenntnisse und Erfahrungen prägten auch später die Arbeit Jakob Kellenbergers. Dazu gehört, die Realitäten der Welt zu sehen. Und er hat sie gesehen.

Er hat sie als Präsident des IKRK selber angeschaut. So wie das Rote Kreuz sich mitten hinein begibt in die kriegerischen und gewalttätigen Konflikte, so scheute auch er den persönlichen Gang in die Gefängnisse nicht, er war in den Spitälern, er war in den Krisen- und Katastrophengebieten. Er hat das Elend nicht von Schreibtisch, nicht aus der Ferne verfolgt, denn aus der Ferne schwindet das Mitleid, werden Menschen und ihre Gesichter zu anonymen statistischen Einheiten. Aus der Distanz wird die Not zu einer rechnerischen Grösse.

 

Für Elend und Not gibt es meist sehr direkte Verantwortliche. Um sie in ihre Verantwortung einzubinden, hilft es nichts, sie als Gegner oder gar als Feinde zu behandeln. Um mit ihnen in den Dialog zu kommen, muss zunächst versucht werden, sie zu verstehen, nicht etwa ihr Verhalten zu billigen, aber doch sie zu verstehen. Dazu muss ihnen mit Empathie und nicht mit aggressiver Rechthaberei oder moralischer Besserwisserei begegnet werden. Das bedeutet stille Diplomatie statt schrille Ankündigungspolitik. Da verbietet sich auch öffentliche Empörung über gesehenes Unrecht, weil der Erfolg für die Opfer sonst gefährdet wäre. Da verbietet sich auch jedes öffentliche Abfeiern einer erfolgreichen Intervention. Da muss Vertrauen gewonnen werden, ohne sich anzubiedern. Wenn man diese Kunst beherrscht, werden Demut, Bescheidenheit und Neutralität zu effizienten Mitteln für die Humanität. Wie anders als mit solcher Praxis wäre es sonst möglich gewesen, bei Putin erfolgreich zu intervenieren? Wie anders wäre es möglich gewesen, Georg W Bush, der nach 9/11 Teile des Völkerrechts für obsolet erklärte, wegen Guantanamo zu rügen, von ihm aber dennoch die finanziellen Mittel für das IKRK weiterhin zu erhalten? Wie anders wäre es sonst möglich gewesen, die Macht der Moral auf- und auszubauen?

 

Die Macht der Moral und die Macht des Rechtes.

Denn so wie eine Demokratie erst gerecht ist, wenn sie in einen Rechtstaat eingebettet ist, so ist kann sich die Idee des roten Kreuzes erst durchsetzen, wenn die Menschenrechte und das Völkerrecht als verbindliches Recht anerkannt und eingehalten wird. Um diese Selbstverständlichkeiten glaubwürdig in Erinnerung rufen und auch dursetzen zu können, braucht es die Unabhängigkeit des IKRK, auch von der UNO, in deren Schoss das IKRK militärischen und politischen Druckversuchen ausgesetzt gewesen wäre und wogegen sich JK erfolgreich wehrte.

 

Deswegen ist eine starke finanzielle Basis für das IKRK und seine Aufgabe entscheidend und Jakob Kellenberger hat sie ausgebaut. Während seiner Zeit ist die Zahl der Mitarbeiter von 9'000 auf 12'500 ausgebaut worden.

 

Politische Lösungen in Krisen und Konflikten sind so schwierig und komplex wie die Arbeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz es ist.

Es gibt neue Konflikte und Bedrohungen der Menschenrechte, mit religiös motivierter Gewalt, mit nicht-staatlichen Akteuren, mit Staaten, die überhaupt keine Kontrolle über ihr Gebiet haben, mit selbsternannten Kriegsfürsten. Wir stehen in einer Welt mit internationalem Terrorismus, wir erleben, dass wissenschaftliche Errungenschaften als erstes für Terror und Krieg verwendet werden, Drohnen, die von Regierungen gezielt zur Erschiessung von Menschen eingesetzt werden.

Immer häufiger werden Mitarbeiter des Roten Kreuzes selbst zu Opfern von Gewalt, ausgeübt von Konfliktparteien, die das internationale Völkerrecht missachten und zum Teil bewusst in Frage stellen.

 

Eine Welt ohne Krieg ist eine Utopie. Weil wir das wissen, wollen wir uns ihr nähern. Widmen wir uns aber nur der Utopie, ohne uns um die Folgen des real existierenden Leides zu kümmern, machen wir uns mitschuldig am Elend. Es war diese Erkenntnis, welche die Interessen der Opfer, seien sie Zivile oder seien es Soldaten, vor Ideologien und vor politisches Kalkül stellte, die zur Gründung des Roten Kreuzes führte. Das ist die Überzeugung vom absoluten Wert der Menschlichkeit. Sie wird gespeist vom Grundwasser der Kultur, der Philosophie, der Kunst und der Literatur. Wer diese Erkenntnis pflegt, wird zu Bescheidenheit, Beharrlichkeit und Professionalität fähig, die eine solche Arbeit erfordert. Diese Kunst hingegen ist keine Utopie. Das hat uns Jakob Kellenberger bewiesen. Der einzige, der vielleicht daran zweifelt, ist er selber.

Der Preis soll es auch ihm beweisen.