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Rede zum Dokufilm

Flammende Herzen und Tatsachentreue

Zum Dokumentarfilm

Anlässlich der Preisverleihung des Schweizer Dokfilm Wettbewerbs 2013 des Migros Kulturprozentes • Locarno, 8. August 2013

Bevor ich mich hier vor lauter Spezialisten des Dokumentarfilmes zu äussern wage, muss ich mir zunächst die Frage stellen:

Was ist ein Dokumentarfilm?

Mein Duden umschreibt den Dokumentarfilm als:

„Film mit Dokumentaraufnahmen, der Begebenheiten möglichst genau, den Tatsachen entsprechend zu schildern versucht.“

Diese Umschreibung lässt Fragen offen: Sind es die Dokumentaraufnahmen, welche die Nähe zur Wahrheit herstellen? Machen sie tatsächlich den Dokumentarfilm aus? Ich habe Zweifel.

Ein Spielfilm kann mitunter viel näher an der Wahrheit liegen als ein Dokumentarfilm. Ein Spielfilm wie „Le Ministre“ oder die dänische Serie „Borgen“ (Gefährliche Seilschaften) kommt der politischen Realität viel näher als mancher dokumentarische Bericht in Fernsehnachrichten. (Die Macher der Nachrichten- oder Sportsendungen sind überzeugt, alle ihre Beiträge seien eigentlich kleine Dokumentarfilme.) Die Grenzen zwischen Spiel und Dokfilm sind ohnehin fliessend. So wurde „Hugo Koblet“ auf der Piazza von vielen als Dokumentarfilm wahrgenommen, „Verliebte Feinde“ läuft jedoch als Spielfilm. 

Beide Filme zeigten aber sowohl Dokumentaraufnahmen als auch Spielszenen. Spielfilme können sehr wahrheitsgetreu, ein Dokumentarfilm aber auch unsachlich und manipulativ sein.

Jede Dokumentaraufnahme ist inszeniert, ob sie nun in einem eigentlichen Dokfilm oder in einer Nachrichtensendung gezeigt werde.

Schon nur die vermeintlich echte Berichterstattung der Ankunft eines Politikers im Flugzeug ist inszeniert: Zuerst steigen mal die Fotografen und TV Equipen aus, worauf die Treppe wieder eingezogen und die Flugzeugtüre geschlossen wird. Erst wenn die Kameras installiert sind, öffnet sich die Türe und der Präsident winkt der begeisterten Masse zu.

Die Direktübertragung von Parlamentsdebatten ist ein Mosaik aus vielen sorgfältig inszenierten Selbstdarstellungen, währendem „Mais im Bundeshuus“ (ebenfalls ein Liebling der Piazza) den Parlamentsbetrieb sehr viel realistischer zeigt.

Ein Fussballmatch in Zürich wurde von den Fans boykottiert, so dass in Wirklichkeit gespenstische Ruhe herrschte. SRF montierte künstlich eine Lärmkulisse in das Spiel, so dass der Zuschauer nichts vom Boykott erfuhr.

Das ist bei eigentlichen Dokufilmen nicht anders. Auch sie sind inszeniert.

Ich erinnere mich an einen Dokumentarfilm, wo ein Schiff eine Insel verliess und wir hörten den Kommentar: „Jetzt ist die Insel allein und verlassen.“ Aber da war doch immerhin noch der Kameramann!

Im Film „More than Honey“ (Publikumsliebling auf der Piazza) wurden die Flügelschläge der Bienen künstlich reduziert, damit unsere Augen den Flügelschlägen folgen konnten.

(Ganz im Gegensatz zu einem anderen berühmten Tierfilm, in welchem ein Huhn von einem Bauernhof in eine Migrosfiliale wanderte und dort das Ei des Kulturprozentes legte: Das ist alles in Echtzeit gefilmt, ein reiner Dokumentarfilm also.....)

So genannte Originalaufnahmen sind beinahe immer inszeniert aber sie nähern sich den Tatsachen, so wie Duden das will. Nur: Das tun auch Spielfilme und deshalb ist diese Tatsachennähe nicht das einzige Kriterium des Dokumentarfilms.

Das zweite Kriterium des Dokufilmes steckt im Wort Dokument selber: „docere“ und „mens“, das „Belehren des Sinnes“, mit anderen Worten das „Überzeugen wollen“ oder anders gesagt das Engagement. Das ist immer Politik in einem weitesten Sinne, nämlich, Einfluss nehmen auf die Meinung der Zuschauer. Das bedeutet, dass jeder Dokumentarfilm auch subjektiv ist, subjektiv sein muss. Er will aufrütteln, er will bewegen. Er ist von Überzeugung getrieben und diese ist das eine mal das Anliegen für eine Sache, die Liebe zu einer Person oder Personengruppe, das andere Mal die Entrüstung über einen Zustand, bis hin zum Zorn über gewisse Tatsachen (nicht die dumpfe Wut, denn diese basiert auf Empörungswellen, auf Stimmungsmache und entbehrt des zweiten Kriteriums Tatsachentreue).

Die Ellipse des Dokfilms kreist also um die beiden Brennpunkte Tatsachennähe und persönliche Überzeugung, um den Versuch, sich der Objektivität zu nähern, und dem Bekenntnis zu Subjektivität. Gestützt auf Tatsachen entflammen im Dokfilm Liebe und Zorn.

„Flammende Herzen und Tatsachentreue“, so müsste der Dokfilm in einer Neuauflage von Duden umschrieben werden.

Der Dokfilm und die Politik

Verstehen wir Politik nicht im institutionellen Sinn und beschränken sie nicht auf Parteien und Parlament, sondern sehen wir Politik als die gestaltende Kraft einer Gesellschaft, so ist jeder Dokumentarfilm politisch.

Der Blick des Dokumentarfilms auf die Gesellschaft und die Politik ist für eine lebendige Demokratie so unabdingbar wie jede historische Aufarbeitung oder wissenschaftliche Analyse. Der Dokumentarfilm zeigt Löcher in unserem demokratischen Bewusstsein, die nicht unbedingt aktiv verborgen werden, die aber dennoch den meisten Bürgern nicht bekannt sind, sei es aus Unwissenheit oder aus Verdrängung. Ich denke an die Ausschaffung und die Ausschaffungspraxis abgewiesener Flüchtlingen, wie sie uns in Vol spécial von Fernand Melgar gezeigt wurde. In Cleveland vs. Wall Street lernten wir den Subprimes Skandal nicht als Fieberkurve in den Börsentableaus, sondern als sehr konkrete Auswirkung auf Opfer in den USA kennen.

Weil der Dokfilm vom gesellschaftspolitischen Engagement lebt, gibt es auch eine grosse Nähe zur Politik im engeren Sinne, nämlich zur institutionellen Politik. Diese notwendige Symbiose zwischen Politik und Dokumentarfilm hat dann fast zwangsläufig auch den Versuch der Einmischung und der Zensur zur Folge.

Rolf Liebermann sagte: „Wenn sich die Politik einmischt, ist die Katastrophe schon da." Es gab und gibt viele Katastrophen.

Der so genannte Dokumentarfilm als Propagandafilm in Diktaturen ist denn auch mehr als nur eine Katastrophe. Die Geschichte des Dokumentarfilmes wird, im grossen Brockhaus in erster Linie mit Kolonial- und Weltkriegspropaganda, mit dem dialektischen Montagefilm der Sowjetunion oder mit Leni Riefenstahl in Zusammenhang gebracht. Auch in der Schweiz ist die Diskussion um den Dokumentarfilm von politischen Einflüssen nicht zu trennen: Bundesrat Hürlimann stoppte Dindos „Die Erschiessung des Landesverräters S“. Das Parlament kürzte die Filmförderung um 1 Mio, weil ein belgisch/schweizerisches Team einen Film über Jean Ziegler erstellte. Der Bundesrat segnete es im Dezember 2005 ab, dass Kulturminister Couchepin Beiträge an einen Dokfilm über den Bundpräsidenten des Jahres 2006 durch das BAK strich. (Dem damaligen Bundesrat gehörte auch ein Mitglied an, das dieses Jahr auf der Piazza selber dokumentiert wird – mit Beiträgen des EDI.)

Kulturförderung ohne gleichzeitige Einmischung

Der Dokumentarfilm ist Bestandteil der demokratischen Auseinandersetzung.

Politik und Dokumentarfilm sind daher aufeinander angewiesen. Der Dokfilm muss deswegen ermöglicht und qualitativ gefördert werden und dennoch soll sich die Politik nicht einmischen, damit sie nicht zur Zensorin wird oder umgekehrt mit Steuergeldern Propaganda in eigener Sache betreibt. Wie soll das gehen?

Zunächst gilt für die Kulturförderung im Allgemeinen: Sie muss professionell organisiert werden. Die Beurteilung muss durch externe Fachleute erfolgen und nicht durch die Politiker selber. Deswegen ist in Ihrer Jury auch ein Dokumentarfilmer. Die Unabhängigkeit der Fachleute muss garantiert sein. Die Mitgliedschaften in Kommissionen sollen rotieren, damit sich keine Klüngel von Unterstützern und Unterstützen, die sich gut kennen, bilden. Private Sponsoren sollen gefördert werden, zum Beispiel mit steuerlicher Erleichterung.

Und Private sollen denn auch sponsern: Ein Lob auf Kulturprozent der Migros! Private Kulturförderung ist das Pendant zur Zurückhaltung der Politik, sich einzumischen. Vgl. mit USA: Es geht auf jeden Fall nicht an, die staatliche Unterstützung zurückzufahren, solange bei privaten Sponsoren die Überzeugung der kulturellen Unterstützung fremd ist und sie nur Sportveranstaltungen sponsern wollen. Der Wettbewerb ist ein wichtiges Förderungsmittel. Es ist das Spiel der Kreativität und der Inspiration, das die Gesellschaft belebt.

Qualitätskriterien für den Dokufilm?

Gibt es objektive Kriterien für einen Dokumentarfilm im Besonderen? Da zeigt sich wieder die Nähe zur Politik. Was ist gute Politik, good governance? Es wäre auf jeden Fall eine politische Dummheit, vom Dokumentarfilm Kriterien wie Objektivität oder gar die reine Wahrheit zu verlangen. Genres und Ausdrücke wie Infotainment oder Dokusoap zeigen überdies, dass es zwischen den beiden Brennpunkten der Ellipse einen weiten Raum gibt. Dennoch ist es möglich, die Qualitätskriterien herauszuschälen und den Sinn für sie zu schärfen. Das ist in jeder Kunstgattung möglich: Literatur, Kochkunst, Musik. Und dazu werden Noten und Hauben, Punkte und goldene Rosen, Leoparden, Oscars und Ciceros verteilt.

Ganz abstrakt könnten solche Kriterien lauten: Menschenwürde, keine Manipulation, keine Instrumentalisierung der Interviewten und des Publikums, kein Voyeurismus, kein Populismus.

Ich mag keine Filme, in denen Leute vorgeführt werden: Versteckte Kamera, wie sie in Flugzeugen zur Unterhaltung dargeboten werden. Passanteninterviews, wo Leute mit dem Mikro und der Kamera überfallen werden und unvorbereitet eine Antwort geben müssen. (Daran ändert nichts, wenn diese mit einer Veröffentlichung einverstanden sind, denn sie werden trotzdem manipuliert). Ich fühle mich manipuliert (und verweigere die künftige Zusammenarbeit), wenn „Kulturplatz“ oder „10 vor 10“ möglichst viele Aussagen sammeln, dann das Material nach der Vorstellung der Redaktion neu zusammensetzt, so dass zuweilen etwas komplett Anderes entsteht, als ich es zum Ausdruck brachte. Ich verstehe nicht, warum in Dokufilmen die Off Stimmen immer derart monoton und langweilig daher kommen, um Objektivität zu spielen. Der Dokfilm soll zu seinem subjektiven Element stehen!

Aber sind wir ehrlich: Das sind abstrakte Grundsätze, die schön, aber unverbindlich bleiben. Erst mit dem Einzelentscheid über ein Drehbuch, über ein Projekt, über einen vollendeten Dokfilm nimmt die Qualitätsdiskussion Gestalt an. Dazu bedarf es einer professionellen Bewertung durch eine Fachjury, (in welche niemals ein Politiker darf, mindestens kein aktiver).

Leidenschaft

Ich spreche von den Anforderungen an den Dokfilm. Doch der Dokfilm hat auch eine Forderung an uns Zuschauer, an uns Politiker. Direkte Mittel wie Preise, Ehrungen oder Steuererlasse genügen nicht, um dem Stellwert des Dokumentarfilms gerecht zu werden. Auch jede noch so generöse finanzielle Förderung genügt nicht.

Es braucht auch den gelebten Respekt gegenüber den inhaltlichen Beiträgen des Dokumentarfilmes. Dabei geht es nicht nur um den Respekt gegenüber den Kulturschaffenden, es geht um ein – nicht das einzige – aber um ein wesentliches Element der Demokratie, nämlich um die Auseinandersetzung mit dem Spiegel, der uns vorgehalten wird. Ob dieser Spiegel nun verzerre, vergrössere, verkleinere, beschönige oder zuspitze, ob es nur ein kleine Splitter eines zerbrochenen Spiegels ist, der aus einer winzigen Perspektive ohne Sicht aufs Ganze reflektiert: Jeder Versuch, sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen, verdient eine Antwort.

Analogie Bergier Bericht: Dieser wurde zwar mit viel Tam Tam inszeniert, um die historisch Aufarbeitung zu beweisen. Doch kaum war der Bericht erschienen, verschwand er undiskutiert in den Archiven.

Auch wenn sich die Politik nicht zensurierend einmischen soll, so hat sie doch das Recht, ja die Pflicht, über den Film selber zu reden und den eigenen Standpunkt zu verteidigen. Die Demokratie, insbesondere die direkte Demokratie benötigt Reflexion, die Auseinandersetzung mit Fakten.

Sie lebt davon, einen anderen Standpunkt verstehen zu wollen, Anliegen einer Minderheit aufzunehmen. Das bedingt, sich in ein Problem zu vertiefen, sich mit einer Information gründlich auseinanderzusetzen, sich dafür Zeit zu nehmen, zu versuchen, zwischen Sachverhalt und Wertung zu unterscheiden.

In der medialen Demokratie stolpern wir stattdessen von einer Empörung zur anderen, von einer moralisierenden Zuspitzung zur anderen. Selbst die Intellektuellen, Philosophen und Schriftsteller jagen heute von einem Kontinent zum anderen, um zwischen Flugzeug und Taxi in zahlreichen Talk Shows die Welt zu erklären. Das ist meist Geschnatter und nicht Diskurs, das ist die Empörungsbewirtschaftung ohne die Bemühung um Tatsachennähe. So werden „Wutbürger“ geschürt statt engagierten Citoyens die Grundlagen für eine Meinungsbildung vorzubereiten.

Da ist der Dokumentarfilm, der auf beiden Beinen steht, auf der Tatsachennähe und der Subjektivität,  ein Mittel zur Vertiefung, auf die wir alle angewiesen sind. Das ist denn auch die gemeinsame demokratische Aufgabe des Dokumentarfilms und seiner Zuschauer. Der Dokumentarfilm ist Aufklärung mit dramatischen Mitteln. Das jedenfalls ist unsere Erwartung, denn wir wissen alle, dass er auch den Missbrauchs oder der Manipulation kennt, genau so wie die Politik. Der Dokfilm hat auf sein Wort eine Antwort zugute. Der daraus entstehende Dialog führt zur gemeinsamen Verantwortung der Kulturschaffenden und der Politik.

Deswegen hege ich heute die weitere Hoffnung, nämlich, dass unser heutiges Treffen mehr als der Teil eines Wettbewerbs sei, sondern ein Diskurs über die Bedeutung des Dokumentarfilms. Das ist ja auch Sinn eines Filmfestivals mit seinen Nebenereignissen, zu denen auch unsere heutige Veranstaltung gehört.