Navigation ausblenden

Die Pendel von Politik und Psychiatrie

Festvortrag zum 50 Jahre Jubiläum der
Zürcher Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie ZGPP
Zürich, Volkshaus, 12. November 2016
ML 

 

Sie platzieren die Rede des Politikers dorthin, wo sie klassischerweise hingehört, zwischen Apero und Abendessen.

Sie ermöglichen mir so, mich inhaltlich völlig unbelastet von allen Fachvorträgen Ihres heutigen Tages zu äussern,

-         so wie es Politiker ja meist tun.  

Um als Politiker mit Ihnen zu kommunizieren, orientiere ich mich an meine persönlichen Begegnungen mit der Psychiatrie. Ich nehme also mich selber zum Ausgangs- und Mittelpunkt

-         so wie es ja Politiker meist tun.

Vielleicht können sie das so unverfroren, weil sie nie in einer Psychoanalyse waren.

(Ich selber was es nie, weil mir mein Freund B.R. vor 50 Jahren aufklärte:  

„Politik bedeutet Kompromiss, Psychoanalyse kennt niemals einen Kompromiss.“

Kompromissfreudig, wie ich schon immer war, blieb ich also Politiker und ging nicht in eine Analyse.

(Mir ist es wohl so, meiner Umgebung weniger)

 

Ich ordne meine Begegnungen mit der Psychiatrie in drei politische Phasen meines Lebens,

-         die der Rebellion,

-         die der Verantwortung und

-         die des Rückblickes auf das frühere Getümmel.

 

I. Erinnerung an die politische Pubertät 

Meine erste Begegnung mit der Psychiatrie führte mich nach Triest.

1974 schloss Basaglia die psychiatrische Klinik unter Begleitung der gesamten europäischen 68er, die, hergereist in VW Bussen und campierend in Zelten, die grosse Befreiungsaktion der unterdrückten Psychiatriepatienten abfeierte. Ich erlebte kampfeslustige, meist deutsche Reden und Diskussionsrunden

-         gegen die „repressive Toleranz“ (ein Schlagwort jener Zeit),

-         gegen die menschenunwürdige Internierung von Menschen mit abweichenden Eigenheiten, die in Familien viel besser aufgehoben wären.

Es gab einen Umzug von Patienten, die in den Straßen von Triest ihre selber gebastelten Stofftiere, Giraffen und Krokodile, in die Luft hoben und dafür beklatscht wurden. Die psychisch Kranken sollten aus den Fesseln der Institutionen befreit werden.

Nach einigen Tagen reisten die Besuche aus den europäischen Universitäten wieder ab, hingen meist noch einige erholsame Tage mit Ravioli und Rotwein an.

Dass es vielen Menschen nach der Befreiung viel schlechter ging,

-         dass sie später auf der Strasse ausgenutzt wurden und

-         in Polizeigefängnissen Zuflucht finden mussten,

bekamen sie, zurück in Frankfurt oder Zürich, kaum mehr mit.

Als dann später in den USA Reagan ebenfalls psychiatrische Kliniken schloss oder reduzierte, allerdings aus völlig anderen Motiven, nämlich finanziellen, war die Kritik an den identischen Folgen sehr präsent. 

Triest kam mir später immer wieder in den Sinn:

-         Beim Fürsorgerischen Freiheitsentzug, FFE, der 1993 im Parlament revidiert wurde: Ich war damals für diese Vorlage, obwohl die Linke dagegen war.

Ich habe einen Antrag für FFE sogar in meinem familiären Kreis vertreten und durchgezogen. Ich konnte meinem Gewissen gegenüber einfach nicht anders.

Das führte zu persönlichen und ideologischen Auseinandersetzungen. Ich wurde als SVP nahe geortet; Freundschaften wurden aufgekündet – vorübergehend; sie sind heute wieder intakt.

Zwar vertrat und vertrete ich noch immer die Überzeugung, der Staat dürfe die Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen. Doch auch diese Einstellung kann sich zur Ideologie verhärten.

  • Welches Unglück steht welchem Glück gegenüber?
  • Welcher Zwang? Welches Mass an Zwang? Gibt es eine Freiheit ohne jedes Mass? Umfasst sie die eigene Zerstörung?

Viele Fragen sind heute rechtsstaatlich gut geregelt: Es gibt eine Anhörungspflicht, es gibt Rechtsmittel, Beistände und weitere formelle Rechte.

Inhaltliche Fragen aber bleiben offen und werden wohl kaum je ein für alle Mal beantwortet werden können, denn das gesellschaftspolitische Pendel schwingt ewig hin und her.

-         Triest kam mir auch bei den Kindern der Landstrasse wieder in den Sinn. Der BR entschuldigte sich hochoffiziell und das Parlament hat nun eine Wiedergutmachungsvorlage gutgeheißen. Das ist eine sehr verdienstvolle Aufarbeitung einer vergangenen Epoche unseres Landes. Dennoch vermag ich die moralische Entrüstung, die in dieser Debatte zuweilen geäussert wurde, nur mit Vorbehalt zu teilen.

Die Vertreter der damaligen Überzeugungen wollten ja nicht das Böse. Sie hatten nicht die Absicht, jemandem zu schaden, sie wollten sowohl für die Kinder als auch für ärmere Bauern etwas unternehmen und waren überzeugt, Gutes zu tun.

-         An Triest dachte und denke ich auch beim Platzspitz:

Wird sich eine künftige Politikergeneration für die tolerierte offene Szene dereinst auch entschuldigen müssen?

Denn es folgte die spätere Erkenntnis, dass viele junge Menschen wegen dem Platzspitz starben oder unwiederbringliche körperliche und seelische Schäden davontrugen.

-         In der WOZ dieser Woche las ich von einem Ihrer Berufskollegen, „die heutige Art der therapeutischen Massnahmen ist sittenwidrig und stellt ein trauriges Kapitel der Psychiatrie dar, das früher oder später einmal kritisch aufgearbeitet und verurteilt werden dürfte.“

Ich kann das nicht beurteilen, doch all diese Diskussionen zeigen: Das Pendel zwischen Ordnung und Freiheit wird auch künftig weiter pendeln, wie in Triest.

Die Psychiatrie hat solche Pendelbewegungen in aller Regel mitgemacht. Es tönt paradox, aber:

Gerade weil sie ein Kind der Aufklärung ist, hat sie ihre Laufbahn in Internierungshäusern begonnen.

Die Aufklärung war einer inneren und äusseren Ordnung verpflichtet.

Die Methoden von damals sind überholt und sie werden heute kaum mehr verstanden und heftig verurteilt.

Aus der jeweiligen Zeit heraus beurteilt, wollten Politiker und Psychiater für die Menschen meist das Beste.

Sie wollten ihnen Glück ermöglichen, begingen jedoch immer dann einen unverzeihlichen Fehler,

-         wenn sie die Menschen entweder zu einem Glück zwingen wollten,

-         und immer dann, wenn ihnen eine übergeordnete Ordnung oder Ideologie wichtiger war als der Mensch.

Das war in Triest so (die Ideologie, ein Klinikaufenthalt sei immer schlecht) und

es war in den Zeiten so, als psychisch Kranken, die Fortpflanzung untersagt, und sie als unwerte Esser physisch eliminiert wurden.

Das wurde mit einer höheren Ordnung legitimiert und ganz rational hergeleitet, von Politik und Psychiatrie.

Ist dieses Gedankengut überwunden?

Wir wollen es alle hoffen. Die rechtsstaatliche Kontrolle ist gewiss massiv verbessert.

Aber bleiben wir wachsam!

Die Menschen sollen in Zukunft genetisch erklärt werden können. Zusammen mit der Verabsolutierung alles Ökonomischen kann das zu einem schrecklichen Sprengsatz werden. 

 

II. Erinnerung an die Zeit in der Regierung

Meine zweite politische Erinnerung an die Psychiatrie stammt aus meiner politischen Regierungsverantwortung: Der Mord von Zollikon.

Zunächst gab es mediale und politische Schuldzuweisungen an die Behörden und den zuständigen Regierungsrat, ganz ähnlich wie wir das heute gegenüber den KESB erleben.

Nachher verlagerte sich die Diskussion allmählich auf die psychiatrischen Fachleute, welche die Gutachten erstellt hatten.

Ich organisierte damals in einer Art Vorwärtsstrategie einen ausgiebigen Diskurs zwischen Psychiatrie und Politik, ein Diskurs, der bei späteren ähnlichen Fällen immer wieder aufgenommen wurde.

Der Suizid des Kopiloten bei Germanwings (und damit der gleichzeitige Mord an den Passagieren und der Besatzung) lief in der öffentlichen Rezeption ganz ähnlich ab.

Medial erfolgte bald eine Schuldzuweisung an die Konzernspitze und an die Fliegerärzte, welche das Luftfahrbundesamt nicht informiert hätten; (es hätte der Vermerk SIC (specific regular medical examinations = regelmässige ärztliche Betreuung nötig) nicht nur in der Lizenz, sondern auch im Tauglichkeitszeugnis angebracht werden sollen.)

Meine persönliche Reaktion auf den Germanwings Unfall zeigt mir eine Veränderung, die auch vor Psychiater erwähnt werden darf:

Wer es einmal erlebt hat (Zollikoerberg, Überlingen, Crossairabsturz), eine Katastrophe zunächst aus den Medien zu erfahren und zunächst als Mensch und Mitmensch betroffen zu sein, sich dann aber unvermittelt im grellen Scheinwerferlicht von Medien und politischen Gegnern sieht, die ihn als verantwortlich und schuldig am Tod anderer Menschen machen wollen, denkt und fühlt anders, wenn sich das Szenario wiederholt, auch wenn andere auf die Anklagebank gedrängt werden.

So wenig ein Kausalzusammenhang besteht, so sehr nagen dennoch die Zweifel. Sie zu zeigen, wäre aber ein Schuldeingeständnis und die politische Exekution würde unmittelbar erfolgen. Das führt zur Verhärtung, zu schroffer Rechthaberei und verunmöglicht den Diskurs. Dies wiederum führt zu Verhärtungen und schroffer Rechthaberei.   

Die Positionen von Politik, Psychiatrie und Justiz schaukeln auf und ab auf den Wogen und Wellentälern sich abwechselnder Weltanschauungen über Sicherheit und Freiheit. Die Justiz subsumiere ich dabei, formaljuristisch nicht ganz korrekt, unter Politik, denn die Richter werden von Parlamenten je nach politischer Zusammensetzung gewählt und sie bleiben gesellschaftlichen Strömungen nicht weniger ausgesetzt als alle anderen Menschen.

Es besteht der Anspruch gegenüber Behörden auf Sicherheit der Menschen. Ein Staat, der den Bürgern Freiheit garantieren will, kann keine absolute Sicherheit organisieren. Das führt zu einem ständigen Pendeln zwischen Freiheits- und Sicherheitsparolen, die jeweils alle politischen Parteien erfasst.

Eine KESB versuchte kürzlich, den FFE als Mittel zu nutzen, um die Öffentlichkeit vor einem Brandstifter zu schützen (St. Urban) und wurde durch ein kantonales Verwaltungsgericht korrigiert. 

Um Gewalttäter oder Raser wirklich zu verhindern, müssten alle Autofahrer, alle Menschen überwacht, ja, konsequent bis zu Ende gedacht, sogar vorsorglich interniert werden.

Der Copilot von Germanwings oder ein Sexualtäter sind in meinen Augen nicht das „Böse“, wie sie in den Medien betitelt wurden, aber eben doch unbestritten ein Risiko für andere Menschen.

Absolute Sicherheit organisieren zu wollen bedeutet, die Freiheit zu zerstören.

Das Böse im Keim ausrotten zu wollen, ist Hybris.

Das lodernde Feuer für das Gute wird so selber zum Bösen.

Oder: „Wer die Fehler nicht will, will die Menschen nicht“ (Konsul Thrasea Paetus, Padua 56 nach Chr).

Das Dilemma zwischen Sicherheit und Freiheit führt die politisch verantwortlichen Behörden und Gerichte in einen eigentlichen Notstand. Sie versuchen, sich mit psychiatrischen Gutachten zu versichern und geben so ihre Verantwortung wie eine heisse Kartoffel weiter.

Für mich als Politiker gilt und galt:

Die Grenzziehung zwischen Risiko und Sicherheit ist eine politische. Entsprechend tragen die Gesetzgeber und die Regierungen eine politische Verantwortung und zu dieser müssten sie stehen.

Sie müssten benennen, welches Risiko sie eingehen wollen und welches ihnen zu teuer ist. Und Politik bedeutet, wie mir mein Studienfreund schon damals beibrachte, immer Kompromiss.

Indem die Politik versucht, diese Wertung auf die Wissenschaft oder die Psychiatrie abzuschieben, verführt sie diese, politisch zu werden und nimmt ihre eigene Verantwortung nicht mehr wahr.

Der ehrliche politische Entscheid wäre:

Entweder verletzen wir Grundrechte der Inhaftierten oder aber wir nehmen das Risiko einer Rückfälligkeit in Kauf. Das widerspricht einer Politik der einfachen Lösungen, die dies- und jenseits des Atlantik um sich greift. 

Zu politischen Wertungen gedrängt, erliegen viele Wissenschaftler, Gutachter, Ärzte dieser Versuchung. Sie verlassen ihren wissenschaftlichen Auftrag, wenn sie Phänomene nicht nur messen oder beschreiben, sondern ihre Befunde auch gleich noch rechtlich bewerten.

Es gibt Ärzte, denen gefällt diese Macht durchaus:

Robert Musil hat im Mann ohne Eigenschaften einen Prozess gegen geistesgestörten Mörder umschrieben:

„Es ist eine bekannte Erscheinung, dass der Engel der Medizin, wenn er längere Zeit den Juristen zugehört hat, seine eigene Sendung vergisst. Er schlägt dann klirrend die Flügel zusammen und benimmt sich im Gerichtssaal wie ein Reserveengel der Jurisprudenz.“ (Ambros Uchtenhagen ging weiter und sprach gar vom „Erzengel der Justiz“.)

Im engen, oft kaum zu entwirrenden Gewebe von objektiver Ursache und subjektiver Schuld verstrickt sich die Politik ebenso wie die Psychiatrie.

Beide wollen ja eigentlich aufklären, Licht und Vernunft einbringen.

Die Psychiatrie wollte die Menschen von der Vorstellung befreien, es seien Teufelsaustreibungen und Hexenverbrennungen notwendig. Sie hat das heute im grossen Ganzen geschafft.

Aber: Sie hat mit Psychopharmaka auch wieder verschleiert

(nicht nur verschleiert, das will ich ausdrücklich betonen, denn Medikamente haben natürlich auch befreit).

Die Politik wollte ebenfalls aufklären.

Befreite Menschen sollen als Bürger den Staat gemeinsam gestalten. Aber auch sie hat diesen Fortschritt verschleiert mit einer zunehmenden Flut Vorschriften, die den Bürger letztlich entmündigen und ihm ethische, selbstverantwortliche Entscheidungen abnehmen. 

Ihre Präsidentin Rota beklagt heute im Tagesanzeiger auch eine zunehmende Bürokratie, die eine Misstrauenskultur schaffe.

Die Hexenverbrennungen lodern heute am politischen Horizont wieder auf. In Demagogie und Populismus schaukeln sich Volkstribun und Publikum gegenseitig hoch und gaukeln einfache Lösungen vor und zeigen auf die Hexen, nämlich Ausländer und Behinderte (auch der soeben gewählte US Präsident).

Die Anhänger der Populisten sind verzückt darüber, dass ihre Bauchgefühle nicht mit kritischen Wahrheiten konfrontiert, sondern im Gegenteil angeheizt werden. Der Tribun seinerseits geniesst die zurückbrandende Zustimmung und badet sich lustvoll in den Ovationen, eine win-win Situation meist zulasten anderer,

ein doppelter Gewinn der Selbstgefälligkeit für den Populisten und seine Groupies, die von ihm aus Dankbarkeit gleich zum ganzen „Volk“ erklärt werden.

Gewiss, es geht immer, und das wollen wir uns alle eingestehen, auch um Selbstdarstellung, darum, sich zu inszenieren, zu gefallen. Auch das trifft für beide Berufe zu:

-         Der Kinderarzt Beat Richner (dem vorgeworfen wird, er inszeniere sich vor allem selber) oder

-         der Psychiater Bertrand Piccard, der sich, Helios gleich, rund um den ganzen Globus in Glanz und Gloria seines himmelstürmenden Solarwagens sonnt.

Doch halten wir fest: Jeder Antrieb unseres Tuns, seien wir Psychiater oder Politiker, ist in den Tiefen der Seele begründet. Motivforschung über die inneren Beweggründe eines sozialen Engagements oder einer politischen Mission droht bald, in Gesinnungsinquisition zu enden.

Was zählt, ist das gesellschaftspolitische Resultat und nicht, ob das Motiv egoistisch oder altruistisch sei.

Darum ist die Feststellung, dass Narzissmus und Macht zueinander gehören, eine banale Binsenwahrheit, niemals aber ein Vorwurf.

Der berechtigte Vorwurf des Narzissmus’ liegt anderswo, nämlich dort, wo Macht um der Macht willen ausgeübt wird, wo sie für persönliche Vorteile oder für Manipulation missbraucht wird. 

III. Blick zurück in die Zeiten der Polemik

Alter schützt vor Torheit nicht und so ertappte ich mich auch nach dem Rücktritt in einer Verstrickung mit der Psychiatrie.

In einer politischen Ansprache sagte ich:

„Wir können nicht immer nur Nein sagen, Nein zum EWR, Nein zur EU, Nein zu Freizügigkeit, alle internationalen Zusammenschlüsse stets nur als Bedrohung anzusehen, die Einwanderung radikal unterbinden und kontingentieren. Ein Staat, der sich abkapselt und nur autistisch für sich allein existieren will, ist so erbärmlich wie ein Mensch, der nur für sich allein leben will.“

Am Tag darauf erhielt ich ein Mail:

„Die Bedeutung der Begriffe "autistisch" und "erbärmlich" fast gleichzusetzen, finde ich unglücklich und fragwürdig. Ihre Formulierung könnte für autistische Personen verletzend und herabwürdigend sein. Sie sind ja nicht selbstverschuldet Autisten!“

Ich wurde dabei ertappt, eine Behinderung als Schimpfwort für meine Gegner zu verwenden.

Als ich weiter über meine fahrlässige Unbedachtheit nachdachte, kamen mir andere Wörter in den Sinn, welche in der Politik gebraucht werden, um den Gegner zu diskriminieren: 

Krüppel, Siech, Scheininvalide, Beamte in geschützten Werkstätten

Idiotie, Schizophrenie, Narzissmus, Hysterie, depressiv.

Die politische Korrektheit in der Wortwahl führt zu einem weiteren Berührungspunkt von Politik und Psychiatrie:

Der Vorwurf, krank, vor allem psychisch krank zu sein, wird als ehrverletzende Waffe genutzt.

Schon physische Erkrankungen können politische oder mediale Folgen haben, schon gewöhnliche Erkältungen:

(Ich kann mich erinnern, dass ich einmal, als der Nationalratssaal umgebaut und deswegen nicht geheizt war, mit einem Mantel meine Stunden absaß, worauf 20 Minuten titelte: „Wie krank ist Leuenberger?“

Darauf musste meine Kommunikationsabteilung zum Nachweis antreten, ich sei nicht krank.

Ein Journalist aus der Romandie setzte zum Nachschlag an:

Ob ich beweisen könne, keine Antidepressiva zu nehmen.)

Es gibt zahlreiche politische Schimpfwörter, die eigentlich psychiatrische Begriffe sind:

  • "autistisch", „schizophren“ „hysterisch“, „idiotisch“. Diese Wörter werden in der politischen Auseinandersetzung, vor allem in den so genannt „sozialen“ Medien, massenweise verwendet. Von daher müssten wir eher von „unsozialen“ Medien sprechen...
  • Worte aus der psychiatrischen Diagnostik werden im politischen Kampfgetümmel "metaphorisch" verwendet. Sie werden zu herabmindernden Waffe. Wer die Waffe gebraucht, entlarvt sich nicht nur als Ignorant, sondern als Verächter kranker Mitmenschen.  
  • Deswegen muss dann die Psychiatrie neue Begriffe finden, weil die alten entwertet und entmenschlicht wurden.
  • So ist das Wort hysterisch aus der ICD-10 (International classification of psychiatric disorders) gestrichen und durch histrionisch ersetzt worden (Histrio = der Schauspieler).
  • Idios/idiotes bezeichnet einen Menschen, der nur für sich allein sein will, der sich als Privatmann um den Staat foutiert. Dieses einst politische Wort fand vor langer Zeit Eingang in die psychiatrische Nomenklatur. Der Begriff, mit dem in alten Lehrbüchern die Geistesschwachen bezeichnet wurden, wurde allmählich zum Schimpfwort und aus diesem Grund kippte man auch ihn aus der Nomenklatur.
  • Das Wort „autos“ wurde von Eugen Bleuler als ein Symptom der Schizophrenie eingeführt, ein Rückzug auf sich selbst.

Heute wird Autist inflationär in Ehestreitigkeiten und auch als politische Waffe eingesetzt und so wird es wohl auch ersetzt werden müssen.

  • Begriffe wie Borderline, Narzissmus, sind in diesem Sinne auch politisch unkorrekt. Die Psychiatrie wird wohl auch hier wieder auf Namenssuche gehen müssen.
  • Umgekehrt frage ich mich, ob Ausdrücke wie „dissoziale Störung“ oder „emotional labile Persönlichkeitsstörung“, die in psychiatrischen Gutachten zu finden sind, nicht eigentlich schon fast flächendeckend auf alle Politiker angewendet werden könnten?

Ähnliche Entwicklungen beobachten wir in anderen Bereichen, wo Menschen hinter einem Begriff abwertend gesehen werden:

-         Die Dicken werden "beleibt", dann „vollschlank, dann "horizontal herausgefordert“.

-         Oder Alte werden zu Senioren.

-         Dass der frühere Fremdarbeiter zum Gastarbeiter wurde, hat seine Lebensumstände kaum verbessert. Es hat vor allem das schlechte Gewissen vieler Schweizerinnen und Schweizer beruhigt. Doch stets wechselnde Etiketten wirken nicht aufklärerisch.

Sogar im Umfeld der Psychiatrie selber gibt es diese Beobachtung:

-         Vom Asyl über die Irrenanstalt, die Heil- und Pflegeanstalt, die Psychiatrische Universitätsklinik gelangte man in Mannheim zum „Zentralinstitut für seelische Gesundheit“.

Die Psychiatrie will ihrem früheren Stigma entkommen und flüchtet sich in neue Namen.

Laufend werden neue Euphemismen gesucht mit dem Versuch, damit auch die innere Haltung zu verändern.

Das Wechseln der Etikette nützt so lange nichts, als der Inhalt, die innere Einstellung zu Kranken, Fremden oder Alten gleich, nämlich herabwertend bleibt. Ist also das Bemühen um eine politische oder psychologische Korrektheit nur vordergründig und daher nutzlos?

Ich glaube nicht.

Dass kranke Menschen als vollwertig begriffen werden, ist ein Erfolg dieser stetigen Bemühungen und kein geringer.

Auch Basaglia hat in Triest dazu seinen Beitrag geleistet.

Er stieß das Pendel als Reaktion auf einen unhaltbaren Zustand zwar etwas gar schnell in die Gegenrichtung. Wir und er mussten dabei

erfahren, dass das Gegenteil vom Falschen nicht das Richtige bedeutet.

Pendelbewegungen zeichnen ja auch immer die Wahrheitssuche auf, die vom Grundsatz ausgeht: „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“

Das Schwingen des Pendels zeigt uns aber auch: Nichts ist für immer erreicht. Der Rückfall in die Barbarei droht jederzeit. Wir stehen alle noch unter Schock der US Wahlen.

Die Manie um politische Korrektheit ist gelegentlich absurd.

Aber sie hat eben auch die Einstellung zu den Kranken verändert, und so Normen wie in der Bundesverfassung, das Gesetz über die Gleichstellung der Behinderten und die UNO Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen herbeigeführt.  

Da haben Psychiatrie und Politik in den letzten 50 Jahren durchaus erfolgreich paktiert und sie haben vieles erreicht. .

Es besteht Anlass zur Hoffnung. Für diese Hoffnung müssen wir alle weiterhin arbeiten.