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Rede an Hochschulanfänger

Ansprache an die Neustudierenden der Hochschule Luzern 

Zum Schulbeginn 2012/13
Luzern, KKL, 17. 09. 2012

Heute öffnet sich der Vorhang zu einer neuen Bühne Ihres Lebens.

Sie sind neugierig, haben sicher recht genaue Vorstellungen davon, was Sie erwartet und was Sie wollen. Doch als erstes müssen Sie sich mal Reden anhören.

Das fängt ja gut an, denken Sie, schon am ersten Tag gut gemeinte Ratschläge und ausgerechnet von einem, der ja auf ganz anderen Bühnen spielte, der andere Schulen besuchte und der einen Beruf ausübte, den nur ganz wenige von Ihnen ausüben werden - höchstens sieben.  Den meisten schwebt ohnehin Kreativeres vor.

Lebensweisheiten, so gut sie gemeint sein mögen, können im Grunde genommen gar nie übernommen werden und sie sollen es auch nicht, denn jeder Mensch lebt sein eigenes Leben und muss seinen Weg selber finden.

Das ganze Leben lang sind wir von Ratschlägen umgeben: Was wir essen sollen, was wir anziehen sollen, dass wir unbedingt fit werden müssten, was wir wo rauchen dürfen und ob überhaupt (nächsten Sonntag wird uns das Schweizer Volk seinen Ratschlag dazu erteilen; Sie gehören auch dazu und können abstimmen!).

Oft bewirken solche Ratschläge ja gerade das Gengenteil dessen, was sie anstreben. Wenn wir sie uns anhören, wird uns plötzlich klar: Genau das, was der da sagt, will ich unter keinen Umständen. (Vielleicht bin deswegen ja ich eingeladen worden....).

Aber gerade wegen dieser unkontrollierbaren Wirkung haben Ratschläge doch ihre Berechtigung und ihren Sinn, nämlich immer dann, wenn ihnen nicht einfach blind gefolgt wird, sondern wenn sie hinterfragt werden. Ratschläge beinhalten ja immer die eigenen Wunschvorstellungen. Als solche sollen wir sie erkennen, unsere eigenen Vorstellungen daran messen und uns dann den eigenen Weg zeichnen.

Ich habe das für mich auch so gehandhabt. Ich bin nicht Pfarrer geworden, obwohl Eltern und Lehrer das rieten. Kaum war ich Bundesrat, wünschten sich viele schon meinen Rücktritt. Deswegen bin ich erst zurückgetreten, als die Rufer müde wurden (das dauerte allerdings ziemlich  und deswegen blieb ich so lange). Auch nach dem Rücktritt, wo ich glaubte, jetzt sei ich frei, hagelte es von Ratschlägen: Ich solle nun ins Krafttraining und ich solle reisen oder Pilze sammeln. Stattdessen trete ich weiterhin auf und arbeite immer noch, sogar im VR einer Firma. (Vielleicht den allgemeinen gängigen Erwartungen etwas zum Trotz, weil ich finde, man solle ein vorhandenes Potential nutzen.)

Direkten Ratschlägen können wir uns relativ leicht widersetzen. Aber es gibt auch Ratschläge, die übernehmen wir, ohne dass wir es merken. Zeitungen, Radio und Fernsehen, die Werbung, die Mode – auch die politische Mode - erteilen auch ständig Ratschläge. Sie steuern uns, ohne dass wir es realisieren.

Sie wollen uns vorschreiben, worin unser eigenes Glück besteht.

Trends äussern sich bei den Kleidern, den Möbeln, in der Musik. Dahinter steht  die Auffassung, was denn eigentlich der Sinn des Lebens sei und davon ist auch die Politik erfasst, wo weltoffene und konservative Wellen, liberale und bevormundende Etappen einander folgen und zwar über alle Kontinente hinweg.

Gegenwärtig wird gewiss der äussere Erfolg, die finanziellen und wirtschaftliche Aspekte, wie Lohn und Karriere überbetont, während der innere Frieden oder das individuelle Glück verdrängt und in den Schatten gestellt werden. Auch eine Ausbildung, auch Zeugnisse und Schulabschlüsse sind äussere Erfolge, auf die wir unser Leben nicht allein fixieren sollten.

Ein Schullabschluss ist nicht mit dem wichtigsten Ziel des Lebens gleichzusetzen. (Wie schrecklich das enden kann, zeigt uns der furchtbare Fall in Lausanne, wo vor wenigen Tagen ein Schüler wegen der Falschmeldung im Internet, er habe die Prüfung nicht bestanden, seinem Leben ein Ende setzte.)

Ein Schulbeginn ist immer auch ein Wagnis und ein Wagnis bedeutet auch ein Risiko, das Risiko, eine Rolle zu übernehmen, die nicht bis zum Schluss des Stücks dauert.

***

Sie betreten die neue Bühne nicht allein, sondern Sie werden mit anderen zusammenspielen. Das ist das Schönste an einer Schule: Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Ich durfte in einer solidarischen Schulklasse lernen, die noch heute grosse Freundschaft pflegt. Wir organisierten Spickzettel für alle bei den Prüfungen (geheime Codes an der Wandtafel). Die Schulklasse revanchierte sich, als ich ein Jahr im Spital lag. Sie hat mir geholfen, damit ich nicht repetieren muss. Ich erklärte meinerseits denjenigen, die etwas nicht begreifen konnten, was ich deshalb gut konnte, weil ich selber immer Mühe hatte. Diese Schwäche wandelte sich zu einer Stärke. Hat mir später im Beruf geholfen: Übersetzen von Fachchinesisch an Laien im Parlament oder der Öffentlichkeit. Die damalige Solidarität hat auch mir selber etwas gebracht. Es gibt uns immer etwas zurück, wenn wir uns für andere freiwillig einsetzen. Es ist schön, Verantwortung zu übernehmen, nicht nur im Schulbetrieb den anderen gegenüber, sondern in allen Stufen des Lebens.

***

Auf Ihrer neuen Bühne werden sie geführt, Sie erhalten Anweisungen und Hilfe von Regisseuren. Sie werden wohl nicht immer mit allem einverstanden sein.

Es gelten Regeln für Lernende und Lehrende, an denen sich beide vielleicht stossen werden. Ich höre ständig Klagen über das Bolognamodell, von Lehrern wie von Schülern. Das ist unvermeidbar und es war in allen Zeiten so, dass allgemein gültige Regeln zu Widerspruch führen. Tatsächlich ist vieles fragwürdig; die inhaltliche Gewichtung der Fächer orientiert sich sehr an wirtschaftlichem und materiellen Erfolg, während musische Fächer weniger berücksichtigt werden; vieles erscheint all zu sehr reglementiert, doch die grenzüberschreitende Ausbildung und der mögliche Austausch während und nach der Ausbildung sind dafür unschätzbar.

Wir empfanden damals viele Regeln auch als schikanös: In meiner Schule galt: Wer Griechisch lernte, durfte kein Englisch lernen. Oder: Heute, Montag, entscheidet der Basler Erziehungsrat darüber, ob das Wahlfach „Philosophie, Psychologie, Pädagogik“ (PPP) abgeschafft werden soll und zwar deswegen, weil es so beliebt ist, dass zu viele Schüler es besuchen wollen...

Es gehört zum Lernen, das, was gelehrt wird und wie es gelehrt wird, in Frage zu stellen. Lernen bedeutet nicht das Aufsaugen unumstösslicher Wahrheiten, nicht „pauken“ um des „Paukens“ willen. Lernen beutet immer in Frage stellen, daran zweifeln, ob das Vermittelte wahr und richtig ist oder nicht und ob die Art und Weise, es uns zu lehren richtig ist oder ob es anders sein könnte und müsste.

Lernen ist daher immer ein Dialog, ein innerer Dialog, um zu begreifen, und eine Diskussionen mit den Mitlernenden, um sich gegenseitig auszutauschen, beim Verstehen zu helfen. Das führt dann auch zum gemeinsamen Dialog mit den Lehrenden, die dadurch gefordert sind, ihre Dogmen erklären zu müssen und sich somit selber in Frage zu stellen und allenfalls zu revidieren. Sehr oft sind sie selber nämlich auch nicht mit allem einverstanden, das sie vertreten müssen. Die Diskussion hilft immer beiden weiter. Wenn mir damals, als ich widersprach, ein Lehrer eingestand: „Ja, da haben Sie recht“, war das ein Erfolg, der mich auch motivierte.

Deshalb versuchte ich in meinem späteren Leben als Vorgesetzter meinen Mitarbeitern dieses Erlebnis auch immer wieder zu geben. Ich gebe zu, dass ich das vielleicht zu wenig tat.

Für einen solchen Dialog müssen sich beide hineindenken in die anderen, die mit ihren eigenen Vorstellungen ein Problem vielleicht anders angehen.
So lernen alle, die eigene Rolle von einem anderen Standort aus zu sehen.

***

Sie beginnen auf den Brettern der neuen Bühne ein Stück zu spielen, dessen Drehbuch zwar ziemlich exakt vorgegeben ist, mit Lehrplänen, Anzahl Semestern.
Dennoch kennen Sie den weiteren Verlauf des Geschehens nicht so genau.
Gibt es Pannen, Rückschläge, Enttäuschungen? Gewiss!
Finden Sie, was Sie suchen? Das hängt auch von Ihnen selber ab.
Gibt es auch für jeden einzelnen Spieler ein persönliches Happy End?

Das weiss jetzt noch niemand
Nicht alles ist planbar.

Zunächst: Wir wissen nicht, wie wir selber uns später verhalten. Das ist in der Schule so, wo sich der eine oder die andere vielleicht gewiss wird: „Nein, das habe ich eigentlich nicht gesucht.“ Das ist im ganzen Leben so: Krebs (wenn ich mal habe: keine Chemo. Wenn Realität: Trotzdem Chemo). Als Scheidungsanwalt erlebt: Versprechen bei Heirat: Wir sind dann tolerant: Gab die übelsten Kampfscheidungen.

Wir wissen aber auch nicht, wie sich die anderen verhalten, die Schulleitung zum Beispiel. Vielleicht hat die Schule andere Vorstellungen darüber, was für uns gut ist als wir selber und das kann mitunter zum Bruch führen.

Das wird dann oft völlig zu Unrecht als „Scheitern“ bezeichnet. Das ist eine rein einseitige Betrachtungsweise. In Wirklichkeit ist es eine Unvereinbarkeit, es sind verschiedene Auffassungen über Ziel und Weg. Das kann uns immer auch die Augen öffnen. Brüche und Änderungen im Lebenslauf sind oft die entscheidenden Anstösse für spätere Zufriedenheit und auch für Erfolg.

Steve Jobs, der aus seiner eigenen Firma ausgeschlossen wurde, hat Kalligraphie aus Interesse studiert und ohne eine konkrete Idee, das einmal praktisch zu verwenden. Doch, ohne dass er es hätte vorausahnen können, wurde die spätere Typografie des Mac Grundlage seines Welterfolges.

Es gab auch in meinem Leben einen privaten Wendepunkt, bei dem ich dachte: Damit ist meine politische Karriere beendet.

Ich nahm das für mein privates Leben in Kauf. Zwanzig Jahre später wurde ich als erster geschiedener BR gefeiert und Tausende jubelten, als ich bei der Wahlfeier die Anrede wählte: „Wir mit den gebrochenen Lebensläufen.“

Das tönt jetzt schon wieder nach diesen ewigen Erfolgstorys. Die sind ja berühmt. Ich habe einige gelesen und sie gleichen sich immer etwas:

Aus der Schule geflogen, rausgeschmissen aus der eigenen Firma, ganz unten durch, Eltern nicht gekannt, Krebs überwunden, Sportkarriere wegen Verletzungen aufgegeben und so weiter. Als ein Lebensmuster für alle wirkt das etwas verlogen und zwar in doppelter Hinsicht:

Es ist ja nicht so, dass je mehr Niederlagen und Rückschläge einer erleidet, desto mehr Erfolg er dann hat.  Einige stürzen nämlich auch ab und erholen sich aus der Krise nicht. (Deswegen ist Solidarität ihnen gegenüber wichtig.)

Zudem wird mit diesen Geschichten suggeriert, einem Milliardär oder einem Staatspräsidenten gehe es immer nur besser als allen anderen. Das ist nur die Betrachtung von aussen und das ist meist wieder eine Verklärung.

Ich habe Staatspräsidenten, Könige (nur einen Papst) getroffen und es haben  mir nicht immer alle den Eindruck von ungetrübtem Glück hinterlassen. (Zu meiner Zeit munkelte man übrigens auch von einem Bundesrat, der habe immer nur säuerlich dreingeblickt...)

***

Aber nicht alle treten vorzeitig von der Bühne ab. Der ganz grosse Teil von Ihnen wird ja diese Schule beenden.
Die einen haben ein klares Ziel vor Augen. Andere lassen offen, was nachher geschieht.

Eine Schule sollte nicht bloss ein Weg zu einem Ziel sein, nicht ein Tunnel, durch den man notgedrungen muss, um erst dann das wahre Licht zu finden. Das Lernen, die Auseinandersetzung mit Dingen, die wir vorher nicht kannten, bereichert uns ja, ohne dass es unbedingt einem späteren Zwecke dienen müsste. Von daher ist es auch gar nicht ratsam, sich jetzt schon auf einen ganz bestimmten späteren Beruf zu fixieren.

Ich wusste in der Schule noch nicht, was ich studieren werde und ich wusste im Rechtsstudium nicht, welchen Beruf ich nachher ausüben werde (was ein Rechtsanwalt ist, habe ich damals nicht gewusst). Es lohnt sich also, offen zu bleiben für Lebensläufe, die wir noch gar nicht kennen können. Gerade die Ausbildung kann uns die Augen für Neues öffnen, von dem wir gar nichts wussten oder sie kann uns zeigen, dass, was wir ursprünglich wollten, doch nicht für uns geschaffen ist.

Ich habe zu Beginn gesagt, dass wir nicht den Modeströmungen erliegen sollten, worin denn ein glückliches Leben bestehe.
Wir leben ja nicht dafür, wie uns andere durch ihre Brille betrachten, also nicht für den Erfolg nach aussen, sondern für unsere eigene Zufriedenheit, den Erfolg nach innen.

Es macht gar keinen Sinn, von einem Leben zu träumen, das von anderen für uns erdacht wurde, vom Einfamilienhaus mit Hund, von der idealen Frau oder dem idealen Mann.
Wir müssen den Mut finden, das eigene Potential zu finden.
Es muss jeder das leben, was in ihm angelegt ist, was ihm sein eigenes Herz sagt. Jeder und jede muss den Sinn des Lebens selber ertasten und selber gestalten.

In meinem Departement gab es einen Chefbeamten, der ganz oben in der Hierarchie stand und der kurz vor dem ultimativen Kick seiner Karriere stand: Er förderte mit grossem Erfolg Wind-, Sonnen- und Wasserenergie, ja er stand kurz davor, alle Atomkraftwerke der Schweiz abstellen zu können (und so grossen Erfolg zu ernten). Doch da folgte er seinem Herzen und entschied sich für Musik und Kunst. Er kam an Ihre Schule und findet hier seine wahre Erfüllung. Ich mochte ihm diesen Schritt aus ganzem Herzen gönnen und, ich gebe es zu, ich bin auch etwas eifersüchtig gewesen. (Meine Musikausbildung ist endgültig beendet worden, als ich eine Blockflöte zerbiss, weil mir ein Lineal in den Rücken gesteckt wurde, damit ich stramm spiele.)

Damit solche wichtigen Wechsel ein ganzes Leben lang möglich sind, soll auch schon in der Schule der Wechsel zwischen den Departementen erleichtert werden. Die Wahl eines Departements soll nicht zu eingleisiger und einseitigen Ausbildung führen, nicht zum Sammeln von Bolognapunkten, sondern es muss doch immer möglich sein, über die Grenzen der Departemente Erfah-rungen, Entdeckungen und damit Bereicherungen zu finden. Dazu braucht es den Willen von Lehrenden, Lernenden und Schulleitern, kurz von allen, die auf den Bühnen der Schulen arbeiten.

***

Der Vorhang ist offen. Sie betreten die neue Bühne.

Folgen Sie nicht jedem Ratschlag. Hinterfragen Sie alle Lebensweisheiten auch die, die Sie soeben hörten. Dann kommt alles gut.

Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches Spielen, erfolgreiches Zusammenspielen.