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Design und Politik

Ein Flirt anlässlich der Preisverleihung des Design Preis Schweiz 1997, Langenthal, 7. November 1997

Die Beteiligung des Bundesrates ist fester Bestandteil Ihrer Veranstaltungen. Für frühere Jahre sah ich Vorworte von Flavio Cotti und Ruth Dreifuss und entdeckte Otto Stich als Mitglied des Patronatskomitees. Wenn ich heute persönlich vorbeikomme, muss ich rechtfertigend darauf hinweisen, dass Sie das nicht nur ausdrücklich gewünscht haben, sondern Sie anerboten sich, mir die Ansprache auch gleich zu formulieren. Das wäre zwar sicher besser herausgekommen, als es jetzt kommt, doch hätte ich mich - hätte ich das Angebot angenommen - fragen müssen, was denn meine Rolle bei Ihnen sei. Würde ich, Ihre eigene Rede haltend, nicht zum blossen Aushängeschild, zur Werbung oder zum Design Ihrer Preisverleihung?

Taugt ein Bundesrat überhaupt zu einem Design für diesen Anlass? Denn Sie und ich wissen: Design ist ohne Bezug zum Inhalt nicht nennenswert, geschweige denn eines Auftrittes würdig. Deswegen musste ich mich zunächst selber fragen: Was habe ich als Bundesrat mit Design zu tun?

Zunächst bin ich mit Design so vordergründig konfrontiert, wie das jede Person im eigenen Beruf auch ist:

  • Ich freue mich an dem architektonischen Bewusstsein der SBB bei Bahnhofswettbewerben, der künstlerischen Gestaltung von Doppelstockwagen und Tunneleingängen
  • Ich durfte bis vor kurzem persönlich Briefmarken bewilligen - allerdings erst nachdem eine Jury über die Wettbewerbe der Graphiker entschieden hatte.
  • Ich ärgere mich jeden Tag über das Design meines Telefonapparates und beneide meinen Kollegen Delamuraz, der es wagte, mit der Faust zuzuschlagen und die Hässlichkeit zu zertrümmern. (Ich tröste mich dann immer wieder an meinen Vorhängen, die aus Langenthal stammen.)

Doch das sind vordergründige Begegnungen.

Einen Schritt näher sehen wir, dass auch die Politik selber ein Design zeigt.

I. Inhalt und Form

Design stellt einen Inhalt vor, ermöglicht uns, einen Inhalt wahrzunehmen. Darstellung und Inhalt sind voneinander abhängig. Ich sehe drei Stufen gegenseitiger Abhängigkeit:

1. Das Ideal: Der Inhalt ist die Form

Vollkommenste und meines Erachtens zu erstrebenste Stufe ist die Identität von Inhalt und Form. "Form follows function". Eine Herztortenform ist eine Herztortenform, ihr Zweck ergibt das Design.

Dieses Ideal gibt es auch in der Politik, kommt aber praktisch kaum vor: eine ehrliche und überzeugte Politik bedarf keiner Redekurse. Ausdruck und Ueberzeugungskraft wird durch den Inhalt genügend definiert. Das heisst, dass ein glaubwürdiger Politiker nicht unbedingt auch ein guter Redner sein muss. Er muss sich wegen des Inhaltes gar nicht um die Aeusserungsform kümmern. Denken wir an Dubcek während des Prager Frühlinges. Er stotterte und rang nach Worten. Doch dies tat ihm und der Glaubwürdigkeit seiner Politik keinen Abbruch. Ihr Inhalt war in der damaligen Zeit auch von existentieller Bedeutung. Heute, nach dem Fall des eisernen Vorhangs, spielt das Design auf der Pragerburg denn auch wieder eine grössere Rolle.

2. Der Gegenteil: Die Form allein prägt den Inhalt

Die entgegengesetzte Erscheinungsform ist dann erreicht, wenn einzig die Form den Inhalt bestimmt, wenn dieser gar keine eigenständige Rolle mehr hat. Das kann vom Gag bis zur Mogelpackung, von der Belanglosigkeit des Inhalts bis zum Etikettenschwindel gehen.

Auch dafür gibt es Beispiele in der Politik: In den Medien überhaupt erwähnt zu werden - und zwar gleichgültig ob negativ oder positiv -, ist für viele erstrebenswert. Der Luzerner Verkehrsdirektor ist froh um jede Erwähnung Luzerns in der Welt, ganz egal, ob die Schlagzeile gut oder schlecht ist. Und so fragen wir uns denn, ob der Brand der Kapellbrücke oder der heutige Preis an Thomas Held und Franz Kurzmeyer für die Stadt Luzern mehr öffentliche Sympathie bringen werden...

Auch an Beispielen für Etikettenschwindel fehlt es nicht in der Politik: "Jugend ohne Drogen" war in Titel und Propaganda ein Versprechen, das nie hätte gehalten werden können.

3. Der Normalfall: Inhalt und Form bedingen sich gegenseitig

Das Ideal, die ausschliessliche Formgebung durch den Inhalt wird kaum je erreicht und die absolute Unterordnung des Inhaltes unter die Form wird - jedenfalls in der Politik - nie zugegeben. Es bleibt der Normalfall: Form und Inhalt werden separat wahrgenommen, aber sie lassen sich doch nicht voneinander trennen.

Die Form erklärt den Inhalt. Der Inhalt zeigt sich in der Form. Die Form hilft, den Inhalt zu verkaufen, sie verführt dazu, den Inhalt zu konsumieren, sie unterstützt ihn in seinem Wettbewerb mit anderen Inhalten.

Es gibt diese Interdependenzen auch in der Politik: Es gibt die politische Ueberzeugung, die politischen Grundsätze als den Inhalt und es gibt den politischen Stil als die Form. Rhetorik und Kommunikationskurse, ja PR-Beratung gehören denn heute zum Alltag von Politikern. Sie sollen den politischen Inhalt besser verkaufen helfen - oder vertuschen, dass gar keiner da ist.

3.1 Priorität des Inhaltes

Es gibt auch andere Standpunkte, persönlich räume ich aber dem Inhalt Priorität ein. Ein Helikopter der Rettungsflugwacht stört mich nicht einmal nachts, während mich ein Sportflugzeug sogar am Tag nervt. Es geht nicht um Dezibel, um die akustische Erscheinungsform also, sondern um Sinn und Zweck des Fluges, um seine gesellschaftliche Funktion.

Von dieser Priorität des Inhaltes ausgehend ist ein Design dann gut, wenn es den Inhalt unterstützt und dann schlecht, wenn es ihn verschleiert.

3.2 Inhalt und Design in der Tagespolitik

Ein paar Beispiele:

  • Die Gestaltung eines Büros ist politisch. Es gibt einen "demokratischen" Tisch, der kein "oben", kein "unten" kennt, um den herum alle Stühle gleich sind und wo keine "autoritäre" Sitzordnung herrscht, sondern wo alle gleichberechtigt plaziert sind, weil alle ihren Sitzplan wählen können, wo nicht der Chef vor dem Fenster sitzt mit der Sonne im Hintergrund, welche die Besucher blendet.
  • Besonders autoritär und herablassend ist es, den eigenen Arbeitstisch als Besprechungstisch zu benutzen. Es entsteht ein autoritäres Gefälle, wenn Besucher auf kleineren Stühlen, die Knie gegen die Pultwand gepresst, Bücher vor der Nase, ohne Platz für die eigenen Unterlagen, sich der Ordnung des Gastgebers unterordnen müssen (meisterhaft beschrieben wird solch herablassendes Gebaren in Ryszard Kapuscinski: Das Imperium).
  • Auch das Schriftbild gedruckten Briefpapiers vermittelt einen politischen Inhalt oder zeigt kulturelle Unterschiede (imitierte Handschrift in der Romandie und in Diplomatenkreisen oder geprägte Antigua, welche die meisten Bundesräte der deutschsprachigen Schweiz benutzen). Am schlimmsten ist, wenn ein Computer eine beliebige Schrift hinklotzt, weil "er keine andere gespeichert hat", wahrlich, ein Diktat der Barbarei. Wer blind irgendeine Schrift in seinen persönlichen Briefen unterzeichnet, unterzeichnet auch, dass er auf Ästhetik seiner eigenen Gedanken keinen Wert legt, dass er nur beschränkt gestaltungswillig sein kann, dass er sich freiwillig der Technokratie unterwirft.
  • Auch nicht viel besser scheint mir ein multitypologisches Schriftenpotpurri, wie es heute Mode ist. Dieses Gezappe durch alle existierenden Schriftarten entspricht dilettantischen Hobbyköchen, die in eine Sauce sämtliche Küchengewürze schmeissen: Das Resultat ist beide Male nicht sehr appetitanregend.
  • Oder betrachten wir das Erscheinungsbild politischer Werbung. Der Inhalt von Zürcher SVP- oder AUNS-Inseraten ergibt sich oft bereits aus der Graphik. Wieso diese Wirkung? Vielleicht, weil Schrift und Karikaturen an die 30er Jahre erinnern. Und - leider - musste ich bei der Abstimmung über die Arbeitslosenversicherung feststellen, dass der SGB den gleichen aggressiven Tonfall, dafür mit einer grafischen Aufmachung à la Boulevardzeitung, wählte.
  • Die Aeusserungs- oder Erscheinungsform eines Politikers ist ein Hinweis auf seine politische Rolle oder darauf, wie er sie ausfüllen will:

Die Kleidung kann als Form den Inhalt zum Ausdruck bringen. Gestern bedeutete uns die Perücke von Louis XIV: "L'Etat, c'est moi", heute belehrt uns Kupfer-Wolle-Bast: "La morale, c'est moi".

3.3 Die Mode in Politik und Design

Design wird mit Mode assoziiert.

Mode ändert sich und wird bewusst geändert, um Bedürfnissen und Geschmäckern entgegen zu kommen und auch um sie zu ändern, immer mit dem Anliegen, Verbreitung zu finden, zu verkaufen. Dabei gibt es verschiedene Geschmäcker und dementsprechend verschiedene Tätigkeitsfelder. Das können die breite Volksmasse, eine bestimmte soziologische Schicht, eine Konsumentengruppe oder eine ästhetische Elite sein.

3.3.1 Direkte Demokratie und Mehrheitsgeschmack

Wer möglichst viel verkaufen will, muss mit dem mainstream schwimmen, sich also vollständig anpassen oder den Mehrheitengeschmack verinnerlicht haben. Wer von einer individuellen Idee überzeugt ist, muss ebenfalls Kompromisse eingehen, wenn er sie nicht nur für sich hegen sondern sie auch verkaufen und unter die Leute bringen will. Diese Notwendigkeit von Kompromissen gibt es auch in der Politik, und zwar in verschiedenen Graden: Es gibt politische Kräfte, welche glasklar ihre Ideen formulieren, diese aber nicht unmittelbar umsetzen  können. Das sind Verfasser von politischen Manifesten, von gesellschaftlichen Visionen, politische Kräfte, von denen es bei uns eher zu wenige gibt. Wer dagegen in einer Exekutive wirkt, ist immer auf Kompromisse angewiesen. Die Bundesräte also brauchen Mehrheiten und müssen bei Gesetzesvorlagen einem mainstream folgen, denn es gibt ja eine Volksabstimmung. (Ganz selten können sie in einer Rede sagen, was sie wirklich denken.) Insofern führt die direkte Demokratie zwangsläufig zu einer Einmittung, also auch zu einer Mittelmässigkeit all ihrer Exponenten, von Politikern und von Journalisten. "Unsere Politik muss der Mann der Strasse verstehen", höre ich oft in politischen Gremien. "Sind Sie denn nie an Stammtischen und hören, was das Volk denkt?", werde ich von Journalisten gefragt. Dass der "Stammtisch" wirklich das Mass aller Dinge sein muss, möchte ich bezweifeln. Eine politische Vordenkerrolle muss es auch bei uns in der direkten Demokratie geben.

3.3.2 Welchem Strom folgt die Mode?

Dass Design der Mode unterworfen ist, wissen die Designschaffenden. Sie wissen deswegen auch, dass jeder Inhalt selber einer Modeströmung unterliegt. Das ist bei der Politik nicht anders, nur dass Politiker dies nicht immer wahrhaben wollen. Nicht nur die Erscheinungsform (Wahlkampagnen, Sprache, Stilmittel, etc.), sondern auch der politische Inhalt selbst unterliegt Strömungen.

Wenn Inhalt und Form also stets Modeströmungen folgen, fragt sich, nach welchen Regeln dies geschieht. Oder: Nach  welchen Regeln entwickelt sich eine Gesellschaft? Gilt das Gesetz von Aktion und Reaktion, die Pendelbewegung? Wiederholt sich die Geschichte? Oder aber formen sich Inhalte nach anderen Werten, zum Beispiel nach der Vernunft oder der Moral? Und nach welchen Regeln verändert sich Gefühl und Verstand?

Das sind Fragen, zu denen mich Ihre Einladung unvermittelt führt, die ich aber im Interesse einer baldigen Preisverleihung heute nicht beantworten kann und will.

II. Beliebigkeit der Inhalte und des Stils?

Bei der Vorbereitung dieser Ansprache wollte ich ursprünglich zu einer gemeinsamen Verpflichtung von Design und Politik aufrufen, nämlich, dass es sowohl bei der Form als auch beim Inhalt absolute Grenzen geben müsse.

Nicht jeder Inhalt verdiene ein Design und nicht jedes Design dürfe möglich sein.

Aber gibt es tatsächlich absolute Grenzen? "Es gibt keine Ästhetik des Tötens", wollte ich glauben, doch es gibt den Stierkampf, es gibt Filme mit ästhetischen Sterbe-, Mord- und Gewaltszenen, in Zeitlupe zelebriert. Wir wünschen uns absolute Grenzen für Inhalt und Verbreitungsformen, wir hätten gern einen kategorischen Imperativ, stellen aber fest, dass dieser in absoluter gewissermassen transzendentaler Form nicht existiert. Wir selber sind es, die wir in ständiger Diskussion mit unserem Gewissen kategorische Imperative schaffen müssen. Wir setzen die Grenzen des Zulässigen. Sie sind in jedem Einzelfall zu eruieren und es gibt auch verschiedene Antworten. Es gibt die Ueberzeugung, ein Atomkraftwerk könne gar nicht ästhetisch sein. Das hängt von der ethischen Einstellung zum Inhalt, also zur Atomenergie ab. Ich kann - auch wenn ich Kernkraftskeptiker bin - die Befürworter nicht verurteilen und deswegen einen KKW-Kühlturm  auch schön finden. Ich kenne Architekten, die sich weigerten, ein Gefängnis zu bauen. Ich kenne solche, die aus politischer Ueberzeugung nie eine Grossbank bauen wollen, ... solange sie keinen Auftrag dazu erhalten. Sie haben sich beim Preis für einen Gegenstand aus Kunststoff gefragt, ob dies aus Umweltschutzgründen überhaupt zulässig sei (eine Frage, die Philipp Starck sehr einfach beantwortete: "Für meinen Stuhl musste kein Baum sterben!").

All diese Diskussionen führen wir, weil wir uns einig sind: Nicht jedem politischen Gedanken ist eine Verbreitungsform zu gewähren und nicht jeder politische Stil ist zu tolerieren. Politik und Ästhetik dürfen keine Beliebigkeit kennen.

Denn wir sind unserer Ueberzeugung, den Inhalten also, verpflichtet.

Wie zum Beispiel heute. Sie prämieren Design und zeichnen es mit Preisen aus. Aber ist es wirklich nur Design? Sind es nicht auch Inhalte? Was ist Inhalt, was ist Design? Die Trennung ist gar nicht so leicht vorzunehmen.

Ich habe mich am Anfang gefragt, ob ich als Ihr Design gebraucht würde und Sie fragen sich jetzt: Hat er uns für seine Inhalte missbraucht? Ich möchte mich dafür entschuldigen, doch andererseits: Ich wollte ja nur unterstreichen, dass sich Politik und Design gegenseitig bedingen, dass sie sogar einen rhetorischen Flirt ertragen und ich danke Ihnen, dass sie dafür eine Form, nämlich eine Plattform, zur Verfügung gestellt haben.