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Zum Tod von Eliane Schweitzer

Eliane • Ansprache an der Trauerfeier für Eliane Schweitzer, Zürich, 22. April 2012 

Eliane war ein Einzelkind.

Das ist ein Ausdruck, den wir heute gar nicht mehr hören. Aber damals war das ein Begriff, der in unserem Elternhaus und in der Schule mitleidig gebraucht wurde und das wurde oft auch zu einem Stigma, unter dem Einzelkinder litten.

Auch Eliane fühlte sich deswegen einsam und hat gerade deshalb Kontakt gesucht, insbesondere zur Familie.

Von unseren Eltern wurden wir zu dieser kontaktfreudigen Cousine eher auf Distanz gehalten. Umso prickelnder wurde es, wenn an unserem Familientisch, zu dem Eliane, selten, aber doch gelegentlich geladen wurde, während dem Tischgebet, plötzlich Blicke blitzten, die eine Welt erahnen liessen, die wir im prüden protestantischen Hause nicht kannten, ja, nicht einmal ahnten, die aber in uns doch verborgene Saiten zum vibrieren brachten.

 

Eliane wurde von der verwandten Cousine zu unserer Freundin, wohl auch ein wenig unseren Eltern zum Trotz. Das war eine schöne Freundschaft, in der wir uns gegenseitig geholfen haben und zwar über all die Jahre hinweg bis ganz am Schluss.

 

  • Treue und Solidarität über alles

Bei Attacken von Journalisten (nicht nur vom Blick, wo sie arbeitete, aber auch) hat sie mich aus Redaktionssitzungen per SMS gewarnt, so dass ich mich wappnen konnte, und sie hat mich in den internen Sitzungen der Zeitung verteidigt. Dank ihr entging ich mancher Kampagne.

 

 

  • Eine 68erin

Eliane war politisch engagiert. Sie hat die ganze Entwicklung der 68er vom Protest über den konkreten Einsatz bis zur Selbstironie mitgemacht. Auf Internet finden wir ihren Beitrag, wieso die Woz ein Aphrodisiakum sei und wie sie auf die verschiedenen politischen Schattierungen verschieden wirke. Wenn sie den Humor Elianes nochmals lesen wollen, schlagen Sie die Seite auf.

-       Die Ästhetik

Eliane pflegte die Ästhetik, den Genuss. Sie hatte Freude an schönen Formen.

(So war sie denn auch ziemlich beleidigt, als NZZ Folio über die Möbel in ihrer Wohnung als Flohmarktbeute sprach, wo sie diese doch in den Anfangszeiten als Originale erworben hatte - aber da sie ihr Alter nicht angeben wollte, konnten wir auch keine Klage einreichen.)

Die Pflege des Schönen, die Gestaltung der Umgebung, die uns ihrerseits wieder bestimmt und unser Handeln prägt, auch der Sexappeal als Bestandteil des Lebens und der Politik, das sind Elemente, welche in der 68er Bewegung oft vernachlässigt oder verdrängt wurden. Eliane hat sie gelebt, bis ganz am Schluss. Noch am letzten Tag im Spital liess sie sich vom Coiffeur frisieren.

 

-       Was wir erreicht haben

Auf eine Parallele möchte ich besonders eingehen:

Eliane suchte den Anschluss an die Familie und wollte alle ihre eigenen Wurzeln entdecken. Sie lernte so auch unsere Tante Rosalie im Rohrbachgraben kennen.

Sie hat sie immer wieder besucht. Tante Rosalie war ein damals so genanntes uneheliches Kind und sie wurde deswegen in eine fremde Bauernfamilie zur Erziehung gegeben. Das war zu jener Zeit im bernischen Oberaargau, unserer Heimatgegend, ein Stigma ohnegleichen.

Wir waren ebendort vor wenigen Jahren gemeinsam an der Beerdigung von Tante Rosalie. Noch an der Beerdigung wurde der Umstand der unehelichen Geburt des Langen und des Breiten thematisiert.

 

Tante Rosalie wurde trotz dieses gesellschaftlichen Makels Gemeindeschwester und eine anerkannte Autorität in der Gegend.

(als ich BR wurde, telefonierte sie dem SVP Gemeindepräsidenten in meiner Heimatgemeinde: „Dir wüsset, was dir jitzt z’tüe heit!“ und es gab ein Fest, zu dem auch Eliane kam und wo ich Berner Sennenhunden die Pfote schüttelte und Esel streichelte).

 

Die Cousine des Bundesrates, die Verwandte von Tante Rosalie, wurde dann Sexberaterin beim Blick. Was oft als schriller Gegensatz, als eine etwas schillernde Skurrilität herumgetuschelt wurde, ist in Wirklichkeit eine politische Errungenschaft:

Eliane enttabuisierte in ihrem Beruf Prüderie, moralische Verlogenheit, die für Ungerechtigkeiten, für Ausgrenzungen, für traurige Lebensläufe verantwortlich war.

Dass heute Ausdrücke wie „Einzelkind“ oder „unehelich geboren“ gar nicht mehr geläufig sind, dass Homosexualität nicht mehr zu derartigen Diskriminierungen führen, ist eine Leistung der 68er Generation, an der sich Eliane beteiligte.

Es gab eine Zeit, da wurden Nabokov und Henry Miller aus den Bibliotheken als Pornographen verbannt.

Es gab eine Zeit, sie ist nicht lange her, da hatte ein Bundesratskandidat, der geschieden war, keine Chance, auch nur nominiert zu werden.

Heute spielt solches, wie auch homosexuelle Partnerschaften, bei öffentlichen Wahlen nicht mehr die geringste Rolle.

In der Generation, die dies erreichte, hat Eliane aktiv teilgenommen und sie hat diesen Erfolg mitgeprägt. Sie ist ihren Überzeugungen bis zum letzten Tag ihres Lebens treu geblieben. Diese politischen Verdienste Elianes wollen wir heute nicht ausblenden, sondern würdigen.

 

Eliane hat sich vom Stigma des Einzelkindes befreit. Sie hat den Zusammenhalt, die Familientreue oder, um es politisch zu sagen, die Solidarität gepflegt.

Sie hat eine Wohnform des sozialen Zusammenlebens gesucht und in der Helmutstrasse gefunden.

Und auch mit der Wahl eines Gemeinschaftsgrabes wollte sie ein letztes Zeichen setzen.

Eliane ist uns allen eine solidarische, eine liebe Freundin geworden.

Und das bleibt sie.