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Texte

Wenn der Wähler Trost braucht

Artikel erschienen im Tagesanzeiger und Bund am Morgen nach der Wahlnacht in den USA, 7. November 2012
Moritz Leuenberger

Hat es Obama geschafft? Jetzt, wo ich diesen Beitrag schreibe, weiss ich es noch nicht und bin etwas nervös.

Es hätten, so wurde auch in renommierten Leitartikeln kommentiert, die himmelhoch jauchzenden Erwartungen unter seiner Präsidentschaft keine Gestalt angenommen. Kann es wirklich sein, dass seine Wiederwahl gefährdet ist, weil die damalige Begeisterung in den vier Jahren seiner Arbeit verebbt ist?

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Der Bauch denkt nicht

Moritz Leuenberger - Die Zeit, 30. Juni 2011

Eine direkte Demokratie wie in der Schweiz braucht den Kompromiss, den Ausgleich, die rationale Diskussion. Und keine hasserfüllte Demagogie oder billigen Populismus 

Zum letzten Mal war ich an Silvester in diesem Theater. Vor der Aufführung von My fair Lady hielt der Operndirektor eine Rede. Er nahm Bezug auf eine bevorstehende Abstimmung, die auch das Theater betraf. Eine Passage ist mir aufgefallen: « Im Februar findet die Volksabstimmung statt. Die Politik hat bereits entschieden. Jetzt geht es nur noch darum, dass das Volk auch Ja sagt. » Hoppla, dachte ich. Hoffentlich wird dem armen Direktor aus Deutschland kein Strick aus dieser Formulierung gedreht, denn sie widerspricht fundamental dem klassischen schweizerischen Selbstverständnis der direkten Demokratie. Es gibt doch nicht « die Politik » und « das Volk », sondern die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen bilden den Souverän. Sie gestalten den Staat. Sie sind die Politik zusammen mit den Vertretern in Parlament und Regierung. «Wir sitzen doch alle im gleichen Theater! »

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Taktik, Hoffnung oder Vernunft?

Energiepolitik ist von jeher ein Spielfeld für Taktierer aus allen Lagern. Nach Fukushima können wir uns das nicht mehr leisten. Eine gewaltige Aufgabe wartet. Von Moritz Leuenberger, NZZ Folio 4. April 2011

Noch hat der GAU in Japan keinen Namen, der sich uns wie Tschernobyl oder Harrisburg symbolhaft eingeprägt hätte. Fukushima ist vorderhand nur das letzte Glied der Kette Erdbeben – Tsunami – Reaktorschmelze. Im Moment wissen wir nicht, was allenfalls noch geschieht. Doch wir wissen: Das Desaster in Japan bedeutet einen Einschnitt in die weltweite Energiepolitik.

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Ein Liebesbrief

Moritz Leuenberger - Die Zeit, 17. März 2011

Warum Hans Magnus Enzensbergers Streitschrift zur EU von EU-Gegnern missbraucht werden könnte

Kein Zweifel, das »Sanfte Monster Brüssel« wird die Schweiz erobern. Den EU-Gegnern wird es als Fundgrube für Zitate zu dienen, um genüsslich gegen den Bürokratismus der EU vom Leder zu ziehen. Die genormten Gurken werden, obwohl die Vorschriften längst aufgehoben sind, ebenso als Lachnummer dienen, wie die Glühbirnen, von denen auch die Schweizer Abschied nehmen müssen. Dass mit der »Entmündigung Europas« auch die Entmündigung der Schweiz einhergeht, weil diese den Weg des »autonomen Nachvollzuges« geht, diesen Widerspruch in sich selber, wird von den Schweizer EU-Gegnern ausgeblendet werden.

 

Auch wer mit dem offiziellen Parteiprogramm der SP den Kapitalismus überwinden will, wird aus dem Buch rezitieren können, denn Enzensberger analysiert richtigerweise, wie die global agierende Wirtschaft und ihr Wertediktat ein so politisches Gebilde wie die EU im Würgegriff halten.

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Dem traurigen Trend des Lärms trotzen

Carte Blanche zum Start der Online Zeitung Journal21, 10. September 2010

"Ich darf hier schreiben, was ich will, absolute Freiheit ist mir gewährt. Wie verlockend und verführerisch! Doch auch: Wie schwierig! Allein vor einem weissen Blatt, so ganz ohne Titel, so ganz ohne Erwartung der Herausgeber und der Leser.

Wie viel einfacher ist es doch, sich die Freiheit herauszunehmen, einen zugewiesenen Rahmen auszureizen oder zu sprengen, sich einen Freiraum zu erkämpfen. Was ist denn absolute Freiheit ohne jede Grenze? Ist sie nicht einfach Vakuum, ein Nichts, ein Abgrund ohne Inhalt? Wer Freiheit wahrnimmt, schafft immer einen neuen Inhalt, also auch neue Grenzen. Tut er das nicht, ist seine Freiheit ohne Substanz, ohne Bedeutung und ohne Verantwortung.

Spielen wir den Gedanken anhand der Medienfreiheit durch:

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Leuchttürme statt Barometer

Text erschienen in der NZZ vom 23. September 2009

Für mich als Schüler hiess das Rezept gegen Informationshunger und Wissensdurst „drei Mal täglich die NZZ". So oft erschien sie damals pro Tag und berichtete über nah und fern. Heute bestätigt sie mir noch einmal morgens, was ich tags zuvor schon online, am TV und am Radio erfahren habe? Selbstverständlich bietet sie mehr als das. Würde sich eine Zeitung tatsächlich aufs Repetieren von News beschränken, erschiene sie überhaupt nicht mehr.

Kampf auf Aufmerksamkeit

Die Strukturen im Zeitungswesen haben sich seit damals gründlich gewandelt, und sie werden sich weiter wandeln. Zeitungen lösten sich von politischen Parteien oder Kirchen, zu denen sie einst gehörten, wurden zu publizistischen Unternehmen, ausgesetzt den Höhenflügen und Krisen der Märkte. Dem Inseratemarkt steht der Publikumsmarkt gegenüber, auf dem die Zeitungen sich im Kampf um die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser und gegen die neuen Medien, Radio, TV, Gratiszeitungen und das Internet, behaupten müssen. Neue Medien haben die bisherigen nie zum Verschwinden gebracht, doch sie haben sie verändert. Die bisherigen taten immer gut daran, die Veränderung selber aktiv zu gestalten, statt sich in überhastete Reaktionen drängen zu lassen.

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