Navigation ausblenden

Die Heimat des Kosmopoliten

Rede zum 20 Jahre Jubiläum des Europainstituts Basel

Basel, 19. September 2013


In Basel gibt es den Lällenkönig, der Kleinbasel permanent die Zunge heraussteckt, und es gibt Basel World, die global grösste Uhren- und Schmuckmesse.

Es gibt den Vogel Gryff, der Grossbasel den Hintern zeigt, und es gibt die Pharmaindustrie, die rund um den Globus produziert und konsumiert wird (Abmagerungsmittel für Griechenland und - nach dem gestrigen Match - Antidepressiva in Chelsea).

 

Es gibt die Fasnacht, die als konstantes Sujet die Schwooben und die Zürcher auf die Schippe nimmt, und es gibt eine Architekturszene, welche aus dieser Stadt die ganze Welt erobert hat.

 

Basel kennt leidenschaftliche lokalpolitische Abgrenzung und den Kosmopolitismus. Hier werden auf kleinstem Raum Grenzen zelebriert, hier wird Kultur kosmopolitisiert und von hier aus wird die Wirtschaft globalisiert.

I. Unilateralität

Grenzen bilden Identität

Ein Kind kann als erstes Wort meist Nein sagen. Erst nachher folgen Mama, dann Auto und Papa. Das Ja folgt sehr viel später und bei einigen Parteien gar nie.

Wir brauchen Grenzen, um die eigene Identität zu formen.

Facebook zeigt, wie die öffentliche Preisgabe der eigenen Persönlichkeit die Identität gefährden kann. In Schulklassen bilden sich schnell zwei Parteien:

Mädchen und Buben, Anhänger zweier Fussballclubs.

In jeder Gemeinschaft gibt es Fraktionierungen, es bilden sich Rote und Blaue, Schwarze und Gelbe, Katholiken und Protestanten und innerhalb derer, das weiss ich noch aus meiner Basler Jugend, Liberale und „Positive“.

Wer Grenzen zieht, grenzt sich von anderen ab.

Auch eine Gemeinschaft, auch ein Staat pocht auf seine Autonomie, um die eigene Identität zu wahren. Diese Identität bezieht ihre psychologische Kraft auch davon, dass es andere Staaten mit anderen Eigenheiten gibt, welche wir für uns nicht wollen, die wir ablehnen.

Das kann von freundschaftlichen, aber klaren Abgrenzungen, bis zu eigentlichen Feindschaften gehen. Wie der einzelne Mensch legt auch jeder Staat Wert darauf, ein Sonderfall zu sein. Belgien ist mit seinen Sprachen ein Sonderfall, Frankreich ist mit seinem Präsidialsystem ein Sonderfall und Italien sowieso.

Auch die Schweiz will ein Sonderfall sein und so ist es nichts als natürlich, wenn sie keine „fremden Richter“ will und der Aufschrei gegen den Vorschlag des Bundesrates ist durchaus verständlich, wenn er den EuGH als Instanz anerkennen will, welche strittiges EU Recht, das auch für uns gilt, auslegen soll.

Sicherung der Grenzen

Weil Grenzen notwendig sind, müssen sie auch gesichert werden. So wie sich jeder Bauer mit den Nach-Bauern einigen und austauschen muss, um in seinem Hof und Garten sicher und glücklich zu leben,

muss das auch jedes Land mit seinen Nachbarn. Jedes Land hütet seine geographischen Grenzen und verwahrt sich ab gegen Einmischung in die eigene Gesetzgebung und Rechtsprechung. Es schliesst bilaterale Verträge ab und sichert sich so die eigene Entfaltung und Identität.

Durch Mobilität, Migration und technologische Entwicklung werden bestehende Grenzen unbedeutend und neue entstehen:

Das ging in den letzten Jahren sehr schnell.

Charles Ferdinand Ramuz, der unsere 200 Franken Note ziert, hat noch vor ungefähr 70 Jahren die Auffassung vertreten, niemand fühle sich als „Schweizer“. Man fühle sich als Waadtländer, als Genfer, als Zürcher oder als Basler. Das wird heute nur noch an der Fasnacht gepflegt.

Vor hundert Jahren war ein Bündner, der in Basel arbeitete, ein Auswanderer und trat einem Bündner Heimatverein bei. Er konnte auch über das Wochenende nicht in die Heimat. Die Heimatvereine sterben aus, stattdessen pendeln viele zwischen London und Basel oder zwischen NY und Zürich.

Als ich in den Bundesrat gewählt wurde, gab es noch eine Kantonsklausel, wonach pro Kanton nur ein Mitglied im Bundesrat vertreten sein durfte. Die Mobilität hat diese Grenzen überflüssig gemacht und so habe ich noch einen zweiten Zürcher im Bundesrat miterlebt.

Mein rollendes R und mein Berndeutsch waren, als ich von Biel nach Basel zog, in der Schule ein Thema für die Lehrer und auf dem Pausenplatz. Auf den heutigen Pausenplätzen werden alle Sprachen der Welt gesprochen.

Das ist eine  weltweite Entwicklung.

Selbst die Einigung Europas wirkt im Spiegel der Globalisierung antiquiert. Das Konzept eines europäischen Binnenmarktes wird bereits als überholt bezeichnet, weil seine Konzerne global agieren und weil der Weltmaßstab auch die Grenzen der Union erodieren lässt.

Im Juni 2013 definierte das Parlament, zu wie vielen Prozenten ein Produkt in der Schweiz und zu wie vielen es auch in Billigländern und in globalisierten Produktionsketten hergestellt werden darf, um dennoch als schweizerisch bezeichnet zu werden.

Dazu trägt der grenzüberschreitende Kapitalmarkt bei, der Warenhandel, auch Internet, Skype, Facebook, die Medien, welche heute in einem weltumspannenden Kommunikationsraum verkehren.

Das führt alles zu einem globalen Kulturaustausch.

II. Bilateralismus

Überschreiten der Grenzen, Handel und Einmischung

Es sind aber nicht nur technische und wirtschaftliche Gründe, dass Grenzen überschritten werden. Wir Menschen überschreiten Grenzen gerne und mit Lust, sei es aus Neugierde, aus unserem Drang nach Mobilität oder einfach weil wir uns ausbreiten und einmischen wollen.

Menander schuf den bekannten Vers: „Ich bin ein Mensch: Nichts Menschliches nenne ich mir fremd.“

Auf lateinisch ist dieser Vers seit Jahrhunderten ein geflügeltes Wort:

„Homo sum, humani nil a me alienum puto.“

(Ein Mann schuftet in seinem Garten. Sein Nachbar spricht ihn an: Warum er sich denn so abrackere? Der Angesprochene reagiert hässig: „Was kümmerst du dich um fremde Dinge, die dich nichts angehen?“ Der forsche Nachbar outet sich „Ich bin ein Mensch: Nichts Menschliches nenne ich mir fremd“.)

Das „Eigene“ und das „Fremde“: Der eine zieht die Grenze fein säuberlich dem Gartenzaun entlang, der andere mischt sich ein.

In Menanders Komödie meint das Dorf die Welt, die attischen Nachbarn werden zu globalen Nachbarn. Wir alle wollen uns einmischen und all unsere Nachbarn wollen sich einmischen, denn uns allen ist nichts Menschliches fremd.

Wenn wir heute bei unseren politischen Antipoden gegen die Verletzung der Menschenrechte protestieren (wenn wir es denn tatsächlich tun!), steht unser Protest unter eben diesem alten Wort.

Für das Engagement weltweit tätiger Hilfsorganisationen vom „Roten Kreuz“ bis zu „Amnesty International“ bildet Menanders Satz das Losungswort.

Der Wirtschaft und dem Handel ist diese Einmischung immanent und das führt auch zu Expansion und Wachstum.

So war die Basel World vor dem zweiten Weltkrieg noch eine „Schweizer Uhrenmesse“. Nachher öffnete sie sich zu einer europäischen Messe und nach dem Fall des eisernen Vorhanges wuchs sie zu „Baselworld“, zur eine globale Messe. Ihr neues Zentrum ist die Hall of Universe.

Die Politik fördert diese Einmischung, etwa mit Freihandelsabkommen. Das soeben abgeschlossene Abkommen der Schweiz mit China ist als Bückling vor der Wirtschaft angeprangert worden.

Zu Unrecht.

Handel ermöglicht den Einfluss des eigenen Kulturgutes. So war es während der Zeit der Diktaturen in Spanien und Portugal auch richtig, den Handel und damit den Kontakt zu den Menschen in diesen Ländern zu pflegen. Dieser Austausch war auch ein Grund, dass die Diktaturen dann gefallen sind. Handel bildet eine Voraussetzung für kulturelle Verständigung.

Umgekehrt erschöpft sich aber deswegen der wirtschaftliche Austausch nicht nur in finanziellen Interessen, sondern es gehören sich auch Fragen und Diskussionen zu den Menschenrechten oder zur Demokratie.

Es kann nicht einfach ein „Schlussstrich“ unter ein Massaker gezogen werden, solange dieses durch den Wirtschafspartner immer noch gerechtfertigt wird.

III. Multilateralismus

Vermengung der politischen Kulturen

Diese Einmischung, gepaart mit der Mobilität und den weltumspannenden Medien führt zu einer gegenseitigen Rezeption von Kultur und Politik.  Nicht nur wir mischen uns ein, andere mischen sich auch bei uns ein und vieles übernehmen wir ganz freiwillig, manchmal ohne es zu realisieren.

Das ist eine natürliche Folge, die wir nicht bedauern wollen.

Wir beeinflussen andere und wir sind stolz darauf. Wir werden ja auch gerne gehört und gefragt.

Wir erklären gerne unsere direkte Demokratie und setzen die NEAT in Gegensatz zu Stuttgart 21,

wir erklären unseren Föderalismus und vergleichen unsere kommunale Finanzautonomie mit dem griechischen Unverständnis für die Notwendigkeit, Steuern zu bezahlen, einer Mitursache der Finanzkrise.

Umgekehrt rezipieren auch wir, teils tun wir das mit Mühe: 

Als wir unseren Rückstand bei den Menschenrechten aufholen mussten, stiess das Antirassismusgesetz (als Maulkorbgesetz bezeichnet) auf erbitterten Widerstand, weil das als eine Einmischung von aussen gesehen wurde.

Ebenso ungeliebt war der Einfluss von aussen auf unser Bankgeheimnis, das bis vor kurzem als in der Volksseele verankert und als beissfest gepriesen wurde.

Diese Kosmopolitisierung erfolgt oft aber auch still und viele, die patriotische Sprüche klopfen, erliegen ihr und sie rezipieren fremde Auffassungen, ohne es zu merken. Etwa dann, wenn sie auch in unserem Lande der direkten Demokratie eine classe politique orten und die Wutbürger schüren wollen.

Oder wenn der Einbezug von Minderheiten oder die Verbandsbeschwerde in Frage gestellt und von der Effizienz von Diktaturen in Singapur oder China geschwärmt wird.

Wir loben die Bedeutung der so genannten Zivilgesellschaft. Plötzlich ist sie auch hier in der Schweiz eine gepriesene Kraft. Eigentlich müssten wir aber doch meinen, unsere Zivilgesellschaft sei kongruent mit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der direkten Demokratie. Die Zivilgesellschaft hat ihren Ursprung in Ländern, wo keine Initiativen oder Referenden und keine Abstimmung zu Sachvorlagen zur Verfügung stehen.

Auf welcher Seite wir auch im einzelnen Fall stehen mögen: Solch kultureller Vermengung können wir uns kaum entziehen. Würden wir das versuchen, verkäme unsere Autonomie zu einer erbärmlichen Abschottung und würde zu nordkoreanischem Autismus mutieren.

Absolute Autarkie bedeutet Armut. Das erkannte schon Rousseau. Die Arbeitsteilung über die ganze Welt macht auch uns wohlhabend. Das bedeutet aber auch, dass wir diesen Wohlstand  teilen müssen, zum Beispiel mit Solidaritätsleistungen, mit Steuerabkommen oder mit der Aufnahme von Flüchtlingen.

Das bedeutet auch einen kulturellen Austausch über die Grenzen:

So wenig wie es individuelle oder politische Autonomie in absoluter Form gibt, so wenig gibt es eine absolute Autonomie einer Kultur.

Früher existierte das Wort Kultur nur im Singular. Kultur, das war unsere, die einzig mögliche Kultur. Erst der Basler Jacob Burckhardt wagte den Plural und sprach von Kulturen. Das war zur Zeit der ersten Weltausstellungen in London und Paris, als die Menschen andere Kulturen „besichtigen“ konnten.

Heute müssen wir andere Kulturen nicht mehr an Weltausstellungen suchen. Sie sind überall präsent.

Sie prallen auch in Form unterschiedlicher Grundwerte aufeinander.

Aus den Kulturen in China, Indien und Europa sind unterschiedliche Medizinwissenschaften gewachsen. Die Auffassungen um unterschiedliche Arzneien und Therapien prallen aufeinander. Vor einiger Zeit verfolgte ich einen Zischtigsclub über Homöopathie und klassische Medizin. Dort bekriegten sich studierte Ärzte in einer Art und Weise, dass sich Rededuelle in der politischen Sendung Arena geradezu sachlich und nüchtern ausnahmen.

Gefährlicher als Medizinwissenschaften sind aber Religionen:

Durch die globale Vernetzung kollidieren Wahrheitsansprüche und sie können zu einem Weltrisiko werden.

Auch hier ist richtig, dass zunächst die eigene Kultur gelebt wird. Zur Identität gehört, die eigene Kultur zu pflegen und sie zu verteidigen. Doch so wie die Grenze der Nachbarn durch Gespräche und Abkommen gesichert wird, so sind  Dialoge und Konfliktregelungen zwischen den Kulturen unabdingbar.

IV. Kosmopoliteia

Dass Religionen und Kulturen heute nicht mehr schön begrenzt in ihren ursprünglichen Gärten gepflegt werden können, sondern sich überall vermischen, dass also religiöse und kulturelle Differenzen in jedem Dorf, in jeder Schule, in jedem Schwimmbad manifest werden können, bedauern viele, aber der Kosmopolitismus ist eine Tatsache und längst keine Idee mehr.

Das muss auch eine Verkäuferin erfahren, die im entlegenen Zürich ein Damenhandtäschli verkauft, und unversehens ins globale Rampenlicht gezerrt wird. Vom ihr wird eine political correctness erwartet, die in der Schweiz mancher Berufspolitiker nicht beherrscht.

Wir sind alle Weltbürger geworden wie Sokrates, der sich, nach seinem Bürgerort gefragt, outete: „Ich bin Kosmopolit“.  

Aber was Sokrates etwas nonchalant vor sich hin flapste, bedeutet für viele Bürgerinnen und Bürger ein echtes Problem.

Viele finden sich in der globalisierten Welt tatsächlich nicht zurecht, weil Ordnungen aufgelöst werden und Bindungen verloren gehen. Sie sind überfordert und verunsichert.

Ängste beklemmen die Menschen, Herz und Geist werden eng. Sie suchen Halt und Orientierung an nationalen Klischees und Symbolen. Diese Ängste können zu Abschottung führen, zu Isolationismus und zu Resultaten wie der Minarett-Initiative.

Kaiser Marc Aurel hat diese Frage auch beschäftigt und er hat den Zwiespalt zwischen Staatsbürgerschaft und Weltbürgertum so gelöst:

„Staatsgemeinschaft (pólis) und Vaterland (patrís) ist für mich als Marcus Aurelius die Stadt Rom, für mich als Mensch die Welt (der kósmos). Was nun diesen beiden Staatsgemeinschaften zugleich nützlich ist, das allein gilt mir als gut.“

„Diese beiden Staatengemeinschaften“:

Das ist zunächst die Patria und der Einsatz für sie.

Dieser Einsatz wird durch den Kosmopolitismus in Frage gestellt. Jet Set führt zu Entwurzelung, löst traditionelle politische Bindungen und lässt die Solidarisierung mit dem Heimatland erlahmen. Auch das ist heute nicht neu:

So wie Sokrates wurde damals auch ein junger, sehr reicher ionischer Schnösel in Athen nach seinem Bürgerort gefragt und er hat überheblich geantwortet: „Ich? Ich habe Vermögen.“

Das erinnert doch sehr an nomadisierende Investmentbanker, deren Identitätskarte die Kreditkarte ist, und die auf die Frage nach dem Heimatland in ihrem eigenen UBS - Lateinisch wohl antworten würden:

„Ubi Boni ibi patria!“

Es gibt Manager in unserem Lande, die keine einzige Landessprache beherrschen, ihre Kinder in eine Businessschule senden, damit sie wettbewerbstauglich werden, und es gibt strebsame Schweizer Studenten, die ihnen nacheifern und sich weder um die politischen Geschicke unseres Landes noch um die der Welt kümmern, sondern Steuern optimieren, aber selbstverständlich Ansprüche stellen.    

Auch das gab es schon immer: Der attische Redner Lysias hat damals einer solchen Jet-Set Bürgerschaft eine eigentliche Willens-Bürgerschaft gegenübergestellt:

„Ich jedenfalls“, erklärt er, „spreche einzig den Bürgern das Recht zu, über unsere Staatsgeschäfte zu Rate zu sitzen, die dies auch entschieden sein wollen. ... Jene anderen dagegen, die zwar von Geburt her Bürger unserer Stadt sind, im Übrigen aber der Ansicht anhängen, dass jedes Land ihnen Vaterland ist, in dem sie ihren Unterhalt finden – die werden sich leichten Herzens über das Gemeinwohl der Stadt hinwegsetzen und ihren eigenen Vorteil verfolgen, da sie ja nicht die Stadt, sondern ihren Besitz als ihr Vaterland ansehen.“

Was Lysias als Willensbürgerschaft bezeichnet, bezeichnen wir in der Schweiz bezeichnenderweise fast wörtlich übersetzt als Willensnation.

Ich will im Gegensatz zu Lysias deswegen der Managerklasse ausdrücklich nicht die Bürgerrechte entziehen, sondern ganz im Gegenteil die Mitarbeit der Wirtschaft in unseren politischen Institutionen einfordern. Die Entflechtung von Wirtschaft und Politik ist viel zu weit getrieben und zu einer eigentlichen Entfremdung ausgeartet. Darunter leidet die Qualität je in der Politik und in der Wirtschaft.

Die Globalisierung politisch mitgestalten

Im heute real existierenden Kosmoplitismus ist daher die Willensweltbürgerschaft zwingend das Pendent zur nationalen Politik. In diesem Sinn spricht Marc Aurel von der Staatsgemeinschaft des Kosmos, für welche wir auch verantwortlich sind.

Die Schweiz ist Hauptsitz einiger der grössten Rohstoffproduzenten und –händler. Sie trägt eine besondere Verantwortung dafür, was in Minen und auf Plantagen geschieht. Diese Verantwortung betrifft Wirtschaft und Politik und sie betrifft schweizerische und internationale Politik.

Die grossen politischen Fragen sind global und ihre Lösungen können nur über die Grenzen hinweg und nicht im nationalen Alleingang bewältigt werden:

Klimawandel, Migration, Armut, staatliche Verschuldung, digitale Datenspionage, der Zusammenprall der Religionen, das sind alles Probleme der Welt. Sie sprengen die Dimensionen der einzelnen Länder und sie berühren mit ihrem globalen Ursprung auch ganz direkt einzelne Menschen oder Gemeinschaften.

Der Bauer und sein Nachbar können ihr Schicksal nicht allein mit gegenseitigen Verträgen regeln, sondern sie finden sich mit anderen in einer Gemeinschaft und schaffen dort allgemein gültige Regeln für das Zusammenleben. Sie bringen sich ein, nehmen Verantwortung wahr und gestalten das Gemeinwesen.

Ebenso kann heute ein Land sein eigenes Geschick nicht nur bilateral mit seinen Nachbarn regeln, sondern es muss sich multilateral engagieren und auch binden lassen. Damit hat unser Land immer wieder Mühe bekundet.

Noch 1985 wurde der Beitritt zur UNO hoch abgelehnt und auch 2002 waren noch 11 Kantone dagegen (und 12 dafür).

Der Beitritt zum EWR wurde 1992 abgelehnt.

Und der Vorschlag des Bundesrates, die künftige Auslegung von EU Recht dem EuGH zu überlassen, basiert auf der fixen Vorstellung, jede multilaterale Lösung, wie der Beitritt zum EWR, sei unbedingt zu vermeiden.

Dieser panischen Abneigung gegenüber multinationalen Lösungen opfern wir sogar mehr Autonomie und mehr Identität unseres Landes als wenn wir den Mut hätten, dem EWR oder der EU beizutreten. Die verschleiernde Wortschöpfung „autonomer Nachvollzug“, ein Widerspruch in sich selber, spricht Bände.

Wir müssen uns von der Illusion einer totalen Autonomie lösen und ihre globale Verantwortung mit Freude wahrnehmen, damit die Kosmopolitisierung nicht eine Globalisierung der Wirtschaft und der Banken bleibt, damit die Idee der Demokratie, des Föderalismus, damit das Primat der demokratischen Politik zurückerobert wird.

Hier in der Stadt des Humanismus wollen wir uns in Erinnerung rufen: „Kosmos“ hat eine doppelte Bedeutung: Er meint nicht nur Weltall, sondern auch Anstand und Ordnung. Und dieser Anstand, diese Ordnung muss geregelt werden und wir sind dazu auch verantwortlich.

Nur mit menschlichem Mass kann die Globalisierung ein menschliches Antlitz erhalten.

Wenn Obdachlose und Strassenkinder ihre Organe wie Nieren oder Augen verkaufen und diese dann Vermögenden in anderen Kontinenten transplantiert werden, erscheint uns das nicht als menschliches Antlitz der Globalisierung.

Wenn wir den Reichtum in unseren Breitegraden mit der Armut in anderen Kontinenten vergleichen, ist jedes menschliche Mass verloren.

Geht das Mass verloren, sind wir aufgerufen, Mass nehmen und uns für solche Massnahmen einzusetzen wie etwa für die Millennium Development Goals der UNO.

Einen direkten Zugang auf das Weltgeschehen hat der einzelne Bürger ja nicht und er muss sich via nationale Politik oder via NGOs einsetzen. Auch die politischen Parteien müssen vermehrt in globalen Dimensionen denken und mit ihren Verwandten in anderen Ländern zusammenarbeiten.

Das tönt einfach und ist leichter gesagt als umgesetzt.

Doch wir können uns trösten. Es gibt ein Beispiel, wie der Spagat gemeistert werden kann, sowohl eigene Grenzen zu pflegen als auch die Welt zu gestalten:

In Basel markieren Lällekönig und Vogel Gryff die wichtige Grenze zwischen Gross- und Kleinbasel und gleichzeitig setzen sich Basler Architektinnen und Architekten auf allen Kontinenten mit verschiedenen Kulturen auseinander und gestalten so den ganzen Globus.

So ist denn Basel dem Kosmopoliten eine Heimat.